Für mich gehört Age of innocence zu den überwältigendsten Filmen aller Zeiten, weil er alle Mittel des Films für seine zärtliche, aber auch deprimierende Liebesgeschichte gebraucht. Als erstes sind das die Kamerafahrten und Einstellungen von Michael Ballhaus: die Eingangssequenz zu dem Ball ist eine unglaubliche Kamerabewegung, wir lernen die Gegebenheiten aus der Besuchersicht alle kennen. Für Portraits von Gästen wird das Bild verlangsamt, um sich diesen besser zuwenden zu können. Die Erzählerinnen-Stimme berichtet alles notwendige mit der Henry Jamesschen Ironie. Bei einer Flüsterei in einem Opernbalkon wird eine ringartige Blende eingesetzt, so dass wir das von Michelle Pfeiffer Gesprochene genau mitbekommen. Die Musik ist ergreifend und zart. Die Idee, eine sanfte erotische Phantasie von Newland Archer aus einer realen Szene herauslaufen zu lassen, um sie mit der dann tatsächlichen Realität zu brechen, finde ich großartig. Romantischen Menschen muss ich eine Szene ans Herz legen, in der Newland Archer seine Entscheidung, auf Michelle Pfeiffer, in die er sich rauschhaft verliebt hat, zuzugehen, davon abhängig macht, ob sie sich, am Ufer stehend zu ihm umdreht, bevor ein vorbeiziehendes Schiff den Leuchtturm erreicht. Sie tut es nicht, er wendet sich ab und wir Zuschauer leiden so (später erzählt sie ihm, dass sie auf eine Geste von ihm gewartet habe). Daniel Day-Lewis ist so ein umwerfender Schauspieler, ich kann so leiden mit ihm zwischen der lieben und blassen Winona Ryder und der offenherzigen zwischen Kühle und Erregung hin- und hergerissenen Michelle Pfeiffer (schreckliche Frisur, aber was für eine wunderschöne Frau!). Es gibt so viele Originalitäten in diesem Film! Der Gegenstand des Films war bei seinem Erscheinen für diesen Regisseur vielleicht ein bißchen ungewöhnlich, aber letztlich erzählen die Filme von Scorsese immer Geschichten aus einer Gesellschaft(-schicht), in der das Gefühle-Zeigen restringiert ist, Gesten zurückgehalten werden müssen und irgendwann emotionale Unbeherrschtheiten die Handlung zu einem unguten Ende bringen. Hier nur vordergründig etwas sanfter als in den Mafia-Filmen von Scorsese.