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69 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Was geschieht, wenn man glaubt, einen Schmetterling geheiratet zu haben um dann neben einer Raupe im Bett aufzuwachen?, 15. März 2009
Der Kultstatus, den das vorliegende Buch seit seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1961 innerhalb der gehobenen amerikanischen Literatur besitzt, verdankt sich einer Art literarischer Ersterkundung. Wir befinden in den glücklichen Fünfziger Jahren, als die Straßenkreuzer riesig waren und sich noch niemand Gedanken über zu hohe Spritpreise machen musste. Die Leute wohnten mit ihren Kindern in eigenen Häusern ( die sie auch abbezahlen konnten! ), hatten Arbeit und genossen den anhebenden Massenwohlstand der modernen Gesellschaft. Aber etwas stimmte nicht. Inmitten all der explodierenden Bequemlichkeiten der Moderne entdecken die Partner im Käfig der bürgerlichen Kleinfamilie sich plötzlich mit all ihren Schwächen und Marotten in einer solchen Genauigkeit, dass sie bald voneinander die Nase voll haben. Man glaubte, einen Schmetterling geheiratet zu haben und muss nun entdecken, dass es eine Raupe ist, die bis zum Ende des Lebens neben einem im Bett liegen wird.
Frank Wheeler, die Hauptfigur des Buches und ein aalglatter Bonsaiintellektueller, ist eine taube Nuss "auf der Suche nach seiner Bestimmung" ohne auch nur den leisesten Schimmer zu haben, was das sein könnte. Dafür nerven ihn seine Familie, seine Nachbarn, sogar seine Wald-und Wiesen-Geliebte und sein Beruf. Seine Frau April Wheeler ist eine unausgefüllte Hausfrau, deren psychologische Gemütslage zwischen "Ich liebe dich, wenn du lieb bist" und "Ich würde alles tun, damit Du dich nur entfalten kannst" hin- und herpendelt. Die beiden leben in der "Revolutionary Road" auf dem "Revolutionary Hill", einer Reihensiedlung in der Nähe von NYC und vertändeln ihre Freizeit mit Nachbarn, die die gleichen Probleme, nur noch eine Spur gewöhnlicher durchleiden. Denn ganz gleich ob es sich um die Wheeler, die Campbells oder die Givings handelt, alle Beziehungen zwischen den Paaren aber auch zwischen den Eheleuten sind auf eine schreckliche Weise gestelzt, jede Geste ist aufwendig inszeniert, jedes Gespräch eine Gratwanderung zwischen lauter Tretminen des Missverständnis, die bei aller Mühe dann doch immer wieder hochgehen und sich in exzessiven ehelichen Auseinandersetzungen entladen.
Die Handlung, die sich vor diesem Bühnenbild entfaltet und die die Wheelers schließlich in die Katastrophe führt, ist eigentlich nebensächlich. Ein infantiler Plan, den familiären Unzulänglichkeiten durch einen Umzug nach Paris zu entfliehen, wird wegen einer unerwarteten Schwangerschaft Aprils aufgegeben, in Wahrheit hatte Frank schon vorher jeden Wunsch nach einem so unberechenbaren Wechsel der Verhältnisse verloren. Der einzige, der den Wheelers ungeschminkt die Wahrheit dazu sagt, ist John Givings, der schizophrene Sohn der Maklerin, eine Art "Fratze der Wirklichkeit", der am Ende des Romans in der Irrenanstalt verdämmert, weil ihm keiner mehr zuhören will.
Ich habe dieses meisterhaft geschriebene und durch komponierte Buch an einem Wochenende mit Anteilnahme und Ergriffenheit gelesen. Blind müsste der Leser sein, der in Frank und April oder in den Nebenfiguren nicht auch sich selbst erkennen würde. Immer aufs Neue wird in dem vorliegenden Buch jene Archetypik des ehelichen Exzesses entfaltet, die fast jeder schon einmal erlebt hat. Sogar die steil abstürzenden Geburtenraten unserer niedergehenden Gesellschaften werden in dem Buch vorhergesagt, denn April Wheeler tötet in der Verzweiflung über ihr eheliches Desaster ihr ungeborenes Kind. Heute geschieht dies übrigens allein in Deutschland alljährlich 115.000 mal.
Was aber ist der Kern des Dilemmas? Wieso gerät die Ehe der Wheelers stellvertretend für fast alle Ehen der Gegenwart in eine solche Sackgasse? Was ist die Bedrohung und der Fluch, die über allen Ehen schwebt? Auch wenn Yates dies nicht ausdrücklich formuliert und viele Rezensenten anderer Auffassungen vertreten, meine ich: es ist das Unvermögen den Partner in seiner Beschränktheit anzuerkennen und wenn schon nicht dauerhaft zu lieben, so doch zu wenigstens ertragen. Einer der Nebenfiguren, dem alten und schwerhörigen Howard Givings, gelingt dies immerhin - wenngleich auf eine leider nicht verallgemeinerungsfähige Weise. Er stellt einfach das Hörgerät ab, wenn seine Frau das Haus betritt.
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65 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Revolutionary Road, 13. August 2006
"Zeiten des Aufruhrs", der deutsche Titel von Richard Yates' Roman "Revolutionary Road" aus dem Jahr 1961, ist genau wie der Originaltitel ironisch zu lesen. Es gibt nicht wirklich ein Aufruhr, ein Aufstand oder eine Revolution. Mehr als ein kurzes Kratzen an der Fassade findet nicht statt.
Richard Yates beschreibt das Leben des Ehepaars April und Frank Wheeler, beide um die 30, das an der Revolutionary Road in einer schmucken Einfamilienhaussiedlung ausserhalb von New York lebt. Der Roman hat wenig Handlung und lebt von den genauen Schilderungen dieser amerikanischen Mittelschicht. Wheelers Leben ist völlig langweilig und unbefriedigend. April fristet ihr Leben als gelangweilte Hausfrau, die Nachbarn sind langweilige Spiessbürger und die Arbeit im Büro ödet Frank nur an. April, die eigentlich Künstlerin sein möchte, schafft es als Schauspielerin nur in eine zweitklassige Laienaufführung. Die angestrebte Auswanderung nach Frankreich ist nicht mehr als Wuschdenken. Ihre Lebensträume sind nur Luftschlösser, dabei will man etwas besseres sein als die anderen. Die Beziehung zwischen Frank und April ist eingespielt, aber nicht wirklich glücklich, man entfremdet sich. Selbstverwirklichung sucht man in Affären. Am Schluss stürzt diese auf Lebenslügen und Wunschträumen basierende bürgerliche Existenz ein.
Richard Yates seziert erbarmungslos die kleinbürgerliche Gesellschaft, den American Way of Life, legt die Spannungen unterhalb der Oberfläche frei. Diese illusionslose Betrachtungsweise zerstört den amerikanischen Traum völlig. Zwischen Erwartung und Realität, Schein und Sein, liegen Welten. Das Buch erinnert mich irgendwie an den Film "American Beauty", auch wenn das Buch nicht so plakativ und überdreht die amerikanischen Vorstädte schildert, aber der Kernkonflikt ist der Gleiche. Der Roman zeigt eigentlich nur die pure Langeweile, was nicht besonders spannend ist. Spannend und faszinierend sind dagegen die sprachlichen Mittel, mit denen Yates diese Langeweile zur Implosion bringt.
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31 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Existentialisten in der Vorstadt, 28. Juni 2005
Von Ein Kunde
Derzeit wird offenbar auf beiden Seiten des Atlantiks an Yates' Wiederentdeckung gearbeitet. Dies ist also eine hervorragende Gelegenheit, sich als Literatur-Trendsetter zu profilieren: Zwei junge, studentisch-unorthodoxe Amerikaner haben beschlossen, ihr Boheme-Dasein übergangsweise und weil es die Situation erfordert (Kinder!) gegen das einer amerikanisches Vorstadtfamilie zu tauschen. Bei nüchterner Betrachtung sieht es schon bald so aus: Die beiden halten sich für Existentialisten, sind aber - frei nach Forrest Gump: spießig is, who spießig does - nicht weniger kleinbürgerlich als ihre verachtete Nachbarschaft. Er arrangiert sich erfolgreich, sie wird zur Ostküsten-Madame-Bovary. Ein psychologisch präziser wie plausibler, unterhaltsamer und in Ansätzen sogar satirisch-komischer Roman. Toll!
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