In der Erwartung eines altertümlichen Gesellschaftsdramas begann ich eher lustlos, in der englischen Version der "Zeit der Unschuld" zu blättern. Und wurde positiv überrascht: sehr schnell gerät man in eine packende Geschichte von gesellschaftlichen Zwängen, Nettigkeiten und Skandalen, in deren Mittelpunkt eine unmögliche Liebe steht, die aus genau diesen Gründen nie ausgelebt werden kann...
Archer Newland, ein junger Anwalt aus gutem New Yorker Hause, will die schöne May Welland heiraten... just bei der Verkündung der Verlobung taucht jedoch May's Cousine Ellen Olenska auf, die unerwartet aus Europa zurückgekehrt ist. Da Ellen ihren untreuen Mann verliess, indem sie mit dessen Sekretär durchbrannte, umgibt sie ein Hauch der Skandalösität - und ihre direkte, unkonventionelle Art erschwert ihr die Rückkehr in die gesellschaftliche Konformität. Archer erkennt durch Ellen erstmals die Oberflächlichkeit und gedankliche Inflexibilität, die sein ganzes New Yorker Leben bestimmt... und steht vor einer schwierigen Wahl: schmerzhafter Losbruch von der Konvention (Ellen) oder Ersticken in der Etikette (May)?
Ein rührendes Drama, in dem die Charaktere und ihre jeweilige Gedankenwelt so ergreifend porträtiert werden, dass es schwerfällt, das Buch beiseite zu legen. Man kann den Kritikern nur Recht geben, die Edith Wharton 1921 als erster Frau den Pulitzer Preis für dieses Buch zugesprochen haben. Bravo!