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Philipps Vater und Christina leben in Beziehungen, in denen es vor lauter zugeschüttetem Alltag so laut kriselt, dass es schon niemand mehr hört. Rechtfertigungsdruck, Angst, Misstrauen, Enttäuschung, unerfüllte Sehnsüchte und so schrecklich viel Unausgesprochenes drängen zum Abschied, zum "Verschwinden" eben. In Beziehungen wird alles mit der Zeit "selbstverständlich" und "damit irgendwie wertlos", sagt Christina und Philipps Vater, der glaubt, "ein Experte in Sachen Abschied" zu sein, sagt, es gebe über jeden Menschen einen Satz, der ihn zerstöre und hat Angst, vor Schwäche, seiner Sehnsucht, der Liebe.
In feinfühliger, zärtlicher Weise lässt John von Düffel seine beiden Figuren spüren, um wieviel stärker und unausweichlicher ihr Leben noch bestimmt wird von Philipp und Lena. Vater und Sohn hier, die Geschwister dort. Die intensiven und dichten Gedankenbilder, die behutsame und vorsichtige emotionale Auseinandersetzung sind von Düffel in ihrer eindringlichen Art ausgezeichnet gelungen. Wie schon in seinem erfolgreichen Roman Vom Wasser spart er auch hier mit wörtlicher Rede, aber leise Gedanken, heimliche Wünsche, Träume und Sehnsüchte sind klarer und lauter, als jede wörtliche Rede sein könnte.
In einem Interview sagte von Düffel, der als Dramaturg am Schauspielhaus in Bonn arbeitet, ihn fasziniere am Roman die "Verfügbarkeit der Zeit" im Gegensatz zum Theater, wo der Augenblick, die Gegenwart bestimmend seien. Diese Aussage lässt im Roman Zeit des Verschwindens keinen Zweifel. --Barbara Wegmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
John von Düffels «Zeit des Verschwindens»
Anfang dreissig ist der Mann erst, aber was hat er nicht schon auf die Beine gestellt: Philosophie studiert und sogar promoviert, Übersetzungen angefertigt, Film- und Theaterkritiken geschrieben, dazu eine ganze Reihe von aufgeführten Bühnenwerken mit so ansprechenden Titeln wie «Sauriersterben», «Shakespeare, Mörder, Pulp und Fiction» oder «Das schlechteste Theaterstück der Welt». Ein Ausschnitt aus seinem ersten Roman, «Vom Wasser», bekam eine Auszeichnung beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb, der ganze dann den «aspekte»-Literaturpreis für das beste Début des Jahres 1998.
Im Brotberuf ist John von Düffel Dramaturg, nach Stationen in Stendal, Oldenburg und Basel derzeit in Bonn. Und Langstreckenschwimmer ist er auch noch. Darf man ihn einen Tausendsassa nennen? Oder etwas bescheidener einen Hundert-, einen Dutzendsassa? Ein begabter Mensch ist er in jedem Fall, und jetzt hat er sich erneut auf die lange Strecke gewagt.
«Zeit des Verschwindens» heisst sein zweiter Roman und erzählt erstens von einem Geschäftsmann, der sich von seiner Familie entfremdet hat, jetzt aber nach Hause fährt, zur Geburtstagsfeier seines kleinen Sohnes. Er erzählt zweitens von Christina, die über den Tod ihrer Schwester hinwegzukommen versucht. Zwei Menschen, die sich ähnlicher sind, als es zuerst erscheint, und die sich am Ende des Romans auf eine fatale Weise begegnen.
Beiden fehlt es an Selbstbewusstsein. Der namenlose Geschäftsmann kaschiert und überspielt die eigenen Schwächen, indem er die seiner Mitmenschen aufspürt; die verwaiste Schwester gibt sie unumwunden zu und preis. Die andere, meint sie, war immer die Bessere, jünger, aber schneller, klüger und intensiver; deshalb auch begehrter. Gern gab sich Christina mit der Rolle der Zweiten zufrieden, trat der anderen sogar ihre Freunde ab in dem Gefühl, es sei richtiger so.
Ihren jetzigen Liebhaber, einen pedantischen Gecken, der sich zweimal täglich rasiert und ewig das Bad okkupiert, hat sie ihr allerdings vorenthalten. Sie empfindet Schuldgefühle darüber und ist deshalb erleichtert, als eine alte Schulfreundin auftaucht, der sie den Mann mit dem Rasierfimmel ersatzweise überlassen kann.
Mit diesen Angaben ist der Stoff des Romans bereits fast erschöpfend abgehandelt. Im Unterschied zum Erstling, einer Familiengeschichte über mehrere Generationen und voll an dramatischen Ereignissen, wird diesmal wenig erzählt und viel geredet. Nicht etwa miteinander auf Dialoge verzichtet der Dramatiker John von Düffel auch in seinem zweiten Prosawerk konsequent , sondern mit sich selbst; der Geschäftsmann und die Schwester führen ihre Selbstbetrachtung als inneren Monolog. Nun ist das eine schwierige Form und im Fall John von Düffels eine unglückliche Wahl. Sie führt bei beiden Figuren nicht zur Eröffnung unvermutet reicher Innenräume, sondern bloss zu Redeströmen, die auch noch über die Ufer treten.
Dergleichen erträgt man schon bei Menschen aus Fleisch und Blut nur schwer, in druckerschwarzer Form aber gar nicht. Das liegt auch am Ton, den beide Monologisierer anschlagen und der jedem in den Ohren klingen wird, welcher an den Wohngemeinschaftsküchendiskussionen seligen Angedenkens teilnehmen durfte. Es ist der Jargon des Beziehungsgesprächs, der handwerklich gesprochen nicht den Bohrer der Erkenntnis in die Tiefe treibt, sondern mit der Maurerkelle rührt, streicht und vergröbert.
Zwar spürt man beim Autor die Bemühung um treffende Formulierungen; oft wird die Mühe auch belohnt und mündet in Sätze wie diesen: «Es tut am meisten weh, das zu verlieren, was einem nie wirklich gehört hat.» Das kann man sogar einen gelungenen Aphorismus nennen. Aber den Punkt, auf den er eine Sache einmal gebracht hat, verschmiert Düffel dann wieder mit all den Sätzen, die er noch anfügt. Beziehungsgespräche dürfen redundant, also voller Wiederholungen sein, aber nur in der Wirklichkeit, nicht im Roman.
Immerhin: Auch in diesem kann John von Düffel seine erzählerische Begabung nicht ganz verleugnen, sie bricht in einigen Szenen deutlich hervor. Fein beobachtet (oder gut erfunden) und subtil gestaltet sind etwa die Momente, in denen der Held merkt, dass seine Frau ihn betrügt. Da gibt es plötzlich lauter kleine Details, die, in neuem Licht betrachtet, einen langen Schatten werfen. Aber viel zu wenig Szenen von dieser Art und Kraft finden sich in diesem Roman, allzu selten werden die ermüdend allgemeinen Erörterungen über Partnerprobleme und Selbstfindung, abwesende Väter und unzugängliche Söhne durch Anschauung beglaubigt. Also viel zu viel introspektiver Leerlauf, zu wenig Aktion. Zu viel Weisheiten, zu wenig Wahrheit: Denn die ist immer konkret.
Martin Ebel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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