Um das von Regina Leupold geschriebene Buch zu verstehen, muss man möglicherweise ausgebildeter Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Medizin sein. Schon ganz zu Beginn stützt sie ihre Ergebnisse auf audiologische Untersuchungen und deren Ergebnisse. Eine Erläuterung derer findet aber nicht statt, scheinbar geht die Autorin eben davon aus, dass es sich dabei um absolut verständliche Verfahren und Begrifflichkeiten handelt, wenn sie auf Seite 17 davon spricht, dass sich die Ohrverwechslungen auf der Luftleitung (LL) oft "im Sprachbereich zwischen 1000 und 3000 Hz gleichzeitig mit einer tiefen "Schaukel" der LL-Kennlinie" zeige. Auch das in dem Buch angehängte Glossar bietet da keine Abhilfe: viele Begriffe sind darin erklärt, wie zum Beispiel "Relevanz", "Diagnose" oder "Syndrom" und "Symptom" (Personen, denen diese Begriffe nicht bekannt sind, ist das Lesen dieses Buches aufgrund der Schreibweise der Autorin absolut nicht zu empfehlen). Diese Begriffe werden im Buch mit einem kleinen Sternchen versehen, als Hinweis an den Leser, dass er ihre Bedeutung am Ende des Buches nachschlagen kann. Manchmal erscheinen diese Sternchen aber erst nach mehrfachem Auftauchen; die Abkürzung "dB" liest man auf fast jeder zweiten Seite, das entsprechende Sternchen als Vermerk für eine Erklärung im Glossar findet sich dann auf Seite 88. Zudem ist beispielsweise die Erklärung, dass es sich bei einem elektrischen Hörsimulator um ein "Gerät mit Filtern und Verstärkern und elektronischer Umwandlung von Klang und Sprache" handelt, absolut nicht hilfreich und wohl auch für jemanden, der nicht selbst mit einem solchen Gerät Erfahrungen sammeln konnte, völlig unverständlich. Und was genau sie unter dem "Regelkreis Schall-Ohr-Hirnrinde-Sprechen-Singen-Ohr" oder dem "Regelkreis Ohr-Thalamus-Gehirn-Thalamus-Sprache" (wobei der Thalamus wohl in diesem Fall nicht zum Gehirn gehört) versteht, bleibt dem Leser genau so ein Rätsel.
Nicht selten spricht die Autorin davon, dass eine große Zahl von Störungen und Erkrankungen durch konventionelle Therapiemethoden nicht zu beherrschen seien ("Echte Autisten lassen sich pädagogisch und therapeutisch kaum beeinflussen, eine kommunikative oder schulische Förderung ist bei diesen ausgeschlossen."), und dass einzig und allein ihre "audio-vokale Integration und Therapie" Abhilfe schaffen könne. Diese erklärt sie aber nicht vor dem achten Kapitel (Seite 105 von 148 insgesamt). Selbst dort sind es nicht mehr als drei Seiten, die einen kurzen Einblick in das Verfahren bieten. Und nach fast 40 weiteren Seiten mit Themen wie Ernährung, Früherkennung und vielem mehr, erscheint plötzlich, wenn man es kaum noch erwartet, eine sechs-seitige Erklärung über den Ablauf der audio-vokalen Therapie. Bis dahin muss sich der Leser auf jeder Seite mehrfach von der Großartigkeit der von Regina Leupold entwickelten Therapie-Methode und deren Erfolge bei scheinbar bis dahin unheilbaren Störungen überzeugen lassen, ohne auch nur einmal eine Erklärung zu bekommen, um was es sich dabei genau handelt. Das Verfahren scheint aber eine Wirkung zu haben, die an Wunder erinnert. Die Auflistung der von Regina Leupold gelösten Probleme ist ellenlang: Heilung von Migräne, Rauchentwöhnung, Beseitigung von Lampenfieber, Beruhigung des Magen-Darm-Trakt, Kinder verlieren ihre Angst vor Klassenarbeiten und vielem mehr.
Scheinbar verwendet die Autorin ihr Buch auch dafür, verschiedenste, zusammenhangslose Ungerechtigkeiten und Bosheiten der Welt anzuprangern. Sie alle haben entfernt mit dem Hören zu tun, wirken allerdings plump und ohne direkten Zusammenhang auf das Papier geknallt. So klagt sie während dem Kapitel "Trommelfellverletzung durch Röhrchen" plötzlich über die vielen Umweltgifte, denen Kinder ausgesetzt sind, wobei man sich für einige Zeilen in einer Greenpeace-Broschüre zu befinden scheint, und kurz darauf über die zu übertriebene Verwendung von Antibiotika. Zudem meint sie kurz danach: "Rock-, Pop- und Punkmusik zielen mit ihren tiefen und hämmernden Rhythmen auf den Körper und machen den Menschen letztlich energielos". Sie schreibt sogar, dass sie es für möglich hält, dass der Wunsch, solche Musik zu hören, nur ein "Symptom" einer Hör-Wahrnehmungsstörung ist. Dass zu laute Musik in Discos, bei Konzerten oder durch den Walkman, wie es in dem Kapitel beschrieben wird, schädliche Auswirkungen auf das Hören haben, möchte ich nicht bestreiten, allerdings gilt dies dann auch für die in dem Buch hochgelobten gregorianischen Gesänge. Der zitierte Satz scheint direkt auf diese Musikrichtungen abzuzielen und spiegelt eine typische Haltung besorgter Eltern in den 60er und 70er Jahren wieder, die Elvis Presley oder Jimmy Hendrix für die Vorboten der Hölle gehalten haben. "Sollte es nicht zu denken geben, daß man, im Gegensatz zur Discothek, nach einer durchtanzten Nacht mit Tanzkapelle fröhlich, heiter und beschwingt nach Hause geht und auch am nächsten Morgen positiv aufgeladen ist?". Die Abneigung der von der Autorin genannten Musikrichtungen und ihre Vorliebe für "durchtanzte Nächte mit einer Tanzkapelle" (beides möglicherweise auch Folgen einer Hör-Wahrnehmungsstörung) haben mit dem Thema, welches dieses Buch eigentlich behandeln sollte, nichts zu tun.
Leider enthält diese Rezension keine genaue Beschreibung des Buchinhaltes selbst, da ich selbst beim Lesen keinen solchen entdecken konnte. Es handelt scheinbar von der audio-vokalen Integration und Therapie, die die Autorin auf Basis der Audio-Psycho-Phonologie nach Alfred Tomatis entwickelte. Die Beschreibung dieses Verfahrens findet aber auf nur etwa 9 von etwa 150 Seiten statt (entspricht 6% des Buches!). Die übrigen Kapitel sind ein Wirrwarr aus zusammengewürfeltem Wissen über das Hören, Lobreden auf das von Regina Leupold entwickelte Verfahren und zusammenhangsloses Philosophieren über das Schlechte auf der Welt (Rockmusik, Umweltverschmutzung, Antibiotika und Krankenkassen). Zudem scheint sie sehr großzügig bei der Vergabe der Diagnosen zu sein, denn bei Kindern, die beim Singen die Töne nicht treffen, besteht unbedingt der Verdacht auf eine "auditive Blockade". Somit leiden, grob geschätzt, 95 % meiner Freunde und Bekannten unter einer Hör-Wahrnehmungsstörung. Der Titel des Buches ist auf jeden Fall nicht korrekt: Betroffene erfahren aus diesem Buch nichts neues, Eltern werden es wahrscheinlich nicht verstehen. Wenn überhaupt, dann ist dieses Buch für Ärzte und Logopäden geeignet, wobei ich von meinem Wissensstand aus auch nicht sagen kann, ob diese Berufsgruppen durch dieses Buch etwas Neues erfahren können.