Der vorliegende Sammelband legt sehr sehr schmerzhaft Zeugnis vom Ende des zeithistorischen Diskurses in der Bundesrepublik ab. Man blickt buchstäblich in einen alten, verstaubten Tagungsraum; die Stühle umgekehrt auf den Tischen, patinierte Lampenschirme, zugezogene Wollvorhänge, hier und da auf dem alten Parkett ein vergilbtes Stück Papier oder die Mine eines nicht mehr vorhandenen Kugelschreibers. Ein Blick auf vergangene Pracht geradezu, ein Blick auf einen geschichtswissenschaftlichen Diskurs, der in seiner Hochphase international seinesgleichen suchte.
Diese Hochphase fällt in den Zeitraum, den die enthaltenen Beiträge abdecken, in den Zeitraum zwischen 1960 bis 1990. Das ist die Ära der großen geschichtswissenschaftlichen Kontroversen in Deutschland, angefangen bei der Fischer-Kontroverse zu den Ursachen des Ersten Weltkrieges, über den Historikerstreit von 1986 bis hin zu den letzten Regungen eines deutschen geschichtswissenschaftlichen Verstandes anlässlich der umstrittenen Wehrmachtsausstellung. Gute Überblicksdarstellungen dazu sind Ian Kershaws "Der NS-Staat" (letzte Auflage 2009) oder Klaus Große Krachts "Die zankende Zunft" (2005), nicht aber diese recht unsystematisch wirkende Aufsatzsammlung aus dem Jahre 2003.
Zwar wirken hier mit Konrad H. Jarausch, Ulrich Herbert, Norbert Frei, Reinhart Koselleck und anderen mehr noch einige Repräsentanten des "Goldenen Zeitalters" bundesdeutscher Zeitgeschichtsschreibung mit; im Großen und Ganzen jedoch wird hier nur noch zusammengefegt. Die eigentlichen Teilnehmer der geschichtswissenschaftlichen Kontroversen sind so gut wie nicht vertreten - einige sind bereits verstorben -; viele Beiträge lassen die seinerzeitige Brisanz der weit über die Grenzen der Fachwissenschaft hinaus betriebenen Diskussionen kaum mehr erkennen; und so mancher Aufsatz wirkt deplaciert, starrsinnig, geprägt durch eine penetrante Nostalgie und Rechthaberei. Das trifft auf den Beitrag von Imanuel Geiss zu, der seine ungute Figur im Historikerstreit nach wie vor nicht überwunden hat und infolgedessen die Fischer-Kontroverse nicht mehr mit klarem Blick rekapitulieren kann. Mehr noch trifft das auf die in diesem Band enthaltenen Ausführungen von Brigitte Seebacher-Brandt zu, ehemalige Gattin von Willy Brandt und seit dessen Ableben obskurantistische Vertreterin der "Neuen Rechten". Entsprechend liest sich ihr Aufsatz, eine von intellektueller Schlichtheit getragene Abrechnung mit dem "Geist der 1968er", dümmliche Negativ-Nostalgie ohne Wert.
Derlei Arbeiten beflügeln keinen neuen zeithistorischen Diskurs mehr; sie markieren dessen Ende. Endgültig. Wer einen Eindruck von der Qualität bundesdeutscher Geschichtswissenschaft vor ihrem "Ableben" erhalten möchte, der greife zu den erwähnten Arbeiten von Kershaw oder Große Kracht. Die vorliegende Aufsatzsammlung ist verzichtbar.