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Eine neue Studie über «das nervöse Zeitalter»
Von Christoph Jahr
Der New Yorker Psychiater George M. Beard prägte 1880 den Begriff «Neurasthenie» und gab damit den diffusen Leidenserfahrungen seiner Zeitgenossen einen Namen. Die Begriffe «Neurasthenie» und «Nervosität» hatten in Europa zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg nirgends so sehr Konjunktur wie in Deutschland, dem Parvenü unter den Nationalstaaten. Wolfgang Radkau, Professor für Neuere Geschichte in Bielefeld, spürt diesem Phänomen jetzt mit grossem Einfühlungsvermögen nach. Seine Entscheidung, die Neurasthenie nicht nur als kulturelles Konstrukt, sondern ebenso als Ausdruck echter Leidenserfahrung anzusehen, ist zu begrüssen, weil sie den subjektiv Leidenden ihre Würde lässt. Zu leicht wäre es anderenfalls über deren bisweilen bizarre psychische Ängste und Phantasien ironisch-süffisant hinwegzugehen. Um die «Diskursgeschichte» mit der «Erfahrungsgeschichte» zusammenbinden zu können, hat sich der Autor über zehn Jahre durch Berge von Fachliteratur und Patientenakten gearbeitet. Diese Mühe wird mit einer Fülle neuer Einsichten in das «nervöse Zeitalter» belohnt.
NEUE ZEITEN NEUE KRANKHEITEN
Lange Zeit war die Affektbändigung das Ziel aller Lebensweisheit, doch zu Beginn des technisch-industriellen Zeitalters wurde zunehmend die Klage über den Verlust der «echten» Gefühle laut. War dies der für den Erfolg der Normierungsbestrebungen der bürgerlichen Gesellschaft zu zahlende Preis? Weder die sich durchsetzende kapitalistische Wirtschaftsweise noch die zunehmende Individualisierung, noch die Beschleunigung des Lebens erzwangen die Flucht in die Nervosität. Dieser Wandel von einer Welt der stabilen Wirklichkeiten zu einer labilen Welt der Möglichkeiten war jedoch die Voraussetzung zu jener neuen Form des Körper- und Seelenbewusstseins, in der das Ich sich vor allem in seiner Pathologie erfuhr. Über Nerven zu reden war um 1880 nicht neu, doch bis dahin galten sie als Muskeln: «nervig» war gleichbedeutend mit muskulös.
Mit dem neuen Begriff «Neurasthenie» konnten dann jedoch die Symptome der «reizbaren Schwäche», ein halb hypochondrisches, halb somatisches Wollen-und-nicht-Können, scheinbar auf einen Nenner gebracht werden. Der jähe Wechsel zwischen befriedigungsloser Hyperaktivität und ruhelosem Phlegma schien er nicht symptomatisch für die Gründerzeit, in der sich eine ziellose, viele Zeitgenossen überfordernde Dynamik entfaltete? Angesichts des Krisenbewusstseins der 1880er Jahre ist Radkaus Schluss plausibel, das Neurastheniekonzept habe sich nicht aus innerwissenschaftlichen Bedürfnissen heraus entwickelt, sondern aus einer Offenheit der Medizin für neue Erfahrungen ihrer Zeit. Dank dem neuen Begriff konnte man jetzt über psychische Deformationen sprechen, ohne als «verrückt» denunziert zu werden. Denn der meist dem Bürgertum entstammende Neurastheniker hatte ein immenses Mitteilungsbedürfnis, dem er oft in seitenlangen Selbstanalysen frönte. Der «homme aux petits papiers» betrieb eine fast schon exhibitionistische Seelenschau, vor allem, wenn es um das wichtigste und zugleich am rigidesten tabuisierte Thema ging: die Sexualität.
Die Angst vor den Folgen ausschweifenden Genusses Alkohol, Nikotin, Sexualität trieb den Neurastheniker in die Versagensangst. Besonders die Debatten um die vermeintlichen Folgen der Onanie und des Coitus interruptus führen ins Zentrum bürgerlicher Träume und Albträume. Zugleich war der «Nerven-Diskurs», gerade wegen seiner inhaltlichen Unschärfe, ein Auffangnetz für extravagantes Verhalten, das anders nicht gesellschaftsfähig zu machen war. Der Kranke konnte relativ frei über das sprechen, was die bürgerliche Tugendlehre sonst perhorreszierte.
Daher war dieser Diskurs im Kern, trotz vielen gegenläufigen Tendenzen, emanzipatorisch. Frauenfeindliche Vorurteile gab es zur Genüge, sie prägten aber nicht das Gesamtbild. Im Gegenteil, hier näherten sich die Geschlechterrollen einander tendenziell an. Zwar wurden die Frauen häufig als hysterisch abqualifiziert, doch auch sie konnten nervös werden, und manche Berufe, wie der des «Fräuleins vom Amt», erhielten dadurch eine Statusaufwertung. Denn wer nervös war, war auch wichtig. Die Attraktivität des Neurastheniekonzepts beruhte darauf, dass ein breites Spektrum an Glücksbeeinträchtigungen therapierbar erschien, wovon die Nervenärzte und Hunderte von Heil- und Kuranstalten profitierten. Die Nervosität war auch ein Wirtschaftsfaktor.
NERVEN, POLITIK, KRIEG
Weniger überzeugend ist das Buch, sobald es sich vom fach- und populärwissenschaftlichen Neurasthenie-Diskurs entfernt und vollmundig den grossen Bogen zur Politik, von den Nervenheilanstalten zur Hofgesellschaft, von den Onanieängsten zum Ersten Weltkrieg schlägt. Problematisch ist hier schon Radkaus Axiom, aus individuellen Krankengeschichten lasse sich auf ein politisches Krankheitsmuster schliessen. Ist die Ende der 1880er Jahre in Deutschland vernehmlich werdende Unzufriedenheit mit Bismarcks aussenpolitischer Saturiertheit wirklich mit der Bedürfnissteigerung der Warenkonsumenten verbunden? Oder handelt es sich dabei nicht doch eher um einschmeichelnde Metaphern denn um kausale Ketten? Die Charakterisierung des Kaiserreichs als «nervöse Grossmacht» ist in der Tat naheliegend, erklärt für sich genommen aber nichts.
Zwar ist es hilfreich, daran zu erinnern, dass der schnarrende Kasernenhofton nur die eine Seite des Wilhelminismus war, der sich die weiche, männerbündlerische des Eulenburg-Kreises komplementär hinzugesellte. Wem fiele da nicht Heinrich Manns «Untertan» ein, dessen Protagonist den herrisch-nervösen Habitus seiner Zeit perfekt verkörperte, der aber doch «ein weiches Kind» gewesen war. Die wilhelminische Weltpolitik als neurasthenische «reizbare Schwäche» zu deuten, klingt gut, hilft aber nicht weiter bei der Erklärung des im Untertitel angesprochenen Wegs von Bismarck zu Hitler. Denn der Neurasthenie-Diskurs führte, das stellt Radkau ausführlich dar, weder geradlinig zur nationalsozialistischen Eugenik noch zur Verschärfung des Antisemitismus, und er ebbte bereits vor 1914 merklich ab. Warum die nervösen Zeitgenossen die Erlösung von ihrer reizbaren Schwäche von der Politik erwartet haben sollen, obwohl die Ärzte nur medizinische Lösungen anboten, ist nicht nachvollziehbar. Der Kult der Willensstärke, der die von Karl Lamprecht als «Zeitalter der Reizsamkeit» charakterisierte Epoche ablöste, ist wohl doch eher Symptom als Ursache der Brutalisierung der Politik in Deutschland.
Hier offenbart sich das Grundproblem von Radkaus Vorgehensweise. Er will mit Hilfe eines amorphen Phänomens, des «Chamäleons unter den Krankheiten», ein hartes historisches Faktum, die Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland, erklären. Diese Überdehnung des eigenen Ansatzes ist überflüssig, denn auch ohne dem reisserischen Untertitel gerecht zu werden, ist seine Studie äusserst lesenswert (wenngleich eine Straffung des fast fünfhundert Seiten langen Textes wünschenswert gewesen wäre). Aber substantiell neue Erkenntnisse für Deutschlands politischen Weg ins 20. Jahrhundert liefert sie letztlich nicht. Radkau stellt selbst die Frage, ob das Psychologisieren nicht doch vom Eigentlichen ablenke, ob man mit Max Weber nicht mehr von politischen Strukturen als von psychischen Dispositionen sprechen müsse. So eindrucksvoll Radkaus kultur- und mentalitätsgeschichtliches Porträt des Wilhelminismus auch geraten ist: Webers Einwand scheint nicht entkräftet.
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