1956, ein Jahr, in dem Weichen gestellt werden. Gut 10 Jahre sind seit dem Ende des zweiten Weltkrieges vergangen, aus dem die USA und die Sowjetunion als die großen Sieger hervorgegangen sind. Die alten (kolonialen) Großmächte Frankreich und Großbritannien sind vor allem wirtschaftlich geschwächt bzw. von den USA abhängig. Deutschland ist geteilt und noch weitgehend entmilitarisiert.
Der italienische Philologe Canfora behandelt (aus einer durchaus spezifisch italienischen Sicht) vor allem drei große Handlungskomplexe, die allerdings untereinander verflochten sind. Da ist die sogenannte Entstalinisierung, die mit der Geheimrede Chruschtchows auf dem 20. Parteitag der KPdSU beginnt - und zwar mit einem Paukenschlag. Folgen treten vor allem in den osteuropäischen Staaten Polen und Ungarn ein. Die kommunistischen Parteien, die dort regieren, weil diese Länder anerkanntermaßen zum sowjetischen Einflussbereich gehören, müssen Korrekturen in ihrer politischen Linie (etwa hinsichtlich der Kollektivierung der Landwirtschaft) vornehmen und das politische Spitzenpersonal austauschen. Während das in Polen mit Umsicht und politischer Intelligenz geschieht, stürzt Ungarn ins Chaos mit unrealistischen Bestrebungen (Austritt aus dem Warschauer Vertrag). Der militärische Einmarsch der Sowjetunion ist damit fast unausweichlich. Fast 3000 Tote in einem kleinen Land stellen eine Hypothek für das sowjetische bzw. kommunistische Lager dar. Ungarn selbst geht einen fast unpolitischen Weg zum "Gulaschkommunismus". Der Westen hatte die antisowjetischen Emotionen aufgestachelt - in vollem Bewusstsein, dass die UdSSR einen Austritt Ungarns aus ihrem Lager nicht zulassen könnte und der Westen nicht eingreifen würde. All diese Zusammenhänge zeigt Canfora kurz und erstaunlich präzise auf. Seine Diagnosen decken sich weitgehend etwa mit denen von Tony Judt in seiner "Geschichte Europas. Von 1945 bis zur Gegenwart".
Die Entwicklung auf der "Gegenseite": In Ägypten war von der Militärregierung Nassers der Suezkanal verstaatlicht worden. Israel, Frankreich und Großbritannien ahneten das mit einer gemeinsamen militärischen Aktion - in bester kolonialer Manier. Die UdSSR protestierte, die USA forderten ihre Juniorpartner zum Abzug auf. Diese gehorchten. Auch das passiert genau im vierten Quartal des Jahres 1956, in dem die UdSSR ihren abtrünnigen Verbündeten Ungarn zur realpolitischen Räson rief.
Am originellsten erscheint mir Canforas Darstellung der Rolle der blockfreien Staaten. Dazu gehörte Jugoslawien, das unter Tito durchaus orthodox-kommunistisch war, zu dem die UdSSR erst nach dem Tod Stalins gute Beziehungen wiederherstellte.
Blockfreie Staaten wie Jugoslawien unter Tito, Ägypten unter Nasser, Indien unter Nehru. Diese bildeten offenbar einen Machtfaktor, der von beiden Supermächten umworben wurde. Dafür wollten sie einerseits Ruhe im jeweiligen Einflussbereich (hier UdSSR) und andererseits keine provokativen Vorstöße der alten Kolonialmächte (USA).