Auch wenn die neunziger Jahre nicht gerade die kommerzielle Höchstphase von Udo Lindenberg waren, ließ sich der Panik-Präsident davon nicht beeindrucken und lieferte dennoch nach dem Motto "El Panico ist immer vorn! Und wenn er hinten ist, ist hinten vorn!" nahezu jährlich eine neue Platte beim geneigten Publikum ab. Und wie man heute weiß, zahlte diese Beharrlichkeit sich aus. Denn seit seinem fulminaten Comeback 2008, ist Udo L. aus G. erfolgreicher, bejubelter und anerkannter als er es in den aufstrebenden Siebziegern und den Mega-Hit-Achtzigern je war. Die Delle in der Zeit dazwischen war nötig zur Legenden-Bildung, nur so kann man schließlich wie Phönix aus der Asche usw....
Das Album 1997 hieß "Belcanto" und zählte zu den halbwegs beachteten in der Phase. Gemeinsam mit dem Babelsberger Filmorcherster und dezenter Pop-Garnitur bot Udo Lindenberg ein gutes Dutzend seiner bis dato größten Hits und eine handvoll neuer Songs, inkl. einer Vertonung von Brechts Liebeslied. Allesamt sehr smart in edelstem Gewand, so ganz und gar unpanisch, mit Stil und durch und durch stimmig. Ganz der Edel-Udo!
Das Konzept gefiel ihm offenbar so gut (- vielleicht auch die wieder etwas besseren Verkaufszahlen im Vergleich zu den Vorgänger-Alben - ist ja keine Schande, ein Panik-Präsident muß ja schließlich seinen Hofstaat finanzieren -), daß er ein Jahr später 1998 mit "Zeitmaschine" so ganz knapp beinah fast "Belcanto 2" ablieferte und doch auch wieder nicht.
Auch "Zeitmaschine" entstand mit dem Filmorchster Babelsberg und viel Pop-Garnitur und ganz ohne Panik-Rock-Spuren. So weit, so wie "Belcanto", aber im Unterschied diesmal mit Duett-Partnern, Anette Humpe und bei zwei Liedern sind Freundeskreis/Max Herre dabei, daher auch die Schippe Hip-Hop auf dem Album. Auch diesmal, wie beim Vorjahres-Album, nur eine knappe handvoll ganz neuer Songs, der Rest altes, aber neueingespieltes Material. So weit, so wie "Belcanto", aber diesmal sind die alten Bekannten keine großen Lindenberg-Hits, sondern zum Teil Cover-Versionen
- da wären "Sex in der Wüste" von Ideal,
"Einmal um die ganze Welt" von Karel Gott (very cool!) und
"Strangers in the night" von Frank Sinatra edelst umgesetzt mit deutschem Text -
und der Rest sind zwar Lindenbergsche Frühtaten, aber eher Nachtschattengewächse, keine Hits
- da wären "Good life city", erste Single von Udo Lindenberg, im Original kurz nach Geburt Christi erschienen
"Flipper", ein wunderbarer Song aus 1977 vom Album "Panische Nächte"
"Fernweh", im Original 1976 ein Istrumentalstück (Remake'98 bekam einen wunderbaren Text!) aus dem von Udo angezettelten Various-Artist-Album "Das Waldemar Wunderbar Syndikat" (was die Beteiligten damals genommen haben, ist heute nicht mehr zu eruieren) und zu guter Letzt
"No future", heißt als Remake'98 "You can't run away" und war im Orginal 1980 nur eine B-Seite -
Wie auch beim Album ein Jahr zuvor, ist eines der ganz neuen Lieder eine Vertonung eines Gedichts von Bertholt Brecht ("Verführung von Engeln"), ebenfalls eines aus Brechts "Gedichte über die Liebe". So weit, so wieder wie "Belcanto", nur war "Belcanto" recht erfolgreich, während "Zeitmachine" unglaublich zielstrebig und sehr konsequent an der Öffentlichkeit vorbei ging. Obwohl die Single "You can't run away" mit Freundeskreis ein cooles Video bekam und bei MTV ordentlich rotierte und die Single auch ganz gut chartete, dem Album half es nicht.
Was soll's. So man den Edel-Udo als Abwechslung zum Panik-Udo auch liebt und das Album "Belcanto" mag , gehört auch "Zeitmaschine" ins CD-Regal.