Der südafrikanische Nobelpreisträger hat nun endlich einen lange erwarteten Roman vorgelegt, „Slow Man“ im Original, der im Deutschen mit dem Titel „Zeitlupe“ übersetzt wurde.
Zum Plot, der auf den ersten Blick wenig aufregend erscheint:
Es ist die Geschichte eines ehemaligen Porträtfotografen, der Anfang 60 ist, Paul Rayments heißt und den wir in der ersten Passage des Buches sprichwörtlich in „Zeitlupe“ sehen und zwar bei einem Fahrradunfall. Er verliert das Bewusstsein und nach einer notwendig gewordenen Operation sein Bein, das es nicht lohnt, auf Grund seines Alters, aufwendig zu reparieren. Den Stumpf nennt er zunächst „Le jambon“, einen Schinken, später einen blinden Tiefseefisch. Wir erfahren, dass dieser Paul weder Familie, noch wahre Freunde hat. Er ist zwar ein kluger und kühler Charakter, der nicht lange jammert doch er befindet sich jedoch in dieser Krisensituation, seinem Leben und seinem Leiden gegenüber, in einer gewissen Form der Beziehungslosigkeit. Und in allem was passiert empfindet man als Leser eine Analogie zum Prozess des Alterns. Es ist eigentlich auch ein Buch über das Alter, über die Verminderung der physischen und psychologischen Existenz. Der physisch gewordene Prozess des Alterns, die Diskrepanz zwischen dem alten Körper und den Gefühlen, die noch nicht altern wollen, der Libido der nicht altern will, das gibt dem Buch doch in irgendeiner Form ein ganz untergründiges, graues, kaltes Pathos. Man kann sich jung fühlen, vergisst dabei aber, dass man für Jüngere schon eine Zumutung ist. Das ist übrigens ganz großartig geschrieben.
Zunächst testet er zwei, drei Pflegerinnen, die ihm aber auf unterschiedliche Art tierisch auf die Nerven gehen. Dann tritt in sein Leben, als vermittelte Tagesschwester, die Kroatin Marijana Jokic. Sie besitzt einen pragmatischen Charme, stämmige Waden, einen straffen Po und ihr sonst matronenhaftes nicht unattraktives Aussehen wird für ihn schließlich zu einem Objekt der Begierde. Er sieht sie „stark wie eine Stute“. Sie lässt ihm alles, was sie an pflegerischen Fähigkeiten aufzubieten hat, angedeihen. In diese Frau, die glücklich verheiratet ist, drei Kinder hat, verliebt er sich oder ist vielleicht auch nur sexuelle scharf auf sie.
Plötzlich haben wir dann zwei Formen des Liebens, der eine der immer noch erotisch lieben will, die andere, die die Pflege als konfuzianische Pflicht begreift und deshalb eigentlich nur die karitative Liebe sucht. Doch die Hoffnung auf Gegenliebe muss dieser Paul irgendwann aufgeben und er betrachtet Liebe dann nur noch als Sorge. Er will für den Sohn der kroatischen Tagschwester sorgen und hofft so wenigstens auf ein bisschen Gegenliebe. So ist dieses Buch schließlich nicht nur ein Buch der Demütigungen, der Demütigung des Unfalls und der des Alt werden, sondern auch der Selbstdemütigung, die von außen herangetragen wird, weil die Familie der Marijana seine Situation ausnutzt und ihn gnadenlos abzockt. Der Sohn wohnt bei ihm und plötzlich ist eine wertvolle Fotographie verschwunden.
Doch der Protagonist setzt sich ins Unrecht, da er durch sein moralisches Fehlverhalten die intakte Familiensituation seiner Tagschwester zerstören kann. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass alle anderen Personen ins Recht gesetzt werden.
Und um das alles nun von außen zu begleiten, zu kommentieren, zu ironisieren, zu analysieren bringt Coetzee ab Seite 92 plötzlich eine alte Bekannte ins Spiel. Sie soll das aus den Fugen geratene Leben wieder richten, Paul zu einem Neuanfang bewegen. Es ist die, den Coetzee Lesern gut bekannte, australische, gut siebzig jährige Schriftstellerin Elizabeth Costello. Sie klingelt einfach und sagt hallo hier bin ich. Es wird nicht erklärt woher und warum sie kommt. Sie ist eine Art weibliches „Über-Ich“ des alternden Coetzee, sie ist sein Gewissen, was immer das ist. Sie ist mit Ideen beladen. Vielleicht ist auch sie die Autorin, die diesen Paul Rayments auftreten lässt. Sie, die Einsamkeit und Leid des Alters aus eigener Erfahrung kennt, nimmt Coetzee schützend, als Instanz, eine Ausgleichsfunktion gegenüber einer körperlich attraktiven Prostituierten und der karitativ wirksamen Kroatin ein. Denn diese blinde Prostituierte Marianne legt sie ihm zunächst ins Bett. Und danach darf endlich der Diskurs über Liebe beginnen, ob Liebe Fürsorge oder ob Liebe Bedürftigkeit ist. So kann sich der Autor von Paul lösen, sich hinter ihn stellen, wenn er auch zunächst über ihr Auftreten und ihre permanente, unerträgliche Einmischung erbost zu sein scheint.
Zum Schluss erhält er von der kroatischen Familie ein sarkastisches Abschiedsgeschenk.
Es ist ein beeindruckendes, wunderbares Buch, mit phantastischen Figuren, eine delikate Konstruktion, ein rasant, analytisch effizient, intelligent und toll geschriebenes Buch. Ich halte es für ein Meisterwerk, eine literarische Kostbarkeit. Ein Buch das hinter den bisherigen Romanen des Autors nicht zurückbleibt.