Mit wissenschaftlicher Akribie stellen verschiedene Autoren das Entstehen und die Auswirkungen des §166 in Deutschland dar. Einmal war es "Gotteslästerung", später hieß das Delikt "Verletzung religiöser Gefühle" oder "Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung" - der §166 wurde nach Belieben und sehr flexibel eingesetzt, sodass einmal "Gott" durch ihn geschützt werden musste, dann der gläubige Mensch, dann alle Menschen und die ganze Gesellschaft im Namen ihres öffentlichen Friedens. Selbstverständlich können nur die religiösen Gefühle der Christen geschützt werden - religiöse Minderheiten oder Sekten haben keinen Anspruch auf Schutz. Sogar Kritik an Adenauers Politik wurde mit dem Blasphemie-Paragraphen verfolgt! Schließlich wurde und wird der Gotteslästerungsparagraph beliebig als Mittel zur politischen Zensur benutzt. "Das 'Heilige' hält so wieder Einzug in die Politik, indem Themenbereiche aufgebaut werden, über die keine kontroverse Diskussion erlaubt scheint. Indem Politik von Irrationalem geprägt ist, wird eine Immunisierung bestimmter Aussagen gegenüber Kritik erreicht." Es entstehen "letzte Wahrheiten", die nicht hinterfragt werden (dürfen). Erhellend war an der Lektüre vor allem, wie sehr sich öffentliche Stellen immer wieder zu Zensur- und anderen Unterdrückungsmaßnahmen (Verbot von Veranstaltungen) von der Kirche einspannen ließen (lassen), ohne auch nur den Stein des Anstoßes zu kennen. "... manche Urteilsbegründung list sich wie ein theologischer Traktat." Häufig gelingt es der Kirche auch, ihre Schäflein derart aufzuhetzen, dass Kritiker regelrecht mit Morddrohungen eingedeckt werden. Ist das der Fall, so wird (wie im folgenden Fall von M.S. Salomon) dies als Beweis gesehen, dass der Bedrohte den öffentlichen Frieden gestört hat (sonst wäre der Pöbel ja nicht so aufgebracht, logischerweise). Giordano Bruno läßt grüßen ...
Die Aktionen von M.S. Salomon (dem Autor des letzten Aufsatzes im vorliegenden Werk) hatten ein gerichtliches Nachspiel: das "Maria Syndrom" erregte die Gemüter genauso wie das Verteilen von "vegetarischen Hostien ('Kein Heiland drin')" vor dem Trierer Dom. Salomon geht es bei der Diskussion des Urteils "nicht um eine persönliche Kritik an den individuellen Fähigkeiten der Koblenzer RichterInnen, sondern um das perfide System staatlich normierter, struktureller Dummheit, ein System, das nicht nur RichterInnen immer wieder zwingt, in heiklen Angelegenheiten ihre zweifellos vorhandenen intellektuelle Fähigkeiten gekonnt vor sich und der Welt zu verbergen ..."
Ein kurzer Abriß über den §166, aber einer, der sehr tief in die Seele unserer (wann kommt entsprechendes über den § 188 in Österreich?) Gesellschaft blicken läßt. Wer noch tiefer blicken möchte, dem sei empfohlen von Hubertus Mynarek: "Herren und Knechte der Kirche".