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Unterteilt sind die Fälle in die Abteilungen Serien-, politischer und Selbst-Mord. Bei den Selbst-Morden horcht der Wessi natürlich auf, da es ja zumindest in der DDR-Zeit angeblich keine Suizide in Ost-Berlin gegeben haben soll. Und wirklich: „In den Archiv-Büchern des gerichtsmedizischen der Humboldt-Universität sind einige der prominenten Namen [von Suizidenten] nicht zu finden", stimmt auch das Buch teils zu. „Meist wurde der Mantel des Schweigens darüber gedeckt, was in einem System umfassender Zensur der Medien kein Problem darstellte."
Das Schweigen galt aber weder für alle Suizide noch für alle unbequem Verstorbenen -- und es galt vor allem auch nicht für die Mauer-Toten. Der damalige, parteilose Institutsdirektor Professor Prokop (der im Buch nur kurz und unerkennbar als „Prof. P." auftaucht) und seine Mitarbeiter waren aber wohl tatsächlich nicht in der richtigen Position, um in politischen Fällen anderes zu tun als leichenzuschauen. Politisch ging es beispielsweise auch zu, in dem sich der U.S.-Künstler Dean Reed 1986 in der DDR umbrachte: Von der SED wurde es als Unfall hingestellt. Welche anderen spannenden Fälle sich abgesehen von diesem unter den gut sechzigtausend Sektionen von Professor Prokop und Mitarbeitern noch verbergen mögen, bleibt vorläufig weitgehend unberichtet.
Der historische Streifzug des Buches führt auch in den Schau-Trakt des Berliner Leichenschau-Hauses, in dem zu Beginn des Jahrhunderts hinter Glas-Scheiben gekühlte Tote zur allgemein zugänglichen Identifizierung aufgebahrt waren. Das führte zu einem riesigen Anstrom von Neugierigen, so dass man 1930 froh war, neue Labor-Methoden zur Identifizierung anwenden und dem Trubel ein Ende bereiten zu können. Man trifft im Buch auch „Volks-Schädlinge", den Serienmörder Großmann und liest unter anderem über die Fälle Liebknecht/Luxemburg (beide ermordet 1919) und das Attentat auf Walther Rathenau (ermordet 1921). Auch die Nacht der langen Messer und der angebliche Fenster-Sturz des jüdischen Schauspielers Hans Otto (1933) werden geschildert. Dass bei einem ein Jahrhundert überspannenden Bogen keine kontinuierliche Zeitgeschichte, sondern eher eine Reihe interessanter Schlaglichter entsteht, versteht sich da von selbst.
Obwohl das Buch den Serien-Tätern insgesamt viel Platz einräumt, was an einen journalistischen Schwerpunkt der 1990er Jahre anschließt, unterscheidet sich Zeitzeuge Tod doch von praktisch allen anderen Fall-Sammlungen dadurch, dass es zugleich und sehr offensichtlich ein kleines rechtmedizinisches Lehrbüchlein darstellt. In kursiv abgehobenen Passagen gehen die Autoren an passender Stelle beispielsweise auf die Stichworte defensive Leichenzerstückelung, Sturz aus der Höhe, Druck-Geschwüre, Hals-Schnitt, Leichenveränderungen, aber auch auf Mord-Merkmale, Schuldfähigkeit usw. ein. So gesehen handelt es sich hier erstmals um einen Pitaval, der weniger erzählerisch als aufzählerisch und dabei erklärend ist. Auch kommende Krimi-Autoren werden diese seltene Hilfe gewiss dankend annehmen.
Im übrigen ist das Buch fehlerfrei, angemessen schwarz-weiß bebildert und reiht sich pflichtweise in die Regale aller Kriminalfall-SammlerInnen.
(Mark Benecke, Kriminalbiologe, in: SeroNews
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