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Zeiterfahrung: Perspektiven einer lebensweltorientierten Musikpädagogik
 
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Zeiterfahrung: Perspektiven einer lebensweltorientierten Musikpädagogik [Gebundene Ausgabe]

Hans Bäßler


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Kurzbeschreibung

Dieses Buch für die Hand Lehrender greift das Thema "Zeit" in unterschiedlicher Weise auf und stellt B. A. Zimmermanns "Photoptosis" in den Mittelpunkt der Überlegungen. Im Anschluss daran bilden 65 Arbeitsblattvorlagen mit Notenbeispielen, Texten und Abbildungen eine wertvolle Materialsammlung.

Vorwort

Sich über die Zeit im Zusammenhang mit der Musik Gedanken zu machen, gehört einerseits zu den wichtigsten, andererseits aber auch zu den schwierigsten Aufgaben des Musikunterrichts. Denn kaum eine andere Frage im musikpädagogischen Umfeld stellt sich dringlicher als die, wie Kinder und Jugendliche mit ihrer Zeit und innerhalb ihrer Zeit mit Musik umgehen. Die "zerstreute Rezeption", die u. a. mit einem permanenten (un-)bewußten Musikkonsum einhergeht, läßt zumindest die Wahrnehmung der Zeit in der Dimension ihres Vergehens immer reduzierter erscheinen. Damit aber ist auch verbunden, daß die von Jugendlichen am stärksten rezipierte Musik an ständig sich wiederholenden Mustern orientiert ist, die den Schein von Zeitlosigkeit vermitteln. Fragen nach einer bewußten Gestaltung von Zeit, nach dem Verhältnis von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem geraten aus dem Blickfeld, wenn alles stets als akustische Gegenwart erfahren wird.

Wo sich die Schule als eine Institution versteht, die mehr leistet als nur eine Wissensvermittlung im engeren Sinne, wo sie sich i.e.S. pädagogisch versteht, dort wird sich auch der Musikunterricht die Frage zu stellen haben, wie er auf das Phänomen der Zeit-Unbewußtheit reagieren kann. Damit ist besonders das Fach gefragt, das sich in unterschiedlichster Weise mit der Zeit-Kunst per se, der Musik, befaßt. In ihm wird in verschiedenen Richtungen der Horizont entworfen: als Zeit-Erleben, als Zeit-Erfahrung, als Zeit-Gestaltung, als Zeit-Genossenschaft.

Die vorliegende pädagogisch-phänomenologisch orientierte Arbeit greift auf den Ansatz der Lebensweltorientierung zurück, um ein Bezugssystem zwischen dem Schüler, dem Komponisten und seiner Musik sowie dem Lehrer zu entwerfen. Das ihnen Gemeinsame besteht in der je eigenen Erfahrung von Zeit und der (häufig unbewußten) Gestaltung der Zeit (vgl. Kap. 1). Die Komposition wird dabei zum Medium des Verstehens; ihre Gestalt und ihr Gehalt bergen die verschiedenen Dimensionen der Zeit in sich.

Die Schwierigkeit, einen pädagogisch angelegten Entwurf zum Phänomen der musikalischen Zeit vorzunehmen, besteht allerdings in zwei Problemkreisen, die sich aus den Bezugswissenschaften zur Musikpädagogik ergeben: bislang fehlt eine allgemeinpädagogisch-phänomenologische Aufarbeitung zur Frage der Zeit und des Zeiterlebens ebenso wie eine Geschichte der musikalischen Zeit. Wenn trotz dieses Dilemmas der Versuch gemacht wird, einen lebensweltlich herausragenden Topos wie den der Zeit in seiner musikalischen Dimension zu verstellen und ihn pädagogisch umzusetzen, dann deswegen, weil er - und darin liegt die Chance im Vorgehen - wie kaum ein anderer in der Reflexion der Komponisten der fünfziger und sechziger Jahre unseres Jahrhunderts die zentrale Rolle gespielt hat. Und kein anderer Komponist in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts hat sich derart prononciert zur musikalischen Zeit geäußert wie Bernd Alois Zimmermann. So bieten sich sein Werk und seine Texte geradezu ideal für einen Musikunterricht an, der Schülern das Ringen um die eigene Zeitlichkeit und Bedingtheit erfahrbar machen will.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit wird darum die didaktische Analyse und Interpretation von Photoptosis stehen, einer Komposition Zimmermanns, die brennpunktartig den Topos Zeit mit ihren verschiedenen Modi im Konzept der Kugelgestalt der Zeit reflektiert (Kap. 3). Geschichte wird in diesem Werk ebenso zur Gegenwart, wie Zukünftiges mit Gegenwärtigem verbunden wird. Daß Struktur und Inhalt nicht voneinander zu lösen sind, daß sich "Zeit" musikalisch nicht ausschließlich als Parameter buchstabieren läßt, sondern umfassend, d. h. bis hin zur existentiellen Zeitlichkeit des Komponisten verstanden werden muß, dafür bietet gerade dieses Spätwerk einen eindeutigen Beleg.

Wenn zuvor im 2. Kapitel die verschiedenen kulturgeschichtlichen Entwürfe zur Zeiterfahrung und -reflexion skizzenartig vorgestellt werden, dann deswegen, weil der musikpädagogische Zugriff ohne diese Einbettung weder dem Topos noch dem inzwischen in der pädagogischen Diskussion selbstverständlich gewordenen Anspruch nach einem fächerverbindenden Arbeiten in allen Schulstufen und -arten gerecht werden könnte. Damit soll nicht einer Modeerscheinung nachgegeben werden, sondern der Einsicht, daß sich der Zugang zu den lebensweltlichen Topoi allein aus dem Dialog mit verschiedenen geschichtlichen Erfahrungen ergibt.

Gleichzeitig wird in diesem Kapitel versucht, die musikwissenschaftlichen Ergebnisse zur Frage der musikalischen Zeit(-erfahrung) so zusammenzufassen, daß die angewendeten analytisch-interpretatorischen Verfahren in den nachfolgenden Kapiteln verständlich werden.

Da sich der Topos der Zeit - besonders im Zusammenhang mit weiteren sich aus Photoptosis ergebenden Aspekten - ästhetisch differenziert niederschlägt, werden im 4. Kapitel weitere Ableitungen wie Anfang - Ende - Übergänge, Das Alte als Rückblick und als Gegenwart, Der (musikalische) Augenblick oder Durchschrittene Zeit - Zum Thema "Andante" didaktisch untersucht. Die dabei vorgestellten Musikbeispiele und Texte ergeben genügend Material, um den Musikunterricht auch unabhängig von der Zimmermannschen Komposition zu planen und durchzuführen.

Daß dieses Vorhaben ohne eine intensive, oft auch kritische oder nachfragende Begleitung nicht möglich gewesen wäre, versteht sich von selbst. Ich möchte darum allen danken, die sich sehr viel Zeit zum Lesen, Nachdenken und Reden über dieses Thema genommen haben, den Kollegen Peter Becker, Gerhart Darmstadt, Karl Heinrich Ehrenforth und Richard Jakoby, der zugleich die Arbeit wie auch das damit verbundene Promotionsverfahren betreut hat. Henning Bergmann gebührt das Verdienst, zahlreiche Einzelaspekte in verschiedenen Klassenstufen erprobt zu haben. Doch ohne die stets mitdenkende und penible Lektoratsarbeit von Brigitte Franken wäre die Veröffentlichung des Buches in dieser Form nicht denkbar gewesen.

Hannover, im Frühjahr 1996
Hans Bäßler


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