"Dieses Buch sollte verboten werden. Oder was sonst könnten wir tun, damit es auf jeden Fall beachtet wird?" (Klappentext) - So Christina Brudereck zu dem von Tobias Faix und Thomas Weißenborn herausgegebenen Sammelband.
Hinter dem Buch stecken viele verschiedene Autoren, die sich über, deren Beiträge in den Kapiteln "Der Geist der Zeit", "Die Zeit des Geistes", "Der Geist und die Zeit" und schließlich "Zeit-Geist" zusammengestellt sind."
Als damaliger Student und nun Berufseinsteiger bin ich selbst ganz empirisch-praktisch mit dem Anliegen des Buches in Berührung gekommen. Oder vielmehr mit einem Problem: Durch das eine oder andere Praktikum hat es mich unter anderem ins Ruhrgebiet und später nach Bayern verschlagen. Als Brandenburger hätte es gegensätzlicher für mich nicht kommen können. Die Standardfrage, die mich dann immer aus der Heimatgemeinde traf, lautete: "Hast du schon eine Gemeinde gefunden?" - Ich war in Gemeinden - aber wenn man dort auftaucht, ohne wahrgenommen und beachtet zu werden, dann fehlen einem irgendwann die Worte. Dann geht das Bild einer Gemeinde, die weltweit agiert, zu Bruch.
Im Essener CVJM "e/motion" habe ich erfahren, was ich anderswo nicht finden konnte. Hier wurde ich nicht gefragt, wo ich mitarbeiten will, wo ich geistig stehe oder aus welcher Denomination ich denn nun stamme. Ich habe schlicht gespürt: Man möchte, dass ich mich in der Fremde wohlfühle. Das war meine erste, zugegeben unbewusste Begegnung mit der "ZeitGeist"-"Szene".
Der Sammelband beginnt mit einer umfassenden "Bestandsaufnahme" (11-60), die u.a. auf die Notwendigkeit hinweist, die gesellschaftlichen Probleme in den Blick zu nehmen. Unter dem Motto aus den Evangelien "Gott liebt die Welt" müssen wir Christen auch die Herausforderung verstehen, mit der Welt mitzuleben, Fragen und Antworten zu teilen. Müssen wir den Postmodernen ein Postmoderner sein? Ich denke schon. Denn wie Brudereck feststellt, laufen die Menschen um uns herum erwartungsvoll umher und suchen auf dem Basar der spirituellen Möglichkeiten Antworten auf ihre Fragen. Lediglich an das Christentum werden keine Erwartungen (mehr) gestellt (vgl. 26ff.).
Der dritte grosse Abschnitt (111-170) - "Der Geist und die Zeit" - entwickelt deswegen "Wege zu einem neuen Denken". Hinter dieser Überschrift verstecken sich Gedanken zur Theologie in einer postmodern-pluralistischen Welt, in der absolute Werte als geistlicher Imperialismus verstanden werden. Mike Bischoff betont in diesem Kontext - in Anknüpfung an Heinzpeter Hempelmann - die wichtige Unterscheidung zwischen "Pluralismus" und "Pluralität": "Die viel beklagte Pluralität verschiedenster religiöser und weltanschaulicher Wahrheitsansprüche ist so lange kein wirkliches Problem, ist im Gegenteil eine Chance für christliches Wahrheitszeugnis, wie diese Vielfalt wahrgenommen wird als Gelegenheit, die eigene Position inmitten der anderen und im Gegenüber zu ihnen zu profilieren. [...] Davon zu unterscheiden ist die Ideologisierung dieser Pluralität zu einem Ismus, zum Pluralismus" (113). An dieser Stelle fühlte ich mich auch als Nichttheologe angesprochen: Ich verstehe mein Christsein als Reise, als Pilgerfahrt auf der Suche nach neuen Schätzen in Bibel und Geschichte - dynamisch und kreativ statt statisch und reproduzierend. Einer starren Dogmatik will ich entgehen. Gleichzeitig bleibt es mir wichtig, mich durch Traditionen und frühere Erkenntnisse inspirieren zu lassen und so auf einer gewissen "Spur" zu bleiben.
Im vierten Abschnitt (171-248) - "Inspiration statt Imitation" bzw. nun endlich "ZeitGeist" - kommen Menschen zu Wort, die versuchen, eine neue Form des Christseins zu leben. Als Leser sind wir wohl gefragt, diesen Teil weiterzuschreiben. Das könnte so aussehen, dass wir unseren Stolz ablegen, um den Menschen um uns herum dienen zu können. Nicht zuerst nach "gläubig" oder "ungläubig", "Pfingstler" oder "Katholik" zu sortieren, sondern die Freiheit zu besitzen, uns ganz aufeinander einzulassen. Das ist es, was die Veröffentlichung "ZeitGeist" meiner Wahrnehmung nach will - ebenso wie die Emerging Conversation, aus deren Quellen sie sich überwiegend speist. Sicherlich war es nicht falsch, was bisher in Gemeinden und Gottesdiensten lief. Aber die Reformation hat nie aufgehört. Die Gesellschaft , die Welt, in der wir leben, fordert uns neu heraus. "ZeitGeist" hat mich stark geprägt. Es lohnt sich, über neue Wege nachzudenken - und sie dann auch zu gehen.
Martin Rösler
ichthys 25 (2009), 2009|1, 96f