Es gab eine Zeit, da erschienen Philip K. Dicks Stories auf dem billigen Papier billiger Science-Fiction-Magazine, seine Romane mit reißerischen Raumschiffszenen als Titelbild im Taschenbuchformat. Oder gar nicht, wie etwa sein Dutzend Mainstream-Romane der fünfziger Jahre, die allesamt von Verlagen abgelehnt wurden und erst nach seinem Tod eine Öffentlichkeit finden sollten. Das war die Zeit des Kalten Krieges, der sich als heißer Krieg in monströsen Schlachten einer mutigen Menschheit gegen den Vernichtungswillen abgrundböser Außerirdischer zwischen den Buchdeckeln widerspiegelte. Langsam aber begann Science Fiction als Genre im Schlepptau zahlreicher Trivialromane erwachsen zu werden. Es war auch die Zeit, in der Philip K. Dick sich einen Bart wachsen ließ. Nicht nur sein erstes Kind kam zur Welt, sondern auch ein Roman, der in seiner trivialen Sprache seltsam postmoderne Fragen aufwarf und typisch für Dicks lebenslange Suche nach der Wirklichkeit war.
1958 erschien Zeit aus den Fugen erstmals. Es ist die Geschichte Ragle Gumms, eines Mannes, der sich mit dem Preisgeld durchschlägt, das er aus dem Lösen eines Zeitungsrätsels gewinnt. Woche für Woche ist er den Hauptgewinner. Dennoch quält er sich mit der Frage und dem Vorwurf, ein Taugenichts zu sein. Während alle um ihn herum das saubere Vorstadtleben des Amerikas der 50er Jahre führen, wartet Gumm auf die nächste Zeitung oder träumt seiner hübschen Nachbarin hinterher. Und da sind diese merkwürdigen Deja-vu-Erlebnisse und vagen Erinnerungen, die nach dem Besuch eines Katastrophschutz-Trainings auftreten. In die gelangweilte Alltäglichkeit schleicht sich langsam ein beklemmendes Gefühl ein. Die Dinge scheinen nicht zu sein, was sie sind.
Aus dem verzweifelter werdenden Suchen nach der Wirklichkeit baut Dick eine ständig wachsende Spannung auf. Was ist das für eine Welt, in der alle immer an einen zu denken scheinen? Lange vor der Trueman Show wirft Dick die Frage auf, ob Wahrnehmung und die Wirklichkeit tatsächlich deckungsgleich sind. Diese Frage taucht seltsam beiläufig im banalen Leben des Ragle Gumm auf und bleibt beim Lesen genauso beiläufig wie hartnäckig im Kopf hängen. Nebenbei, und vielleicht gar nicht mal absichtlich, zeigt Dick dabei, wie hohl der amerikanische Traum in seiner Auflage der 50er Jahre ist.
Philip K. Dick starb 1982, kurz bevor mit Blade Runner die erste Verfilmung eines seiner Romane ins Kino kam. Seine Geschichten sind Vorlage für viele Kinohits (Total Recall, Minority Report,Paycheck). Um so erfreulicher, wenn Zeit aus den Fugen wie eine ganze Reihe anderer Titel nun in einer neu übersetzten und edel gestalteten Reihe wieder aufgelegt wird. Diesmal übrigens bei Heyne, in der allgemeinen Reihe. Den Kinderschuhen des Trivialromans ist Dick posthum endgültig entstiegen.