Die Glücksformel scheint Stefan Klein tatsächlich gefunden zu haben. Das Buch, in dem er sie beschreibt, ist seit seinem Erscheinen im Jahr 2002 in 24 Sprachen übersetzt worden. Der Erfolg wurde mit einem 128 Seiten-Büchlein mit Glücksformeln zu jedem Tag clever vermarktet. Der ehemalige Wissenschaftsredaktor beim Spiegel und GEO ist bereits eine Marke, als 2004 der Titel "Alles Zufall. Die Kraft, die unser Leben bestimmt" erscheint und sich bestens verkauft. Zwei Jahre später nun der dritte Wurf, eine Gebrauchsanleitung für die Zeit, für den Stoff, aus dem das Leben ist. Stefan Klein, das zeigen die ersten Medienreaktionen, ist ein Selbstläufer geworden. Das Glück, der Zufall, die Zeit. Bin gespannt, welches Wort ihm als Wissenstransporter für das nächste Buch dient.
Und wem dient nun "Zeit"? Die Frage muss beantwortet werden, schliesslich heisst es auf dem Umschlag, dass der Leser mit diesem Buch eine Gebrauchsanleitung kauft. Tja, da werden wohl all die enttäuscht werden, die etwas Einfaches erwarten. Liest man nur Titel, Inhaltsverzeichnis und Einleitung, so fühlt man sich noch im IKEA-Land. Doch mit fortschreitender Lektüre hat man das Gefühl, den Armierungsplan für den Bau eines Staudamms in den Händen zu halten. Denn nun gewinnt der Physiker und Philosoph Stefan Klein immer mehr an Fahrt. Da werden naturwissenschaftliche Experimente vorgeführt, Relativitätslehre und Quantenphysik ausgebreitet, Nervenzellen in Aktion gezeigt, Resultate chemischer Reaktionen begutachtet und unzählige Forscher auf die Bühne gezogen. Als preisgekrönter Wissenschaftsjournalist ist Stefan Klein nun in seinem Element. Sein Arbeitsmittel Sprache beherrscht er im Schlaf, was für den Leser zwar ein Genuss ist, den Autor aber zu so vielen inhaltlichen Ausflügen verführt, dass etliche seiner Reisegefährten nicht mehr mitkommen. Trotz redlichen Bemühungen, sie mit Beispielen aus dem Alltag, skurrilen Studienresultaten und Tipps für das Leben zum Weitermarschieren anzuspornen. Vielleicht sollten Überforderte eine Pause einlegen und dann auf Seite 269 fortfahren. Denn da beginnt der Epilog, der in sechs Schritten zu einem entspannteren Leben führen soll. Der fünfte Schritt könnte die Lektüre dieses Buch eventuell erleichtert. Denn wer ihn richtig ausführt, kann sich besser konzentrieren.
Mir hat das Buch gefallen, weil Stefan Klein die Zeit mit der Neurologie verbindet, weil er in seiner Recherchierwut auf bislang unbeachtete Studien stiess, weil er den Nutzen gängiger Zeitmanagement-Ratgeber in Zweifel zieht und weil er Philosophie nicht als moralische Allwissenheit versteht. Umso mehr stört mich daher der dumme Untertitel 'Eine Gebrauchsanleitung'. Denn das ist es definitiv nicht. In vollen Zügen geniessen kann dieses Buch nämlich nur, wer keine Anleitungen sucht, sondern sich intensiv mit dem Thema Zeit auseinandersetzen will und akademischen Vorwissen mitbringt.
Mein Fazit: Der Autor ist ein Recherchier- und Schreibprofi erster Güte, besitzt einen hervorragenden Riecher für Trends und hat einen so riesigen Wissensdurst, dass er noch kerzengerade am Tisch sitzen kann, wenn andere schon lange darunter liegen. Sein neuer Verlag macht den Lesern allerdings kein Geschenk, wenn er ihnen Stefan Kleins faszinierende Betrachtungen über die Zeit als Gebrauchsanleitung für ein besseres Leben unterjubeln will.