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Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler
 
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Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler (Gebundene Ausgabe)

von Joachim Radkau (Autor)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 550 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser; Auflage: 1 (1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446193103
  • ISBN-13: 978-3446193109
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 15,2 x 4,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Deutsche Pathologie

Eine neue Studie über «das nervöse Zeitalter»

Von Christoph Jahr

Der New Yorker Psychiater George M. Beard prägte 1880 den Begriff «Neurasthenie» und gab damit den diffusen Leidenserfahrungen seiner Zeitgenossen einen Namen. Die Begriffe «Neurasthenie» und «Nervosität» hatten in Europa zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg nirgends so sehr Konjunktur wie in Deutschland, dem Parvenü unter den Nationalstaaten. Wolfgang Radkau, Professor für Neuere Geschichte in Bielefeld, spürt diesem Phänomen jetzt mit grossem Einfühlungsvermögen nach. Seine Entscheidung, die Neurasthenie nicht nur als kulturelles Konstrukt, sondern ebenso als Ausdruck echter Leidenserfahrung anzusehen, ist zu begrüssen, weil sie den subjektiv Leidenden ihre Würde lässt. Zu leicht wäre es anderenfalls über deren bisweilen bizarre psychische Ängste und Phantasien ironisch-süffisant hinwegzugehen. Um die «Diskursgeschichte» mit der «Erfahrungsgeschichte» zusammenbinden zu können, hat sich der Autor über zehn Jahre durch Berge von Fachliteratur und Patientenakten gearbeitet. Diese Mühe wird mit einer Fülle neuer Einsichten in das «nervöse Zeitalter» belohnt.

NEUE ZEITEN – NEUE KRANKHEITEN

Lange Zeit war die Affektbändigung das Ziel aller Lebensweisheit, doch zu Beginn des technisch-industriellen Zeitalters wurde zunehmend die Klage über den Verlust der «echten» Gefühle laut. War dies der für den Erfolg der Normierungsbestrebungen der bürgerlichen Gesellschaft zu zahlende Preis? Weder die sich durchsetzende kapitalistische Wirtschaftsweise noch die zunehmende Individualisierung, noch die Beschleunigung des Lebens erzwangen die Flucht in die Nervosität. Dieser Wandel von einer Welt der stabilen Wirklichkeiten zu einer labilen Welt der Möglichkeiten war jedoch die Voraussetzung zu jener neuen Form des Körper- und Seelenbewusstseins, in der das Ich sich vor allem in seiner Pathologie erfuhr. Über Nerven zu reden war um 1880 nicht neu, doch bis dahin galten sie als Muskeln: «nervig» war gleichbedeutend mit muskulös.

Mit dem neuen Begriff «Neurasthenie» konnten dann jedoch die Symptome der «reizbaren Schwäche», ein halb hypochondrisches, halb somatisches Wollen-und-nicht-Können, scheinbar auf einen Nenner gebracht werden. Der jähe Wechsel zwischen befriedigungsloser Hyperaktivität und ruhelosem Phlegma – schien er nicht symptomatisch für die Gründerzeit, in der sich eine ziellose, viele Zeitgenossen überfordernde Dynamik entfaltete? Angesichts des Krisenbewusstseins der 1880er Jahre ist Radkaus Schluss plausibel, das Neurastheniekonzept habe sich nicht aus innerwissenschaftlichen Bedürfnissen heraus entwickelt, sondern aus einer Offenheit der Medizin für neue Erfahrungen ihrer Zeit. Dank dem neuen Begriff konnte man jetzt über psychische Deformationen sprechen, ohne als «verrückt» denunziert zu werden. Denn der meist dem Bürgertum entstammende Neurastheniker hatte ein immenses Mitteilungsbedürfnis, dem er oft in seitenlangen Selbstanalysen frönte. Der «homme aux petits papiers» betrieb eine fast schon exhibitionistische Seelenschau, vor allem, wenn es um das wichtigste und zugleich am rigidesten tabuisierte Thema ging: die Sexualität.

Die Angst vor den Folgen ausschweifenden Genusses – Alkohol, Nikotin, Sexualität – trieb den Neurastheniker in die Versagensangst. Besonders die Debatten um die vermeintlichen Folgen der Onanie und des Coitus interruptus führen ins Zentrum bürgerlicher Träume und Albträume. Zugleich war der «Nerven-Diskurs», gerade wegen seiner inhaltlichen Unschärfe, ein Auffangnetz für extravagantes Verhalten, das anders nicht gesellschaftsfähig zu machen war. Der Kranke konnte relativ frei über das sprechen, was die bürgerliche Tugendlehre sonst perhorreszierte.

Daher war dieser Diskurs im Kern, trotz vielen gegenläufigen Tendenzen, emanzipatorisch. Frauenfeindliche Vorurteile gab es zur Genüge, sie prägten aber nicht das Gesamtbild. Im Gegenteil, hier näherten sich die Geschlechterrollen einander tendenziell an. Zwar wurden die Frauen häufig als hysterisch abqualifiziert, doch auch sie konnten nervös werden, und manche Berufe, wie der des «Fräuleins vom Amt», erhielten dadurch eine Statusaufwertung. Denn wer nervös war, war auch wichtig. Die Attraktivität des Neurastheniekonzepts beruhte darauf, dass ein breites Spektrum an Glücksbeeinträchtigungen therapierbar erschien, wovon die Nervenärzte und Hunderte von Heil- und Kuranstalten profitierten. Die Nervosität war auch ein Wirtschaftsfaktor.

NERVEN, POLITIK, KRIEG

Weniger überzeugend ist das Buch, sobald es sich vom fach- und populärwissenschaftlichen Neurasthenie-Diskurs entfernt und vollmundig den grossen Bogen zur Politik, von den Nervenheilanstalten zur Hofgesellschaft, von den Onanieängsten zum Ersten Weltkrieg schlägt. Problematisch ist hier schon Radkaus Axiom, aus individuellen Krankengeschichten lasse sich auf ein politisches Krankheitsmuster schliessen. Ist die Ende der 1880er Jahre in Deutschland vernehmlich werdende Unzufriedenheit mit Bismarcks aussenpolitischer Saturiertheit wirklich mit der Bedürfnissteigerung der Warenkonsumenten verbunden? Oder handelt es sich dabei nicht doch eher um einschmeichelnde Metaphern denn um kausale Ketten? Die Charakterisierung des Kaiserreichs als «nervöse Grossmacht» ist in der Tat naheliegend, erklärt für sich genommen aber nichts.

Zwar ist es hilfreich, daran zu erinnern, dass der schnarrende Kasernenhofton nur die eine Seite des Wilhelminismus war, der sich die weiche, männerbündlerische des Eulenburg-Kreises komplementär hinzugesellte. Wem fiele da nicht Heinrich Manns «Untertan» ein, dessen Protagonist den herrisch-nervösen Habitus seiner Zeit perfekt verkörperte, der aber doch «ein weiches Kind» gewesen war. Die wilhelminische Weltpolitik als neurasthenische «reizbare Schwäche» zu deuten, klingt gut, hilft aber nicht weiter bei der Erklärung des im Untertitel angesprochenen Wegs von Bismarck zu Hitler. Denn der Neurasthenie-Diskurs führte, das stellt Radkau ausführlich dar, weder geradlinig zur nationalsozialistischen Eugenik noch zur Verschärfung des Antisemitismus, und er ebbte bereits vor 1914 merklich ab. Warum die nervösen Zeitgenossen die Erlösung von ihrer reizbaren Schwäche von der Politik erwartet haben sollen, obwohl die Ärzte nur medizinische Lösungen anboten, ist nicht nachvollziehbar. Der Kult der Willensstärke, der die von Karl Lamprecht als «Zeitalter der Reizsamkeit» charakterisierte Epoche ablöste, ist wohl doch eher Symptom als Ursache der Brutalisierung der Politik in Deutschland.

Hier offenbart sich das Grundproblem von Radkaus Vorgehensweise. Er will mit Hilfe eines amorphen Phänomens, des «Chamäleons unter den Krankheiten», ein hartes historisches Faktum, die Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland, erklären. Diese Überdehnung des eigenen Ansatzes ist überflüssig, denn auch ohne dem reisserischen Untertitel gerecht zu werden, ist seine Studie äusserst lesenswert (wenngleich eine Straffung des fast fünfhundert Seiten langen Textes wünschenswert gewesen wäre). Aber substantiell neue Erkenntnisse für Deutschlands politischen Weg ins 20. Jahrhundert liefert sie letztlich nicht. Radkau stellt selbst die Frage, ob das Psychologisieren nicht doch vom Eigentlichen ablenke, ob man mit Max Weber nicht mehr von politischen Strukturen als von psychischen Dispositionen sprechen müsse. So eindrucksvoll Radkaus kultur- und mentalitätsgeschichtliches Porträt des Wilhelminismus auch geraten ist: Webers Einwand scheint nicht entkräftet.

Pressestimmen

"Ein origineller Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des virulenten wilhelministischen Zeitalters." (Süddeutsche Zeitung)

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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Allzu reizend, 6. März 2000
Von Ein Kunde
Ausgehend von einem durch Unsicherheit, Angst und Schwäche geprägten Befinden der deutschen Gesellschaft zur wilhelminischen Zeit untersucht Joachim Radkau die Gründe für die sogenannte Neurasthenie und wie es dazu kam, dass sich diese Nervenschwäche epidemieartig über alle Klasschranken hinweg ausbreiten konnte. Die Frage, wann die Leute es mit den Nerven bekamen' kann Radkau sehr präzise beantworten: Im Jahr 1880 erschien das Buch "Neurasthenia" des New Yorker Nervenarztes George M. Beard. Dieses Buch wirkte in Deutschland wie die Entfesselung eines allzu lang tabuisierten Diskurses. Und zwar eines Diskurses im eigentlichen Sinne Foucaults, wie der Autor betont, denn es kam dabei zu "einer sich durch kommunikative Wechselwirkungen entwickelnden Herausbildung neuer Sichtweisen und Erfahrungsmuster, die sich nicht auf bestimmte historische Subjekte und ihre Herrschaftsinteressen zurückführen läßt." Radkau weist darauf hin, dass das allgemeine Reden über die Nervenschwäche "nicht die beklemmende Grundstimmung der Foucaultschen Diskurse" besaß und "weder stigmatisierend noch ausgrenzend" wirkte, sondern vielmehr "an die Unsicherheit der Grenze zwischen ‚krank' und ‚gesund'" erinnerte. Doch zurück zu Beard, der in seinem wirkungsträchtigen Buch die These entwickelte, Neurasthenie sei eine Massenerscheinung infolge der Moderne und der Preis für den technisch ökonomischen Wandel. Diese von Radkau abkürzend als "Modern Times-Theorie" bezeichnete Theorie, die kurz gesagt darauf basiert, dass vor allem die Beschleunigung durch die technischen Innovationen der Industrialisierung beim Individuum eine Flucht in die Nervosität bewirkten, entkräftet Radkau glaubwürdig, indem er äußerst belegreich beweist, dass die damalige Nervosität durch die Wahrnehmung der Diskrepanzen zwischen den neuen Leitbildern und den eigenen Unzulänglichkeiten hervorgerufen wurde; Wie eine solche persönliche Überforderung zustande kam lässt sich etwas salopp mit einem Satz Woody Allens "Seit es Flugzeuge gibt sind die entfernten Verwandten auch nicht mehr das, was sie einmal waren" ausdrücken. Hierin liegt die eigentlich Schwäche seines Buches: Um dem Leser die zeitgenössische Wahrnehmung zu vermitteln, war Radkau offensichtlich kein Archivalienkeller zu tief, in dem er auch noch den entlegendsten Bericht eines Neurasthenikers auftreiben konnte. Sicherlich ist es der richtige Weg, die Neurasthenie nicht mentalitäts-, sondern gesellschaftsgeschichtlich zu analysieren und deshalb nach persönlichen Zeugnissen zu suchen. Schließlich handelte es sich doch bei dem Befund "neurasthenisch" vornehmlich um eine Selbstdiagnose, die von den Menschen dazu genutzt wurde, einem diffusen Haufen von Beschwerden einen Sinn zu geben. Aber ob, um zu zeigen, dass die Neurasthenie eine - im wahren Sinne des Wortes - demokratische Angelegenheit war (zumal sie zu einem beträchtlichen Teil erst durch den Diskurs über sie entstand) eine solche Fülle von Berichten nötig gewesen wäre, ist durchaus fraglich - selbst wenn man vielen der Tagbucheinträge, Arztmitschriften etc. nicht absprechen kann, dass sie ein gewisses Lesevergnügen bereiten. Doch dass es sich hier immer um ein unscharfes Bild von einer Krankheit handelte (einer Krankheit, die laut Radkau "irgendwann" zum Kulturzustand mutierte), deren pathologische Syndrome schwer lokalisierbar waren und die aufgrund ihrer unspezifischen Symptomatik einen riesigen Spielraum für diverse Therapien eröffnete, hätte der Autor genauso gut anhand einiger exemplarischer Beispiele verdeutlichen können. Zu seinen Gunsten sei erwähnt, dass sich Radkau über die episch breit collagierte Befrachtung seines Werkes mit Alltagsgeschichtchen durchaus im klaren ist, wie er nicht zuletzt im Nachwort eingesteht, denn diese verspricht Einsicht verspricht ja eventuell Besserung ;) Dass trotz der 550 dicht bedruckten Seiten neben einem prächtigen Literaturverzeichnis ein Index fehlt, ist allerdings sehr bedauerlich und macht es nicht gerade leichter, dieses Buch noch mal in die Hand zu nehmen. Selbst wenn man bestrebt ist, die Linie, die Radkau mit dem werbewirksamen Untertitel "Deutschland zwischen Bismarck und Hitler" andeutet, ein zweites Mal genauer zu beschauen, weil sie einem bei der ersten Lektüre nicht so ganz einleuchten wollte. Gleichermaßen problematisch erscheint mir die zu unausgewogene Betrachtung der Gründe für die Entstehung des Ersten Weltkriegs. Allen voran nennt der kritische Schüler Fritz Fischers, dass aus dem vieldiskutierten Empfinden, die außenpolitische Situation Deutschlands sei ein Spiegel der gesellschaftlichen Frustration, das Bestreben erwuchs, der allgemein gefühlten Schwäche ein Zeichen von Stärke entgegenzusetzen. Dem Krieg wird somit die Funktion einer volkumfassenden Nervenkur zugeschrieben, was zwar ein sehr interessanter Ansatz ist, doch keine hinreichende Erklärung. Darüber hinaus stellt der Autor sein Argument von der Sehnsucht nach politischer Stärkedemonstration selbst auf wackelige Füße, weil er in einen vorangegangenen Teil seines Buches davon spricht, dass sich viele Menschen in ihrem "Nervös-Sein" durchaus wohlfühlten. Im Schlusskapitel gelingt es Radkau anhand eines zwar stark schematisierten, aber dennoch stimmigen und anschaulichen Bildes zu illustrieren, was es mit der vielgesichtigen und monokausal unerklärbaren ‚Krankheit' Neurasthenie eigentlich auf sich hatte und wie sie sich dauerhaft in einem dynamischen, geradezu dialektischen System stabilisieren konnte. Dafür zeichnet er idealtypisch drei Arten von Neurasthenie. Die erste war eine aktive Neurasthenie, zu deren Merkmalen eine hektische Betriebsamkeit und aggressive Reizbarkeit zählte; die Neurasthenie der Täter. Die Neurasthenie der Opfer hingegen war gekennzeichnet durch Passivität, durch zaghafte Schwäche und eben durch ein Leiden unter den hektisch Betriebsamen. Eine dritte Art von Neurasthenie wurde von den Nachahmern praktiziert. Das waren diejenigen, die, wenn sie mal den Bogen raus hatten, wussten, wie sie sich mit ihren Leiden einen Kuraufenthalt ermöglichen oder Rentenansprüche geltend machen konnten. Immer wieder gelingt es Radkau in seinem Buch das Janusgesicht der Neurasthenie zu offenbaren: Dass sie einerseits (kulturelles) Konstrukt und andererseits (persönliche) Leidenserfahrung und eben auch beides zugleich war; sie konnte durch Reizüberflutung und durch Reizarmut entstehen. Dynamisch wird dieses oben beschriebene Dreiersystem der Neurastheniearten nämlich, wenn man bedenkt, dass beispielsweise Personen aus der letztgenannten Gruppe während ihrer ‚Regeneration' eine derartige Langeweile empfanden, dass sie wieder zur Gruppe der Täter überwechselten. Radkau hat mit seinem Buch eine ausgesprochen gründliche Arbeit abgeliefert, das "Das Zeitalter der Nervosität ist in sich stimmig, teilweise interessant, weil unkonventionell und neu, aber insgesamt zu breit für den Ansatz (und damit wohl leider auch für den Absatz ...)
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Von der Nervosität zur Kultur der Moderne und Weltpolitik, 4. Juli 2002
Diese Rezension stammt von: Das Zeitalter der Nervosität (Taschenbuch)
Das Buch behandelt eine historische Gegebenheit, die unserer heutige Erfahrung unbekannt und vielleicht auch schwer begreiflich ist: den Zusammenhang zwischen einer Erkrankung der Psyche und des Nervensystems und einem Kulturzustand bzw. dem Lebensgefühl einer Epoche. Der Autor stellt diese Verbindung zwischen der Nervosität (Neurasthenie) und der Kultur des Deutschen Kaiserreiches her. Ihre Wurzeln hatte die Nervosität als Volkskrankheit in der Industrialisierung und dem enormen schnellen sozialen, kulturellen und technischen Wandel in den Jahren nach 1871. Die Nervosität stellte eine Anpassungserscheinung an diese schwierigen Zeiten dar und unter ihrem Etikett versammelten sich die verschiedensten Symptome. Der Autor rekonstruiert dies anhand von Patientenakten aus den damaligen Kur-; Bad- und Heilanstalten und deren Inhalt ist aus heutiger Sicht ebenso absurd wie einfach nur komisch ist.
Bei den Auswirkungen der Nervosität auf die Kultur und die Politik im Kaiserreich wird vom Autor keine direkte Kausalität unterstellt. Dennoch ergibt sich ein plausibler Zusammenhang, wie sich in einer aufgeregten Zeit, die kühles Überlegen und Abwarten als Schwäche auslegen und damit auch verhindern konnte, die Ereignisse von der Marokkokrise bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges entwickelt haben.
Letztlich gelingt dem Autor die Epoche zu verstehen, welche unter der Moderne, d. h. unter der Auflösung von vielem bisher Bekanntem und Vertrautem und der Neuschaffung vieler Dinge, die wir heute als alltäglich ansehen litt und diese daraus resultierende existentielle Verunsicherung zu bekämpfen und überwinden versuchte.
Insofern ist für alle Interessierte das Buch von höchstem Lesegenuß.
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