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19 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Grotesk - real - faszinierend, 17. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Zementgarten. SZ-Bibliothek Band 31 (Gebundene Ausgabe)
Es könnte so passieren: in einer ärmlichen Familie in London stirbt zuerst der Vater und einige Monate später die Mutter. Doch die 4 Kinder melden den Tod der Mutter nicht, sondern zementieren die Leiche im Keller ein. In den folgenden Wochen kapseln sich die Kinder von der Außenwelt ab und beginnen ein völlig autarkes Leben zu führen. McEwan schreibt so natürlich, dass die Absurdität der Situation erst auf den zweiten Blick richtig klar wird. Mit dem Tod der Eltern fehlt die Autorität, der gesellschaftliche Druck, der sich in der Erziehung äußert. Die Kinder entwickeln sich ohne Einfluss von außen. Das Ganze verläuft wie ein psychologisches Experiment, bei dem die Vorgaben des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgehoben und neu überdacht werden. Faszinierend.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Zweifach gebrochene Unschuld, 9. November 2004
Rezension bezieht sich auf: Der Zementgarten. SZ-Bibliothek Band 31 (Gebundene Ausgabe)
Ian McEwan ist mit „Der Zementgarten" ein außergewöhnlicher Kurzroman gelungen, der sich schwerer beschreiben und charakterisieren lässt als die meisten anderen Romane. McEwan bricht Tabus. Und als Leser bleibe ich mit der Frage zurück, ob mich diese gebrochenen Tabus abstoßen müssen oder faszinieren dürfen. Der Ich-Erzähler, Jack, ein 15jähriger pubertierender Jugendlicher, lebt mit seiner Familie zunehmend isoliert in einer Wohngegend, das letztendlich nur noch aus deren Haus und einer zurückgebliebenen Zement- und Asphaltwüste besteht. Der arbeitslose Vater stirbt, die krebskranke Mutter folgt ihm zwei Jahre später. Zurück bleiben Jack und seine Geschwister, die etwas ältere Julie, die jüngere Sue und der kleine Tom, der sich sein Leben zunehmend in einer Mädchen-Rolle einrichtet und zum kindlichen Transvestiten wird. Um sich nicht der Gefahr des Auseinandergerissenwerdens auszusetzen, verheimlichen die Geschwister den Tod der Mutter ihrer Umgebung, die quasi non-existent ist, und betonieren die eigene Mutter im Keller ein. Die erste gebrochene Unschuld. Die vier richten sich danach ihr Leben, beinahe unabhängig von jeglicher Außenwelt, ein. Eine bedrückende Verwahrlosung ist unvermeidlich, ebenso völlig neue Rollen in ihrer kleinen Welt. Jack, fasziniert von seiner charismatisch geschilderten Schwester Julie, „drubbelt" (Auflösung im Buch) sich seinen Weg durch den täglichen Dschungel, befreit von jeglicher elterlichen Autorität und losgelöst von allen gesellschaftlichen Werten und Regeln. Zuletzt, ich darf das beschreiben, weil der gesamte Inhalt auch bereits auf dem Schutzumschlag zusammengefasst wird, nimmt Jack auch seiner Schwester Julie die körperliche Unschuld. Gewaltlos, im gegenseitigen Einvernehmen. Vielleicht wäre es auch besser zu sagen, Julie nimmt sich selbst die Unschuld mithilfe ihres Bruders. Geschwisterliche körperliche Liebe rahmt den Roman ein und lässt den Leser hin- und hergerissen zwischen Entrüstung und Faszination zurück. Unbedingt lesenswert, wenngleich ich einen 120 Seiten starken Roman auch nicht als großes Werk bezeichnen mag.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
kaputtes Leben in kalter, klarer Sprache, 18. März 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Zementgarten. SZ-Bibliothek Band 31 (Gebundene Ausgabe)
° Je nachdem, wer dieses Buch liest. Eine Geschichte über eine Familie mit klaren, wenn auch unausgesprochenen Regeln. Dem Vater darf nie widersprochen werden, egal wie sinnlos seine Aktionen - Betonieren des Gartens etc. - auch sein mögen. Als dieser bei eben dieser zuschüttenden Tätigkeit verstirbt, während sein Sohn dabeisteht und überlegt, ob er Hilfe herbeirufen soll, verändert sich das Familensystem zum ersten Mal. Begleitend dazu führen die beiden ältesten Geschwister - nüchtern und distanziert beschrieben - mehr als nur 'Doktorspiele' an ihrer kleinen Schwester durch. Spätestens hier dürften die meisten Leser stark irritiert sein bezüglich Inhalt und Art der Beschreibung. Im weiteren Verlauf erkrankt die verbliebene Mutter, wird bettlägrig und hinterläßt mit ihrem Tod vier Kinder, die vor einer gewichtigen Entscheidung stehen. Entweder sie melden den Tod der Mutter und werden voraussichtlich getrennt in Adoptivfamilien untergebracht .... oder .... sie zementieren ihre Leiche in einem Trog ein und verwahren sie im Keller. Wie der Titel schon vermuten läßt, entscheiden sie sich für das 'Hausbegräbnis'. Allesamt überfordert mit der neuen Situation, ziehen sie sich in ihre eigenen Welten zurück. Der Jüngste darf fortan experimentieren und 'Mädchen spielen', zur Belustigung seiner Schwestern, während sich sein Bruder trotz seines absoluten Rückzugs darüber ärgert. Die älteste Schwester wiederum sucht sich einen Freund, der den vieren schnell auf dich Schliche kommt, ihr Geheimnis entdeckt und dennoch bereit ist zu schweigen. Als er allerdings zurückgewiesen wir, benachrichtigt er die Polizei - während dessen sich die beiden Ältesten dem Inzest hingeben. Mit den eintreffenden Blaulichtern der Polizei scheinen beide aus ihrer Scheinwelt aufzuwachen ... Inhalt und Emotionalität passen bei dieser Geschichte so überhaupt nicht zusammen, ergeben beim Leser extreme Widersprüche und machen sicher den ganz eigenen Reiz dieser Erzählung aus. Kalte, klare, distanzierte Beschreibungen hochemotionaler Situationen - konträr für Leser, vielleicht nachvollziehbar aus einer distanzierten, dissoziierten Perspektive der beschrieben Personen. Lesenswert. ~
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