Kurzbeschreibung
-Zeitspiegel- bildet mit -Reimzeit- und -Schreibzeit- eine bilanzierende Trilogie, vollendet das Porträt eines bekannten Zeitgenossen zwischen Medien und Literatur. Denn der Satiriker Werner Schneyder hat lange Zeit den Blick auf den gleichnamigen Lyriker und Erzähler verstellt.
Neben den besten der bereits erschienenen Geschichten beschreiben in diesem Buch auch Lieder - klassische -Chansons-, Prosagedichte, Feuilletons und Aphorismen das Leben als -Zeitspiegel-.
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Werner Schneyder ist ein bekannter ehemaliger Kabarettist -- dessen letzter Bühnenauftritt schon einige Zeit her ist. Nun hat er sich als Aphoristiker, Lyriker und Erzähler versucht; das Ergebnis ist ein Sammelband unter dem nichtssagenden Titel
Zeitspiel. Knapp die Hälfte des Bandes machen Schneyders Erzählungen aus, und die sind allesamt große Ärgernisse. Die mit Abstand schlechteste Erzählung lässt sich wie folgt zusammenfassen: Eine junge, attraktive und erfolgreiche Bühnenbildnerin erhält eine Anstellung an einem bedeutenden Theater. Ihr erstes Bühnenbild wird jedoch von einem bekannten Kritiker in die Pfanne gehauen -- die erfolgreiche Schönheit ist am Boden zerstört. Kurze Zeit später sieht sie den Kritiker als Moderator einer Kultursendung im Fernsehen: Er ist geschmacklos bis zur Grenze zum Ekelhaften gekleidet, die Krönung sind seine karierten Socken. Nun hat sich fürs Wochenende der Herzallerliebste der Bühnenbildnerin angekündigt. Er steigt aus dem Zug und siehe da: Er trägt die gleichen Socken wie der Kritiker. Die Erzählung endet mit den bedeutungsschwangeren Worten: "Von diesem Tag an verliefen weder Karriere noch Liebesleben der schönen Bühnenbildnerin so geradlinig wie bisher." Fast alle Erzählungen spielen im Kulturbetrieb, vor allem im Theater. Alle sind sie in einer distanziert-gedrechselten Sprache geschrieben, die im günstigsten Fall an Thomas Mann erinnert, im ungünstigsten an staubige Nierentische.
Die andere Hälfte des Buches ist ein wenig erfreulicher. Schneyders kurze Feuilletons beschäftigen sich mit den Abgründen des Alltags, z.B. mit Weihnachten. "Kleinigkeiten schenken" bedeutet, dass sich Ehepaare regelmäßig anlügen, indem sie sich versprechen, nur noch Kleinigkeiten zu Weihnachten zu schenken, um dann mit dem größten und teuersten Geschenk dazustehen und den Partner zu blamieren. Aber auch bei diesen Feuilletons vergreift sich Schneyder gelegentlich, in dem er nämlich zu sehr moralisiert. Bleiben noch die Aphorismen, die knapp, präzise und bissig sind und an den Übervater aller Aphoristiker, an Karl Kraus erinnern; dann sind dann noch die wenigen Prosagedichte -- Aphorismen in Gedichtform umgebrochen, sowie die oft larmoyanten Chansons eines alternden Bonvivants, dessen Lieblingsthemen buchstäblich Wein, Weib und Gesang sind. --Matthias Kehle