Inken Prohl ist Wissenschaftlerin - genau: Professorin für Religionswissenschaften - und Wissenschaftler gehen gerne nüchern und faktisch vor. Und so ist dieses Buch. Es geht in erster Linie um die Geschichte des Zen. Und das ausführlich. Es befasst sich mit den Ursprüngen des Ch'an, also des chinesischen Zen, und verfolgt dann seine Verbreitung nach Japan und dann nach Westen (Amerika, Deutschland...)., erzählt vom christlichen Zen, dem populären Zen, das sich heutzutage auch in Parfüm-Flakons finden lässt und macht kurze Abstecher in die Bereiche "Zen und das Gehirn", "Zen und Management usw.
Inken Prohl deckt vor allem auch kritische Aspekte des Zen auf. Beispielsweise die zweifelhafte Rolle des Zen-Meisters Kodo Sawaki im 2. Weltkrieg. Oder die zahlreichen Affären von Richard Baker, dem Nachfolger von Shunryu Suzuki im Zen-Zentrum von San Francisco. (Auch über den Zen-Meister Dainin Katagiri erzählt sie uns das.) Oder sie lässt uns wissen, dass einige Zen-Lehrer auch Trinker waren (z.B. Taizan Maezumi, der Vorsteher des Zen-Zentrums in Los Angeles, aber auch einige andere). Das alles ist natürlich absolut zulässig - was aber zunehmend verwirrt ist der Umstand, dass sie ohne auf Quellen zu verweisen die Dinge einfach als zweifelsfrei gegeben hinstellt, so wie sie diese schildert. Beispielsweise sieht Inken Prohl die Geschichte von Bodhidharma, der das buddhistische Gedankengut massgeblich von Indien nach China brachte und dort vertiefte, als "erwiesenermassen falsch" an. Andere Sachkundige denken da nach wie vor anders darüber. Was oft stört ist, dass sie ihre Schilderungen als "absolut verbrieft" erachtet, was kaum möglich ist. Manchmal kommt es einem vor, als würde sie aber doch eher ihre persönliche Sicht der Zen-Geschichte wiedergeben. Sie bezieht sich so gut wie gar nicht auf Quellenangaben.
Der Geist des Zen kommt dabei so gut wie gar nicht zum Zuge. Inken Prohl schafft es nicht, eine Atmosphäre des Zen zu schaffen. Sie seziert Zen und gibt es als Ansammlung von Daten und Namen wieder. Das ist durchaus eindrücklich und interessant, wenn man an der geschichtlichen Dimension des Zen interessiert ist, wer aber Zen als Ganzes verstehen möchte, wird eher enttäuscht. Deshalb ist "Zen für Dummies" auch nicht das Buch, das jemand lesen sollte, der sich neu für Zen interessiert. Er wird sich danach eher von Zen abwenden, scheint es mir. Wer aber schon viel über Zen gelesen hat und es selbst praktiziert, findet hier ein gutes Nachschlagewerk der (möglichen) Geschichte und der wichtigen und prägenden Namen dieser doch sehr eigenen, buddhistischen Richtung. Wer "Zen selbst schon in sich am entwickeln ist" wird sich auch an den kritischen und manchmal einseitig wirkenden Betrachtungen nicht stören, weil er weiss, dass alles ohnehin nur eine Sichtweise ist.
"Zen für Dummies" ist kein Zen-Buch, sondern eine Buch über die Geschichte des Zen. Wenn auf der Titelseite "Die Geheimnisse des Zen-Buddhismus verstehen" versprochen wird, dann ist das eher irreführend. Diese Geheimnisse des Zen haben nach meiner Ansicht nach mit einer bestimmten Atmosphäre zu tun, die über Meinungen und Einengungen hinaus geht, und diese kann Inken Prohl nicht schaffen. Und damit geht das Wesentlichste vielleicht verloren. Als Ergänzung zu den vielen guten Zen-Büchern, die es aber schon gibt, ist "Zen für Dummies" jedoch durchaus nützlich. Es ist zweifellos eine beachtenswerte Leistung, die geschichtlichen Fakten einer Tradition, die sich seit 1500 Jahren entwickelt und zunehmend über die Welt ausbreitet, zusammenzutragen und auf 350 Seiten komprimiert darzustellen.
Peter Steiner, Autor von "Das Wesentliche so nah", "Weisheit für Minimalisten" u.a.