Die in diesem neuen Buch versammelten Texte des Historikers Dan Diner, der in Jerusalem und in Leipzig Moderne Geschichte und Jüdische Geschichte lehrt, und dem Rezensenten schon seit seiner Zeit beim Sozialistischen Büro in Offenbach und der Zeitschrift "links" bekannt ist, die lange Zeit in den siebziger Jahren den Diskurs in der undogmatischen Linken maßgeblich geprägt haben, umfassen einen Entstehungszeitraum von 2003 -2010.
In verschiedenen Zusammenhängen und für die unterschiedlichsten Anlässe entstanden, zeigen alle Aufsätze einen Historiker und differenzierten Wissenschaftler, der davon überzeugt ist, dass wir unsere Gegenwartsfragen und vor allen Dingen die unzähligen aktuellen und ungelösten Konflikte in der Welt, hier vor allem der Nahost-Konflikt zwischen Palästinensern und Israel, nicht verstehen können, wenn wir nicht die Vergangenheit beachten.
In seinem Vorwort legt er darüber Rechenschaft ab: "Der vorliegenden Band versammelt Zeitdiagnostisches. Indes werden dabei die Ereignisse der Jetztzeit nicht direkt adressiert. Vielmehr sucht das Argument sich den zeitgeistigen Eindrücken in ihrer blendenden Unmittelbarkeit zu entziehen. Eine solche Distanzierung erfolgt vor dem Hintergrund vorausgegangenen Geschehens und eines urteilenden Nachdenkens darüber. Damit stellt sich noch lange kein die Aufdringlichkeit der Gegenwart distanzierender, historisch abgeklärter Blick ein, aber vielleicht doch so etwas wie ein entlang der Konturen des Vergangenen sich orientierender, historisierender Blick auf das Heute."
Insbesondere bei dem in vielen Aufsätzen tangierten Konflikt im Nahen Osten kann man dieses Vorgehen in nuce studieren. Vor allen Dingen im Kapitel "Konflikte begreifen" beschäftigt sich Diner damit und vermittelt dem aufmerksamen Leser differenzierte Einsichten.
Einsichten und Ansichten, die immer geprägt und beeinflusst sind von einer Sicht der Welt, wie sie der Philosoph Ernst Bloch mit seinem Begriff der "Ungleichzeitigkeit" formuliert hat.
"Eine treffsicherere Denkfigur zum Verständnis gegenwärtiger Lagen als die von der Blochschen Dialektik imprägnierte 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' dürfte sich kaum anbieten (...) wenn von jenen aktuellen Verwerfungen die Rede ist, die der schier unausweichlichen Begegnung gleichsam disparater, in sich kulturgebundener Zeiten in einem für alle verbindlichen Hier und Jetzt erwachsen", schreibt Diner in einem Vortrag zur Verleihung des Ernst Bloch Preises 2006.
Ich habe selten aktuelle Konflikte, wie etwa der zwischen Israel und den Palästinenser so genau, differenziert und nüchtern beschrieben gelesen wie hier. Wer sich an klarem Denken freut, keiner Ideologie verhaftet ist, und keine schnellen Antworten braucht, der hat an diesen Texten einen großen intellektuellen Genuss.