Bilderbücher. Architekten, heißt es spitz, sehen sich nur Bilder an. Lesen kann man das nicht nennen. Architektur ist Materie und lebt vom Sichtbaren; von umbauten Raumkonstellationen, vom Überwinden der Schwerkraft, von Materialien und deren Oberflächen. Naheliegend also, dass ein Buch über zeitgenössische Architektur reich bebildert ist. Aber läßt sich Raumerlebnis zweidimensional abbilden? Generationen von Architekturfotografen lassen sich herausfordern und produzieren Tonnen von Bildbänden. Will der Fotograf informieren und nicht nur kunstvolle Abzüge produzieren, ist für ihn maßgeblich, was auch für die Entwurfsarbeit des Architekten gilt: Will man ein Objekt darstellen, müssen alle wichtigen Informationen gegeben werden, damit der Betrachter die Teile in einer eigenen Denkleistung zum Gesamtbild zusammenfügen kann. Dazu dienen Pläne und Perspektiven. Bei der nachträglichen fotografischen Dokumentation eines Baus ist es sinnvoll, dieses überblickschaffende Plansystem zu adaptieren: die Einbindung in die Umgebung (Lageplan) wird dargestellt, Aussenansichten, Innenansichten und bautechnische oder künstlerische Details. Damit der Betrachter die Inhalte der einzelnen Fotos vor seinem inneren Auge zu einem Gebäude kombinieren kann, sind aussagekräftige Grundrisse unerläßlich. Hilfreich ist auch ein Schnitt, der den Bau gewissermassen auseinandersägt und wie beim Puppenhaus die vertikale Raumorganisation sichtbar macht. Erläuterungen in Form von Texten haben das Ziel, das Abgebildete zu lokalisieren und Hintergrundinformationen über die Entstehung des Gebäudes und die Arbeitsweise des Architekten zu liefern. Diese klare Übersichtlichkeit fehlt dem neuen Buch von Francisco Asensio Cerver. Er wendet sich mit seinem „Atlas de arquitectura actual", der in der deutschen Übersetzung als „Zeitgenössische Architektur" vorliegt, allerdings ausdrücklich an ein breitgefächertes Publikum. Er möchte durch „Erläuterung einiger Tendenzen" die Annäherung an dieses umstrittene Thema erleichtern. Er wählt die verschiedensten, in ihrer jeweiligen Art faszinierende Projekte aus. Dem Atlasgedanken wird F. Asensio Cerver gerecht, indem er die Fülle von Beispielen in die wichtigen architektonischen Tätigkeitsfelder vom Städtebau bis zum Wohnungsbau einteilt und diese nach Typologien spezifiziert. Jedem Tätigkeitsfeld ist eine Farbe zugeordnet, die die spätere Navigation erleichtert. Leider findet man neben dem Inhaltsverzeichnis keinen Index der Architekten und Orte. Ausserdem wird die berufliche Laufbahn des Autors nirgends erwähnt. Übersichtlichkeit und Verständlichkeit sind für ein Nachschlagewerk das oberste Gebot und von Cerver nicht immer beachtet. Es existiert nur ein Inhaltsverzeichnis, aber kein Index der Architekten oder der Orte. Jedes Bauwerk wird auf einer Doppelseite dargestellt. Die linke Seite enthält Kurzangaben zu Personen und Orten, kleinere Bilder, einen Grundriß oder Schnitt und einen leider oft oberflächlichen Text, der meist keine in der Einleitung versprochene Erklärung der Arbeitsweise des Architekten enthält. Das rechte Blatt besteht meist aus einer ganzseitigen Abbildung, beim schnellen Durchblättern wird man so von charakteristischen Ansichten zum gesuchten Objekt geleitet oder von ungewöhnlichen Bildern angezogen. Dieses Buch ist zum Überfliegen gedacht und lebt von der Architekturfotografie. Sieht man sich die einzelnen Abbildungen genauer an, fallen Wiederholungen auf und im Sinne einer Gesamtdarstellung fehlen notwendige oder zumindest wünschenswerte Informationen. Als Bilderbuch für den Laien hat Paco Asensio ein durchaus unterhaltsames und handliches aber gewichtiges 1000 Seiten Buch herausgebracht.