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Zeitschichten: Studien zur Historik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
 
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Zeitschichten: Studien zur Historik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) [Taschenbuch]

Reinhart Koselleck

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wollte man den Gegenstand der Geschichtswissenschaften auf eine abstrakte Formel bringen, müsste man wohl sagen: Die Veränderung in der Zeit. Daher sollte eine Theorie der historischen Zeiten das Kernstück der Historik bilden.

Wer vom großen Anreger Reinhart Koselleck allerdings ein eigenes systematisches Grundlagenwerk erwartet hat, das all seine Themen und Ideen zu einer umfassenden Theorie der historischen Zeit bündelt, wird möglicherweise von seinem neuesten Buch enttäuscht sein. Unter dem Titel Zeitschichten versammelt es Aufsätze aus den letzten 30 Jahren. Weitere Bände zur Theorie und Praxis der Begriffsgeschichte und zur Geschichte der Wahrnehmung sind angekündigt.

Jeder Versuch, Zeit sprachlich zu fassen, so Kosellecks Leitgedanke, ist auf räumliche Metaphern angewiesen. Diese dürfe man nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, das zeige sich schon daran, dass diese keine linearen Verläufe kenne; ebenso wenig lässt sie sich auf schlicht rekonstruierbare Kausalitäten zurückführen oder gar auf finale Teleologien. Die geologische Metapher der Zeitschicht erlaube es, diese Eigenart historischer Zeiten zu erfassen, weil man mit ihr unterschiedliche Wandlungsgeschwindigkeiten thematisieren kann ohne in die einfachen Alternativen linear-progressiver beziehungsweise regressiver oder zirkulärer Zeitverläufe zu verfallen.

Themen aus vorhergehenden Büchern, insbesondere Vergangene Zukunft, klingen an, werden dabei variiert und erläutert. Eine ausgearbeitete Theorie ergibt das alles nicht, jedoch ein facettenreiches Spektrum, das von hochschulpolitischen Überlegungen zur Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaften, zur Widerlegung lang gehegter Vorurteile, wie das von Deutschland als einer verspäteten Nation, bis zu philosophischen Reflexionen über Historik und Hermeneutik im Anschluss an Gadamer reicht. An diesem Reichtum erweist sich die Fruchtbarkeit der Grundbegriffe, die sich für Koselleck immer eher an ihrer heuristischen Wertigkeit erweisen sollte als an ihrer Tauglichkeit zum Baustein einer umfassenden Theorie. --Jens Kertscher -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Neue Zürcher Zeitung

Geschichte als Text

Studien von Reinhart Koselleck

Unter dem Titel «Zeitschichten» legt Reinhart Koselleck siebzehn Studien, Vorträge und Essays über «die zeitlichen Strukturen menschlicher Geschichten, ihrer Erfahrungen und ihrer Erzählungen» vor. Diesem Band werden zwei weitere folgen, «der eine zur Theorie und Praxis der Begriffsgeschichte, der andere mit historiographischen Studien zur Geschichte als Wahrnehmung».

«Die im Text zur Sprache gebrachte Sache bleibt ihrer sprachlichen Gestalt unterworfen»: der Satz bezieht sich auf literarische Texte und auf die Voraussetzung ihrer philologischen Exegese. Auch der Historiker ist Textexeget, aber er hat es mit aussertextlichen Sachverhalten zu tun: «seine Texte haben, indem sie durch Fragen in Quellen verwandelt werden, immer nur Hinweischarakter». Aus dieser Perspektive erläutert Koselleck das Verhältnis von Historik und Hermeneutik. «Die Geschichte einer Periode schreiben heisst Aussagen treffen, die in dieser Periode nie gemacht werden konnten.» Die Quellen verweisen den Historiker «auf langfristige Verläufe, die in keinem Text enthalten sind, sondern erst Texte provozieren».

Das Thema «Geschichte als Wahrnehmung» ist damit erst angeschlagen: Näheres wird man im dritten Band der gesammelten Beiträge Kosellecks erfahren; doch meldet sich hier schon die Frage, ob nicht die Relation zwischen den Hinweisen oder Verweisen, die der Historiker aus den Quellentexten gewinnt, und den Verläufen, die sie erkennbar machen, ihrerseits Text sei.

Das Wort «Geschichte» kann das Geschehene oder die Aufzeichnung, die Erzählung des Geschehenen meinen, und dieser Doppelsinn weist auf das Grundproblem der Historik hin: Wie vollzieht sich die Vergegenwärtigung des Vergangenen (auch: seine Verknüpfung mit Zukunftserwartungen) – wie «provoziert» es den Text seiner Darstellung? Koselleck zeigt, dass einerseits die Methodenwechsel innerhalb der Geschichtsschreibung einen «Fortschritt» konstituieren, «den es zweifellos gibt» (ein eher lakonischer Zusatz), und dass andererseits der Erfahrungswandel, der in der Geschichte erkannt wird, zur Herausbildung neuer Methoden führt. Woraus sich die hermeneutische Prämisse ergibt, «dass Geschichte und Historie, Wirklichkeit und ihre bewusste Aufbereitung immer schon aufeinander verweisen, letztlich sich gegenseitig begründen, ohne vollständig auseinander ableitbar zu sein».

Die Methodenwechsel der «Aufbereitung» folgen einer Konstante: der vermittelnden Deutung des geschichtlich Erfahrenen und je wieder anders Verstandenen. Im Text der Geschichtsschreibung erschliesst sich gewesene Wirklichkeit immer zugleich als vergangene Auseinandersetzung mit Wirklichkeit, und in der Zeiterfahrung derer, die diesen Text lesen, setzt sich der Text der Geschichte fort. Der radikale Relativismus solcher Historie wird durch die Feststellung eines wissenschaftlichen Fortschritts («den es zweifellos gibt») eher verdunkelt als anerkannt.

Begriffsklärungen

Aber «Relativismus» ist nicht das letzte Wort. Auch eine Vielfalt von Verrechnungen gewinnt Konsistenz durch begriffliche Kontrolle. Koselleck gibt dafür ein Beispiel mit der Klärung des Verhältnisses von Raum und Geschichte. Durch den natürlichen Lebensraum sind die metahistorischen Bedingungen menschlicher Geschichte(n) vorgegeben – aber nicht «ein für allemal». Durch menschliche Organisation werden historische Räume geschaffen, in denen sich die «räumliche Qualität» der geographischen Voraussetzungen verändert. Die Natur wird geschichtlich, sie war es in ihrer immanenten Zeitlichkeit immer schon, aber durch die Verfügbarkeit ihrer Vorgaben wird sie es mehr und mehr auch im Kontext der menschlichen Lebensformen und in ihrem Verhältnis zur menschlichen Freiheit.

Und dieses «mehr und mehr» ist kein gleichmässiges Fortschreiten, sondern Beschleunigung – ein Begriff, der in Kosellecks Betrachtungen immer wieder zur Sprache kommt. Wobei gelten muss, dass es keine Beschleunigung der Geschichte, sondern nur Beschleunigung(en) in der Geschichte gibt, wenigstens dann, wenn das Subjekt der Geschichte der Mensch und nicht Gott ist, in dessen Macht es steht, die Zeit zu verkürzen, während «sich der Mensch der immer gleichbleibenden Naturzeit bedient, um die von ihm ausgelösten Fortschritte chronologisch zu messen». Evident ist die zunehmende Geschwindigkeit der Menschheitsentwicklung über die breiten Stufen der Uranfänge, den steileren Aufstieg der Hochkulturen, die Entstehung der industrialisierten Weltgesellschaft – eine Entwicklung, die nun aber auch die «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» hervorgebracht hat; «denn schliesslich gehört es zu unserer eigenen Erfahrung, dass wir noch Zeitgenossen haben, die in der Steinzeit leben» (was vermutlich nicht mentalitätsgeschichtlich gemeint ist).

Utopie und Prognose

Die Beschleunigung – die Tatsache, dass «Technik und Industrie die Erfahrungsspannungen verkürzt» haben – wirkt sich auf die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten der Zukunftsprognose aus. Wenn es je so etwas wie konstante Entwicklungen gab (man kann es bezweifeln), ist heute nicht mehr mit ihnen zu rechnen. «Selbst die Strukturen werden zum Ereignis», stellt Koselleck fest, «weil sie sich schneller wandeln.» Und er fügt hinzu: «Die prognostische Sicherheit müsste wieder steigen, wenn es gelingt, mehr Verzögerungseffekte in die Zukunft einzubauen.» Aber, meint er, «das ist vermutlich nur eine Utopie, die aus der bisherigen Geschichte nicht ableitbar ist».

Ableitbar wäre ja, wenn schon, eher die Unableitbarkeit der Zukunft. Was nicht bedeutet, dass Zukunftsvisionen, ob «falsch» oder «richtig» (was sich ohnehin erst hinterher zeigen wird), nicht einen warnenden oder ermunternden Einfluss auf gegenwärtige Stimmungen ausüben und sich zu (noch) bestehenden Strukturen kritisch verhalten können. Insofern bleiben sie mit der Utopie verwandt, die dem Hier-und-Jetzt in satirisch-pädagogischer Absicht ein Nirgendwo gegenüberstellt. Wenn Koselleck von der «Verzeitlichung der Utopie» spricht, so zielt er vor allem auf die Nichtüberprüfbarkeit der Zukunft: die Schilderung von Zuständen in einer «räumlichen Gegenwelt» spiegelt der Leserschaft noch die Möglichkeit einer Kontrolle vor, während die Zukunftsutopie «eine reine Bewusstseinsleistung des Autors» ist und auch auf die Fiktion eines Rückhalts verzichtet. Andererseits wäre vielleicht zu bemerken, dass die Prognose unter der Drohung ihrer Verwirklichung steht. – Dieses zugleich verlockende Risiko sind seit dem 18. Jahrhundert viele Autoren eingegangen; kaum einer mit so erstaunlichem Gelingen wie Diderot, der 1772 den Verlauf der Revolution voraussagte, einschliesslich der Diktatur, die aus ihr hervorgehen würde. An solch erhellenden Beispielen sind Kosellecks Studien reich. Dankbar und bewundernd verfolgt man, wie er sie von der Neuzeit bis zurück ins Altertum – durch alle «Zeitschichten» – aufspürt: wie umsichtig er in der Vergangenheit blättert, wie genau er den Text der Geschichte liest.

Hanno Helbling -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Ob man Institutionengeschichte schreibt oder Wirtschaftsgeschichte, Verfassungs- oder Familiengeschichte - stets ergeben sich andere Kontinuen und andere Krisen. Dies bedeutet auch, daß von denselben Ereignissen ganz verschiedene Darstellungen gleich wahr sein können, je nach Perspektive, und daß diese Perspektiven selbst an ihre Zeitlichkeit gebunden bleiben - Grund genug für Goethes Anregung, "die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umzuschreiben".

Was trennt historische Zeiten von den Zeiten nichthistorischer Erzählungen? Worin geht Geschichtsschreibung über das schlichte Notat historischer Ereignisse hinaus? Wie neu ist Neuere Geschichte wirklich? Und: Wo fängt dieses Neue tatsächlich an? Welche Deutungswünsche gehen in einen Begriff wie "Neuzeit" ein?
Wer über Zeit spricht, ist auf Metaphern wie Fortschritt und Kreislauf, Brüche und Schichten angewiesen. In allen menschlichen Lebens- und Handlungsbereichen gibt es Strukturen, die sich wiederholen, aber dabei auch wandeln: permanent und ungleichzeitig. In den Studien dieses Bandes wird das, was Dauer, was Lang-, Mittel- oder Kurzfristigkeit genannt wird, daraufhin befragt, was sich darin eigentlich wiederholt, um einmaliges Handeln zu ermöglichen. Denn außerhalb dieser Frage läßt sich Geschichte weder erkennen noch darstellen.

Über den Autor

Geboren am 23. April 1923 in Görlitz, gestorben am 3. Februar 2006.

Akademische Ausbildung, Lehrer: 1947-1953 Studium der Geschichte und Philosophie, des Staatsrechts und der Soziologie an den Universitäten Heidelberg und Bristol/England. 1954 Promotion (Kritik und Krise). 1954-1956 Lektor an der Universität Bristol (England). 1956-1956 Assistent am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. 1960-1965 Mitarbeiter im "Arbeitskreis für Moderne Sozialgeschichte" in Heidelberg, seit 1966 Mitglied, seit 1986 dessen Vorsitzender. 1965 Habilitation (Preußen zwischen Reform und Revolution).

Akademische Lehrer: Conze, Gadamer, Kühn, Löwith, Heidegger, Schmitt, Weber, Forsthof, V. von Weizsäcker

Wissenschaftliche Tätigkeiten, einschließlich der Gastprofessuren: 1966-1967 Professor für Politische Wissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. 1966-1973 Mitglied des Gründungsausschusses der Universität Bielefeld. 1968-1973 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg. 1974-1988 Professor für Theorie der Geschichte an der Universität Bielefeld. 1974-1979 Direktor am Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld. 1987-1989 Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin. 1993 Mitglied des Collegiums Budapest. 1996/97 Warburg Haus Hamburg, 1998 Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences Gastprofessuren in Tokio (1978), Paris (1979 und 1982 Directeur associé an der E.H.E.S.S.), New York (1986, 1991 New School for Social Research), Chicago (1988-1990), New York (1992 Columbia University)

Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Historik (Theorie der Geschichte), Begriffs- und Sprachgeschichte, anthropologische Grundlagen der Geschichte, Ikonologie, Sozial-, Rechts- und Verwaltungsgeschichte  

Wissenschaftliche Großprojekte: Mitherausgeber des neunbändigen Lexikons „Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon der politisch-sozialen Sprache in Deutschland“

Akademische Auszeichnungen, Ehrendoktorate, allgemeine Ehrungen: 1974 Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim, 1989 Preis des Historischen Kollegs, 1989 Ehrendoktor der Universität Amsterdam; 1993 Ehrenmedaille der Ecole des Hautes Etudes en Science Sociales, Paris; 1999 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, 2003 Historikerpreis der stadt Münster

Mitgliedschaften in Akademien: Mitglied der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften in Düsseldorf, Korrespondierendes Mitglied der Heidelberger und der Göttinger Akademie der Wissenschaften, Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Corresponding Fellow of The British Academy und Korrespondierendes Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften

Publikationen bei Suhrkamp: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt (1973); Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten (1979), Zeitschichten. Studien zur Historik (2000); Hauptherausgeber der „Bibliothek der Geschichte und Politik“ im Deutschen Klassiker Verlag

Wichtige Veröffentlichungen andernorts: Preußen zwischen Reform und Revolution, Europa im Zeitalter der europäischen Revolutionen (Fischer Weltgeschichte), Geschichtliche Grundbegriffe, Studien zur politischen Ikonographie (besonders des Totenkultes)

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