In ihrem neuen Jugendbuch, ,,Die Zeit der schlafenden Hunde" erzählt Mirjam Pressler die Geschichte der achtzehnjährigen Johanna Riemenschneider, die bei einer Klassenfahrt nach Israel plötzlich mit ihrer Familiengeschichte zu Zeiten des Naziregimes konfrontiert wird. Dort trifft sie die alte Frau Levin, deren Familie vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten das Modehaus Riemenschneider, welches nun Johannas Familie gehört, besaß. Während der Arisierung hatte Johannas Großvater das Geschäft weit unter seinem wahren Wert gekauft und profitierte so von der Notlage der jüdischen Bevölkerung. Nach der Rückkehr aus Israel ist für Johanna nichts, wie es einmal war. Sie kann nicht mit ihren Schuldgefühlen und dem Gefühl Verantwortung für das einst von ihrem Großvater begangene Verbrechen tragen zu müssen umgehen. Johanna ist verzweifelt, da sie längst Vergessenes nicht wachrütteln will, zumal dies ihre Beziehung zu ihrer Familie zerstören könnte. Ebenfalls weiß sie nicht, wie sie sich gegenüber ihrem Freund Daniel verhalten soll, den sie mit Frau Levins Enkel Doron betrogen hat. So kann sie sich nicht entscheiden, ob sie Daniel den Seitensprung beichten oder weiterhin versuchen soll, zu tun als sei nichts geschehen. Während Johanna von diesen Fragen geplagt wird, bringt sich unerwartet ihr Großvater um, was Johanna dazu bewegt, in ihrer Familiengeschichte zu recherchieren, verborgenes aufzudecken und ihren Vater mit totgeschwiegenen Fakten zu konfrontieren. Zusehends gerät sie in einen Konflikt mit ihm, da er nichts von der Vergangenheit hören will. Als es schließlich zur Eskalation der Streitigkeiten kommt, spricht Johanna alles aus, was ihr auf der Seele liegt. Als sie ihrem Freund Daniel ebenfalls alles gesteht und dieser sich von ihr abwendet scheint es zunächst so, als hätte Johanna jede wichtige Beziehung in ihrem Leben verloren. Nach einer Weile der Einsamkeit verzeihen ihr Freund und ihr Vater ihr trotzdem und so erreicht Johanna schließlich doch, was sie immer wollte. Sie schafft Klarheit und steht mit reinem Gewissen zu sich selbst, mit der Gewissheit nichts unversucht gelassen und ihren Ängsten den Rücken gekehrt zu haben.
Trotz der vielen Erfolge Mirjam Presslers, wie die Überarbeitung des Buches ,, Anne Frank" ,,Ich sehne mich so", kann man bei ,,Die Zeit der schlafenden Hunde" nicht von einem gelungenen Jugendbuch sprechen. Vielleicht liegt es daran, dass Mirjam Pressler einfach zu alt geworden ist, um die junge Generation zu verstehen und sich mit ihr zu identifizieren. Jede Kleinigkeit im Laufe des Romans erweckt den Eindruck, als ob Mirjam Pressler krampfhaft versucht, einem Jugendlichen zu zeigen, dass er auch wirklich ei Jugendbuch in den Händen hält. So erwähnt sie überflüssige Einzelheiten aus der Welt der Jugendlichen, die teils nicht stimmen oder einfach nur falsch recherchiert sind. Beispielsweise heißt die bekannte Band Nirvana plötzlich ,,Nirwana". Die jugendlichen Helden des Romans zeigen kaum Individualität und sind aus den typischen Klischees zusammengesetzt, die alte Menschen nun mal von Jugendlichen haben. Ohne besonderen Wert auf Feinheiten zu legen denkt die Autorin jeden Jugendlichen in einem Satz charakterisieren zu können. Es gibt den Modebegeisterten, der immer nach den neusten Trends Ausschau hält, es gibt die abenteuerlustige ,,Globetrotterin" und den ständig aufgedrehten Klassenclown. Die Absicht der Autorin Jugendliche ansprechen und vor allem belehren zu wollen ist klar, was ebenfalls den vielleicht glaubwürdigen Seiten der Geschichte Unglaubwürdigkeit verleiht und einen daran hindert den Inhalt der Geschichte ernst zu nehmen.
Die Frage ist doch, ob eine Autorin, die auf unverschämt unsensibelste Weise versucht, in die Welt der Jugendlichen einzutauchen, die sich nicht im Geringsten in der Welt der anderen Generation auskennt und trotzdem verbissen versucht, sich den Jugendlichen anzupassen, überhaupt Bücher für Jugendliche schreiben, sich geschweige denn eine Jugendbuchautorin nennen darf.
Abgesehen von der Ungeschaffenheit ein Jugendbuch zu sein, zeigt die Geschichte der Heldin ebenfalls keine Tiefe, ist unglaubwürdig, lässt Langeweile aufkommen und dreht sich im Kreis. Angefangen bei der nebensächlichen Geschichte um Johannas Freund, die wegen der oberflächlichen Behandlung gänzlich Überflüssig scheint, bis hin zur Entwicklung der Hauptfigur, scheint alles lieblos niedergeschrieben und zeigt kaum Fortschritt.
Der gesamte Roman dreht sich um die Angst Johannas, ihren Vater mit der Familiengeschichte zu konfrontieren. Geht es in Johannas Kopf einmal zwei Schritte vorwärts, dauert es nicht lange, bis es einen zurückgeht. Die restliche Geschichte ist von sinnlosen Abweichungen wie Gedanken um die neuste CD und schlechten Beschreibungen der Stadt Israel, die kaum eine Atmosphäre aufkommen lassen, aufgefüllt. Diese lassen Heldin nur unkonzentriert wirken und bringen die Geschichte in keinem Punkt weiter. Die Gefühle Johannas sind ebenfalls so verbissen und übertrieben dargestellt, dass das ernste Thema der Schuldfrage unglaubwürdig wirkt und sogar ins Lächerliche treibt.
Alles in allem ist ,, Die Zeit der schlafenden Hunde" ein Buch, dass weder Jugendliche begeistern kann, noch das Thema „Schuldfrage,, oder geschichtliche Zusammenhänge ausführlich genug behandelt. Um einen Jugendlichen anzusprechen bedarf es mehr, als schlecht recherchiere Informationen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. So ist Mirjam Presslers neustes Werk ist ein Überflüssiges, das keinen Spaß beim Lesen hervorruft. Um wenigstens einen positiven Aspekt der Geschichte zu nennen, sollte man das Ende der Geschichte beachten. Dort zeigt sich, dass man nicht vor seinen Problemen und Ängsten flüchten sollte, sondern sich ihnen stellen, nicht um anderen Menschen gerecht zu werden, sondern im Einklang mit sich selbst zu stehen, um unbeschwert leben zu können.