Diese Erkenntnis des Ich-Erzählers Zeno ist eine Art roter Faden, der sich durch dieses Buch zieht. Zeno Cosini schildert darin sein Leben, weil ihm sein Psychoanalytiker dazu geraten hat: Schreiben Sie, schreiben Sie! Sie werden sehen, es wird Ihnen gelingen, sich im Ganzen zu sehen. Wohlan: Zeno schreibt. Nach einer kurzen Vorrede beginnt er sogleich mit dem Rauchen und seinen vielen vergeblichen Versuchen, dieses zu beenden. Es geht weiter mit dem Tode des Vaters, seinen Bemühungen eine passende Braut zu finden, seiner Geliebten, seinen unternehmerischen Erfolgen und oder Misserfolgen, natürlich auch mit seinen Erfahrungen in der Psychoanalyse. Wenn Zeno nun das Leben als originell begreift, so liegt dies daran, dass allzu häufig seine Pläne vom Schicksal durchkreuzt werden. Oder, um es mit den Worten Zenos zu sagen: .., es hängt vom Zufall ab, ob man über ein bewegliches oder ein unbewegliches Rad gehängt wird. Davon wegzukommen, ist immer schwer. (S. 440) Der Zufall als treibende Kraft? Das vermeintlich Unerwünschte stellt sich jedoch zumindest für Zeno als segensreich heraus.
Seine Frau, die Hässlichste von vier Schwestern, die schielt und stumpfes Haar hat, und die er nur deshalb um ihre Hand bittet, weil ihm die zwei anderen zuvor einen Korb gegeben haben, die vierte zu jung ist. Augusta weiß davon, hat der junge Mann sie doch im Dunkeln mit ihrer Schwester Ada verwechselt. Jedoch, er erklärt ihr, offen und ehrlich, dass er ein guter Kerl sei, "..und ich glaube, mit mir kann man ganz gut leben, auch ohne dass große Liebe dabei ist" Worauf ihm Augusta antwortet: "Sie, Zeno, brauchen eine Frau, die bereit ist, für Sie zu leben, und die Ihnen beisteht. Ich will diese Frau sein." Das hört sich fast nach einer geschäftlichen Abmachung an, ist jedoch, wie sich im Verlauf der Geschichte herausstellt, eine gute Grundlage für die Ehe.
Bemerkenswert an diesem Roman ist die Situationskomik. Ob es nun die spiritistische Sitzung ist, deren Ergebnis der junge Mann zu beeinflussen sucht, oder seine Versuche mit seinen kläglichen Geigenkenntnissen zu beeindrucken. Ach, Zeno ... er scheint sich wie ein Tollpatsch durchs Leben zu bewegen. Aufgrund von immer neuen Verwicklungen, die Zeno oder seinen Schwager Guido betreffen (der Taugenichts, den Ada vorgezogen hat), bleibt der Spannungsbogen erhalten. Daneben kann der Leser auch noch einige Lehren mitnehmen. Nicht nur den oben erwähnten Zufall, sondern auch ganz Reale, zum Beispiel zum Börsengeschehen, auch das Thema kreative Buchführung wird angesprochen. Zeno, der für seinen Schwager als Buchhalter arbeitet, sieht sich mit einem unerwartet hohen Verlust konfrontiert, der - so wünscht es Guido - nicht transparent dargestellt werden soll. Wie das geht? Nun, da müssen Sie schon ihren Geldbeutel öffnen, und dieses Taschenbuch kaufen, um es selber zu lesen.
Der Autor, Hector Aron Schmitz, genannt: Ettore Schmitz (1861-1928), wählte als Pseudonym für seine schriftstellerischen Ambitionen den Namen Italo Svevo (Der italienische Schwabe). Seinen ersten Roman
Ein Leben (Una vita) veröffentlichte er 1892. 1898 folgte
Ein Mann wird älter (Senilità). Beide Bücher wurden kaum beachtet. Die fehlende Anerkennung veranlasste Svevo zum literarischen Rückzug. Rund fünfundzwanzig Jahre veröffentlichte er kein weiteres Werk. Er heiratete eine Dame aus wohlhabendem Haus, trat in die Firma seines Schwiegervaters ein und feierte unternehmerische Erfolge. Aus geschäftlichen Gründen musste er seine Englisch-Kenntnisse auffrischen, und lernte dadurch
James Joyce kennen, der damals als Englischlehrer seine Brötchen verdiente. Sie wurden Freunde, lasen sich gegenseitig ihre Geschichten vor, und Joyce war offenkundig beeindruckt von Svevos Talent. So steht es zumindest in der
Joyce-Biografie von Richard Ellmann, wenn man den Ausführungen von
Wilhelm Genazino glauben mag, die am Schluss dieses Buch abgedruckt sind. Svevo begann wieder zu schreiben und veröffentlichte 1923 den vorliegenden Roman. Die italienischen Kritiker ignorierten ihn immer noch. Dank der Unterstützung von Joyce wurde sein Buch jedoch in Frankreich positiv aufgenommen. Die späte Anerkennung motivierte Svevo weiter zu schreiben. Erzählungen und ein unvollendeter vierter Roman (Der Greis - Il vecchione) folgten bis zu seinem Tod in 1928. Eines wird bei diesem Lebenslauf mit Sicherheit deutlich: die Bedeutung von aufrichtiger, selbstloser Freundschaft, und dass man niemals aufgeben sollte.
Zur Übersetzung: Svevo beherrschte zwar den Triester Dialekt, war jedoch im Italienischen unsicher, was ihm von der italienischen Kritik als "schlechter Stil" ausgelegt wurde. Die Übersetzerin Barbara Kleiner erläutert im Anschluss an den Roman diese Besonderheiten und zeigt auf, wie unterschiedlich sie bzw.
Piero Rismondo, der mit Svevo befreundete erste Übersetzer seines Werkes, damit umgegangen sind. Des Weiteren finden sich im Anschluss auch Anmerkungen, in denen Personen und oder Besonderheiten der damaligen Zeit erläutert werden. Zum Beispiel was Soldi sind (Währung), was der Tergesto ist (ein eindrucksvoller Bau, in dem zu Svevos Zeit die Börse untergebracht war), oder auch das Wortspiel US (ultima sigaretta = Letzte Zigarette).
Mein Fazit:
Zeitlose Inhalte, die heute noch genauso wirken wie damals im Jahr 1923 bei ihrer Veröffentlichung (wenn man davon absieht, dass man zu Beginn des letzten Jahrhunderts - Ärzte inklusive - Rauchen als harmlos angesehen hat und nur der gute Zeno damit aufhören wollte). Der Schreibstil ist gut lesbar. Der Aufbau ist kurzweilig und amüsant. Und so nebenbei erhält man noch die eine oder andere Lektion in Sachen Lebenskunst und unternehmerisches Wirken. Für mich persönlich war dieses Buch eine angenehme Überraschung. Ein Roman, den ich gerne weiter empfehle. Ein besonderes Dankeschön sei gesagt für die beigefügten Anmerkungen zur Übersetzung und den sehr interessanten Aufsatz von Wilhelm Genazino.
Weitere Ausgaben:
Hörbuch
Zenos Gewissen. 2 CDs.Zeno Cosini. 15 CDs. . Hörempfehlung von Harald SchmidtÜbersetzung von Piero Rismondo
Zeno Cosini