1983 drehte Woody Allen "Zelig", für mich einer seiner besten Filme.
Zur Handlung: In einer fiktiven Dokumentation (eine Idee, die Allen in "Sweet and Lowdown" noch mal aufnimmt) berichten "Zeitzeugen" über das Phänomen Leonard Zelig (Woody Allen). Im Jahre 1928 wird dieser in die Psychiatrie eingeliefert, da er anscheinend unbegrenzt anpassungsfähig ist und von Meinungen bis hin zur äußeren Gestalt alles annehmen kann, um nicht aufzufallen. Ein "menschliches Chamäleon". Während Dr. Eudora Fletcher (Mia Farrow in ihrem zweiten Allen-Film) ihn zu therapieren versucht, wird er zum Medienstar, dem Songs und Filme gewidmet werden. Mehrere Rückschläge (eine tödliche Romanze seiner Schwester mit einem Stierkämpfer, mehrere Frauen beschuldigen ihn der Bigamie) führen dazu, dass der Jude Zelig ausgerechnet als Mitläufer in Nazi-Deutschland untertaucht (Konformität als ideale Basis für Diktaturen). Nur Fletchers unendliche Liebe kann ihm schließlich aus dem Schlamassel helfen.
Die "Dokumentation" besteht aus Wochenschauen, in deren Bilder Zelig hineinmontiert wurde. Die Aufnahmen mit Zelig und Fletcher sind verwackelt und mit Dropouts versehen, so als seien sie Aufnahmen der 20er und 30er Jahre. Unterbrochen werden die "historischen" Aufnahmen durch Interviews mit Saul Bellow, Susan Sontag, Bruno Bettelheim und anderen, die über die Person Zeligs reflektieren. Zelig habe die Leute berührt, aber wohl auf eine Weise, die den Menschen unangenehm gewesen sei, meint Bellow. Tatsächlich kommt die Therapie zu keinen großen Erkenntnissen, der Original-Zelig ist keine Geistesgröße. Eine Erkenntnis aus der Hypnose ist, dass er Dr. Fletchers Kochkünste verabscheut: Der Arzt als hilfloser Helfer. Natürlich wäre "Zelig" kein Allen-Film, wenn er nicht auch noch Themen des Allenschen Mikrokosmos verarbeitete: Die grotesk verzerrte, unglückliche jüdische Kindheit, seine Beschäftigung mit Freud (es habe zwischen Zelig und Freud ein Zerwürfnis gegeben, da Zelig den Penisneid nicht auf Frauen beschränkt wissen wollte) usw.
Aber: Wer hier den Stadtneurotiker sucht, wird in diesem Film nicht fündig. Zelig bleibt eine tragische Figur: Er erkennt, dass er in seinen vielen Identitäten Taten gegangen hat, zu denen er als geheilter Patient nicht mehr stehen kann. Der Volkszorn führt dazu, dass ihm Taten angedichtet werden, mit denen er aber überhaupt nichts zu tun hat. Der Jude als Sündenbock, "legitimer" Antisemitismus macht sich breit. Der Zwang zur Assimilation als Trauma und tragischer Irrweg.
Ein besonders schöner Einfall ist, die "Zeitzeugen" über den Wahrheitsgehalt eines Spielfilms über Zelig räsonieren zu lassen. Die Spielfilmillusion ist perfekt. Zelig ist ein geistreiches Vexierbild: Können wir den Bildern glauben, die wir sehen? Können Bilder irgendetwas beweisen? Sind sie nicht eher Teil der Lüge? Gedanken, denen Allen auch in "The purple Rose of Cairo" nachspürt.
Neben den bestechend echt wirkenden "Originalaufnahmen" überzeugt der Film vor allem durch seine Toneffekte. Der Ton ist so verfremdet als seien die Dialoge Tonaufnahmen der 30er Jahre. Dick Hymans Kompositionen zum "chameleon man" fügen sich nahtlos an die Originalsongs und ergeben einen üppigen Klangteppich der Jazz- Ära. Mia Farrow hat die mit Abstand sympathischste Rolle: Eine emanzipierte Frau, die durch ihre Liebe ihren Patienten heilt (oder ist es Zelig selbst, der sich für einen Arzt hält?).
Als Extras gibt es nur den Trailer. Untertitel u.a. in Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte.
Tragisch. Komisch. Allen at his best. Sehr empfehlenswert!