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Zeit der Rache: Ein Jack-Reacher-Roman
 
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Zeit der Rache: Ein Jack-Reacher-Roman [Taschenbuch]

Lee Child , Georg Schmidt
3.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (12 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Sergeant Amy Callan und Lieutenant Caroline Cook haben einiges gemeinsam. Beide wollten Karriere bei der Armee machen, beide waren Opfer sexueller Belästigung durch Kollegen, beide ließen sich anschließend vom Dienst suspendieren – und beide sind jetzt tot. Wiederum in Übereinstimmung wurden sie beide in ihrer eigenen Badewanne aufgefunden, in Armee-Tarnfarbe schwimmend, die Leichen scheinbar völlig unberührt und ohne ein einziges Anzeichen für die Todesursache. Hochrangige Profiler des FBI beginnen fieberhaft die Jagd nach einem Serienmörder: einem Angehörigen der Armee, einem hochintelligenten, einsamen, unbarmherzigen Mann, der beide Frauen kannte – und wahrscheinlich noch ein paar weitere, auf die Amys und Carolines Opferprofil ebenfalls zutrifft. Auf Jack Reacher, einen ehemaligen Spitzen-Ermittler der Militärpolizei, passen diese Merkmale auffallend perfekt. Das FBI kreist ihn ein, muss aber rasch erkennen, dass er nicht der Täter ist - sondern vielmehr der einzige, der bei der Lösung dieses scheinbar unlösbaren Falles helfen kann. Doch Reacher hat nicht die Absicht, sich vor den Karren des FBI spannen zu lassen...

Klappentext

"In diesem Herbst gibt es für mich nur eine Lektüre: den neuen Lee Child!"
Maeve Binchy in: The Bookseller

"Lee Childs Thriller sind von einer Härte und Spitzenqualität wie polierter Stahl!"
Publishers Weekly

"Lee Child begeistert seine Leser mit einem raffinierten Plot und rasantem Tempo - Suchtgefahr garantiert!"
Guardian Weekly -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Lee Child wurde in den englischen Midlands geboren, studierte Jura und arbeitete dann zwanzig Jahre lang beim Fernsehen, wo er u. a. so hochklassige Thrillerserien wie "Prime Suspect" ("Heißer Verdacht") oder "Cracker" ("Ein Fall für Fitz") betreute. 1995 kehrte er der Fernsehwelt und England den Rücken, zog in die USA und landete bereits mit seinem ersten Jack-Reacher-Thriller einen internationalen Bestseller. Seither fesselt er seine Fans mit immer neuen atemberaubenden Reacher-Romanen. Er wurde mit mehreren hoch dotierten Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem "Anthony Award", dem renommiertesten Preis für Spannungsliteratur.

Georg Schmidt, geb. 1952 in Oberfranken, ist Journalist und Lektor sowie der Übersetzer von u.a. James Lee Burke, James Crumley, James Ellroy, Richard Lourie, Paco Ignacio Taibo, Michael Cunningham und Andrew Vachss.

Auszug aus Zeit der Rache. Sonderausgabe. Ein Jack-Reacher-Roman von Lee Child, Georg Schmidt. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Je mehr Wissen, desto mehr Macht. Angenommen, man wüsste die Gewinnzahlen im Lotto. Alle. Man hätte sie nicht etwa geraten, auch nicht geträumt, sondern wüsste sie wirklich. Was würde man machen? Zur nächsten Annahmestelle laufen, ganz recht. Man würde die Zahlen auf dem Lottoschein ankreuzen. Und man würde gewinnen.
Das Gleiche gilt für die Börse. Angenommen, man wüsste genau, welche Kurse kräftig anziehen. Man vertraut dabei nicht etwa auf eine Ahnung oder ein Gefühl. Man orientiert sich weder an einem Trend noch an Prognosen, noch an Einflüsterungen, noch an einem Tipp. Man verlässt sich auf sein Wissen. Echtes, handfestes Wissen. Angenommen, man verfügte darüber. Was würde man dann tun? Man würde seine Bank anrufen, ganz recht. Man würde kaufen, später dann verkaufen, und man wäre reich.
Desgleichen beim Basketball, bei Pferderennen, bei allem. Bei jeder Sportart, egal, ob es um Football, Eishockey oder um den Sieger der nächsten Weltmeisterschaft im Baseball geht - wenn man die Zukunft voraussagen könnte, hätte man sein Schäfchen im Trockenen. Ohne Frage. Das gilt auch für die Oscar-Verleihung, die Vergabe der Nobelpreise, den ersten Schnee des kommenden Winters. Es gilt für alles
Es gilt auch, wenn man jemanden umbringen will.
Angenommen, man möchte jemanden umbringen. Dazu müsste man im Voraus wissen, wie man es anstellen soll. Das ist nicht allzu schwierig. Möglichkeiten gibt es genug. Manche sind gut, andere weniger. Einen Haken haben die meisten. Folglich greift man auf das Wissen zurück, das einem zur Verfügung steht, und denkt sich eine neue Möglichkeit aus. Man überlegt hin und her, bis man auf den perfekten Mord kommt.
Man muss sein ganzes Augenmerk auf die äußeren Umstände richten. Denn den perfekten Mord zu begehen ist nicht leicht, und sorgfältige Vorbereitung ist dabei sehr wichtig. Aber das ist dein tägliches Brot. Sorgfältige Vorbereitung fällt dir nicht schwer. Überhaupt nicht. Wie auch, bei deiner Intelligenz? Nach der ganzen Ausbildung?
Du weißt, dass es hinterher erst richtig heikel wird. Wie schaffst du es, ungeschoren davon zukommen? Du setzt dein Wissen ein, ganz recht. Du weißt, wie die Polizei vorgeht, du weißt mehr über ihre Arbeitsweise als die meisten anderen Menschen. Du weißt, wonach sie suchen. Folglich hinterlässt du keinerlei Spuren. Du gehst die ganze Sache ein ums andere Mal im Kopf durch, überlegst dir alles ganz genau, Punkt für Punkt und sehr sorgfältig. So sorgfältig, wie man seinen Lottoschein ausfüllen würde, wenn man genau wüsste, dass man damit ein Vermögen gewinnt.
Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Je mehr Wissen, desto mehr Macht. Somit müsstest du einer der mächtigsten Menschen auf Erden sein. Wenn es darum geht, jemanden umzubringen. Und anschließend ungeschoren davon zukommen.
Das Leben besteht aus lauter Entscheidungen, Abwägungen und Einschätzungen, und irgendwann ist man so daran gewöhnt, abzuwägen und sich zu entscheiden, dass man es auch dann macht, wenn es streng genommen gar nicht nötig ist. Die Frage nach dem Was wäre, wenn wird zur fixen Idee, und man überlegt sich, wie man sich verhalten würde, wenn man sich anstelle eines anderen mit einer bestimmten Situation auseinander setzen müsste. Es wird einem zur Gewohnheit. Jack Reacher war diese Angewohnheit in Fleisch und Blut übergegangen. Deswegen saß er jetzt allein an einem Restauranttisch und starrte auf die Rücken der beiden Typen, die etwa sechs Meter weiter weg standen, und fragte sich, ob es genügen würde, wenn man sie mit einer deutlichen Warnung vertriebe, oder ob er einen Schritt weiter gehen und ihnen gleich die Arme brechen sollte.
Es war eine Frage der Dynamik. Die Dynamik der Großstadt lief zunächst einmal darauf hinaus, dass ein nagelneues italienisches Lokal in Tribeca, so eins wie das, in dem Reacher saß, so lange ziemlich leer blieb, bis der Gastronomiekritiker der New York Times etwas darüber schrieb oder ein Klatschkolumnist des Observer irgendwelche Prominenz entdeckte, die dort zwei Abende hintereinander verkehrte. Aber bislang war weder das eine noch das andere geschehen, und in dem Lokal war nach wie vor wenig los, so dass es die ideale Anlaufstelle für einen einsamen Mann war, der in der Nähe der Wohnung seiner Freundin zu Abend essen wollte, während sie Überstunden in der Kanzlei machte. Die Dynamik der Großstadt. Sie führte zwangsläufig dazu, dass Reacher sich hier aufhielt. Und ebenso zwangsläufig waren deshalb auch die beiden Typen hier, die er beobachtete. Denn die Dynamik der Großstadt brachte es ebenfalls mit sich, dass ein viel versprechendes neues Unternehmen früher oder später Besuch im Auftrag von irgendjemandem bekam, der jede Woche dreihundert Dollar haben wollte, damit er seine Jungs nicht losschickte und es mit Baseballschlägern und Axtgriffen zu Kleinholz zerlegen ließ.
Die zwei Typen, die Reacher beobachtete, standen unmittelbar vor der Bar und redeten leise mit dem Inhaber. Die in der einen Ecke des Raums aufgebaute Bar war mehr Schein als Sein. Sie bildete ein rechtwinkliges Dreieck mit einer Schenkellänge von etwa zwei bis zweieinhalb Metern. Es war keine Bar im eigentlichen Sinn, denn niemand setzte sich dort hin, um irgendwas zu trinken. Sie diente eher als Blickfang. Außerdem wurden dort die Schnapsflaschen aufbewahrt. In Dreierreihen standen sie auf den gläsernen Regalen vor einer mit Sandstrahlgebläse behandelten Spiegelwand. Die Kasse und das Kreditkartenlesegerät befanden sich auf dem untersten Brett. Der Inhaber, ein kleiner, nervöser Mann, war zum Scheitelpunkt des Dreiecks zurückgewichen, bis er mit dem Hinterteil an die Schublade der Kasse stieß. Er hatte die Arme verschränkt, wirkte verkrampft, abweisend. Reacher sah seinen Blick. Er war teils ungläubig, teils panisch, während er sich nach allen Seiten umschaute.
Es war ein großer Raum, gut und gern achtzehn bis zwanzig Meter lang und ebenso breit. Die Decke war etwa sechs bis sechseinhalb Meter hoch. Sie war mit Zinkblech verkleidet, das mittels Sandstrahlgebläse matt geschliffen worden war. Das Haus war über hundert Jahre alt, und den Raum hatte man im Lauf der Zeit vermutlich für alle möglichen Zwecke genutzt. Anfangs war hier vielleicht eine Fabrik gewesen. Die zahlreichen Fenster waren so hoch, dass zu einer Zeit, da in der Stadt kein Gebäude über mehr als fünf Stockwerke verfügte, genügend Licht für einen Industriebetrieb hatte einfallen können. Danach hatte er womöglich als Geschäft oder Lagerraum gedient. Vielleicht sogar als Ausstellungshalle eines Autohändlers. Jetzt war hier ein italienisches Restaurant. Nicht der typische Italiener mit karierten Tischdecken und der von Mama höchstpersönlich zubereiteten Soße, sondern ein Lokal, in dessen helle, avantgardistische Ausstattung gut und gern dreihunderttausend Dollar investiert worden waren und in dem man sieben oder acht von Hand gemachte Ravioli auf einem großen Teller vorgesetzt bekam. Das nannte sich dann eine Mahlzeit. Reacher hatte in den vier Wochen seit der Eröffnung zehnmal hier gegessen, und immer war er hinterher noch hungrig gewesen. Aber die Küche war so gut, dass er anderen Leuten davon erzählte, und das wollte etwas heißen, denn Reacher war keineswegs ein Feinschmecker. Das Lokal nannte sich Mostro's, was seines Wissens nach auf Italienisch so viel wie Monster hieß. Er war sich nicht ganz sicher, worauf sich der Name bezog. Bestimmt nicht auf die Größe der Portionen. Aber er hatte einen gewissen Klang, und das Mobiliar aus hellem Ahornholz, die weißen Wände und der matte Aluminiumglanz verliehen dem Lokal eine durchaus reizvolle Atmosphäre. Die Leute, die hier arbeiteten, waren freundlich und kompetent. Auf einer hervorragenden Anlage mit ausgezeichneten, hoch an den Wänden angebrachten Lautsprechern wurden ganze Opern von Anfang bis Ende abgespielt. Reacher war zwar kein Fachmann, aber seiner Meinung nach erlebte er hier die ersten Anfänge eines Lokals, das es der einst zu einem großen Namen bringen könnte.
Bislang allerdings verbreitete sich die Kunde offensichtlich eher langsam. Dass in dem über dreihundert Quadratmeter großen Raum nur zwanzig Tische standen, ging in Ordnung, weil es zu der kargen, spartanisch-avantgardistischen Ausstattung passte, aber in den vergangenen vier Wochen hatte er noch nie erlebt, dass mehr als drei Tische besetzt waren. Einmal war er sogar ganze anderthalb Stunden lang der einzige Gast gewesen. Auch heute gab es außer ihm nur ein Pärchen, das fünf Tische weiter zu Abend aß. Sie saßen sich gegenüber, so dass er sie nur von der Seite sehen konnte. Der Typ war mittelgroß. Kurze rotblonde Haare, heller Schnurrbart, hellbrauner Anzug, braune Schuhe. Die Frau war schlank und dunkelhaarig, trug Rock und Jackett. Eine Aktentasche aus Kunstleder lehnte neben ihrem rechten Fuß am Tischbein. Die beiden, etwa Mitte Dreißig, wirkten müde, abgespannt und leicht schlampig. Offenbar kamen sie einigermaßen gut miteinander aus, auch wenn sie nicht viel redeten.
Die zwei Typen an der Bar hingegen redeten. So viel stand fest. Sie waren vornüber gebeugt und sprachen schnell und eindringlich auf den Inhaber ein, der an der Kasse stand und sich seinerseits zurückgelehnt hatte. Es war, als ob sie alle drei von einem heftigen Windstoß erfasst worden wären, der durch den Raum fegte. Die zwei Typen waren überdurchschnittlich groß und kräftig. Beide trugen dunkle Wollmäntel, durch die sie noch breiter und wuchtiger wirkten. In dem matten Spiegel hinter den Schnapsflaschen konnte Reacher ihre Gesichter sehen. Brauner Teint, dunkle Augen. Keine Italiener. Syrer möglicherweise oder Libanesen, Nachkommen der Einwanderergeneration, die nichts mehr vom arabischen Laissez-faire an sich hatten. Anschaulich und mit aller Entschiedenheit legten sie gerade ihren Standpunkt dar. Der Typ zur Rechten machte eine weit ausholende Armbewegung. Offenbar sollte das einen Baseballschläger darstellen, mit dem die Flaschen vom Regal gefegt wurden. Dann ließ er die Hand herabsausen, führte vor, wie die Regale zertrümmert wurden. Mit einem Schlag sind sie von oben bis unten zerdeppert, deutete er an. Der Inhaber wurde blass. Er warf einen kurzen Blick zur Seite, auf seine Regale.
Dann schob der Typ auf der linken Seite seine Manschette hoch, tippte auf das Zifferblatt seiner Uhr und wandte sich zum Gehen. Sein Partner richtete sich auf und folgte ihm. Er fuhr mit der Hand über den nächstbesten Tisch und fegte einen Teller zu Boden. Das laute Scheppern, mit dem er auf den Fliesen zerschellte, übertönte die Opernmusik. Der rotblonde Mann und die dunkelhaarige Frau saßen reglos da und schauten weg. Langsam gingen die beiden Typen zur Tür, erhobenen Hauptes, selbstbewusst. Reacher sah ihnen hinterher, bis sie draußen auf dem Gehsteig waren. Dann kam der Inhaber hinter der Bar hervor, kniete sich hin und fegte die Einzelteile des zerbrochenen Tellers mit den Fingerspitzen zusammen.
»Alles okay?«, rief ihm Reacher zu.
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, war ihm schon klar, wie dumm sie klingen mussten. Der Inhaber zuckte nur die Achseln und zog eine jämmerliche Miene. Mit hohlen Händen wischte er die Scherben auf dem Boden zu einem Haufen zusammen. Reacher schob seinen Stuhl zurück, stand vom Tisch auf, breitete seine Serviette auf der Fliese neben ihm aus und fing an, die Teile einzusammeln. Das fünf Tische entfernt sitzende Pärchen beobachtete ihn.
»Wann kommen sie zurück?«, fragte Reacher.
»In einer Stunde«, sagte der Inhaber.
»Wie viel wollen sie?«
Wieder zuckte der Inhaber die Achseln und lächelte bitter.
»Ich bekomme zur Einführung einen Sonderpreis«, sagte er. »Zweihundert pro Woche. Wenn das Lokal besser läuft, steigt er auf vierhundert.«
»Wollen Sie zahlen?«
Der Mann machte erneut eine bedrückte Miene. »Ich möchte im Geschäft bleiben. Aber zwei Hunderter pro Woche helfen mir dabei nicht gerade.«
Der rotblonde Typ und die dunkelhaarige Frau schauten zur gegenüberliegenden Wand, hörten aber genau zu. Die Opernmusik wurde getragener und ging in eine Arie über, die die Diva mit einem tiefen, klagenden Moll-Ton anstimmte.
»Wer sind die?«, fragte Reacher leise.
»Keine Italiener«, antwortete der Inhaber. »Einfach irgendwelche Dreckskerle.«
»Darf ich Ihr Telefon benutzen?«
Der Inhaber nickte.
»Kennen Sie ein Geschäft für Bürobedarf, das so spät noch auf hat?«, fragte Reacher.
»Am Broadway, zwei Straßen weiter«, erwiderte der Mann. »Wieso? Haben Sie noch was Geschäftliches zu erledigen?«
Reacher nickte.
»Ja, was Geschäftliches«, sagte er.
Er stand auf und begab sich hinter die Bar. Neben dem Buch für die Reservierungen stand ein neues Telefon. Das Buch sah aus, als wäre es noch nie aufgeschlagen worden. Er nahm den Hörer ab, wählte eine Nummer und wartete einen Moment, bis etwa eine Meile weiter weg und vierzig Stockwerke höher abgenommen wurde.
»Hallo?«, sagte sie.
»Hey, Jodie«, sagte er.
»Hey, Reacher, was gibt's?«
»Bist du bald fertig?«
Er hörte sie seufzen.
»Nein, das hier geht die ganze Nacht«, sagte sie. »Komplizierte Rechtslage, und wie üblich hätten sie meine Meinung dazu bis vorgestern gebraucht. Tut mir sehr Leid.«
»Mach dir keine Gedanken«, beruhigte er sie. »Ich habe was zu erledigen. Danach fahre ich, glaube ich, rauf nach Garrison.«
»Okay, pass auf dich auf«, sagte sie. »Ich liebe dich.«
Er hörte im Hintergrund Papier rascheln, dann wurde der Hörer aufgelegt. Er legte ebenfalls auf, kam hinter der Bar hervor und begab sich wieder an seinen Tisch. Er klemmte vierzig Dollar unter seine Espressotasse und ging zur Tür.
»Viel Glück!«, rief er.
Der Inhaber, der am Boden kauerte, nickte kurz, und das Pärchen am anderen Tisch blickte ihm nach. Er schlug seinen Kragen hoch, schlüpfte tiefer in den Mantel, ließ die Opernmusik hinter sich und trat hinaus auf den Gehsteig. Es war dunkel, und die Luft war herbstlich kühl. Er ging nach Osten, in Richtung Broadway, und musterte die Neonreklamen, bis er das Geschäft für Bürobedarf entdeckte. Es war ein schmaler Laden, voll gestopft mit Dingen, an denen große, sternförmig ausgeschnittene Preisschilder aus fluoreszierendem Karton prangten. So gut wie alles gab's im Sonderangebot, was Reacher nur recht war. Er kaufte ein kleines Etikettiergerät und eine Tube Sekundenkleber. Dann verkroch er sich wieder in seinen Mantel und lief in Richtung Norden, zu Jodies Apartment.
Seinen Geländewagen hatte er in der Tiefgarage unter dem Haus geparkt. Er stieß heraus, bog in Richtung Süden auf den Broadway ein und fuhr dann zur dem Restaurant zurück. Er ging vom Gas, als er in die Straße kam, und warf einen Blick durch die großen Fenster. Die weißen Wände und das helle Holz des Ladens glänzten im Schein der Halogenstrahler. Keinerlei Gäste. Sämtliche Tische waren leer, und der Inhaber saß auf einem Hocker hinter der Bar. Reacher fuhr um den Block herum und parkte im Halteverbot an der Einmündung der Gasse, die zur Küchentür des Lokals führte. Er stellte den Motor ab, schaltete das Licht aus und richtete sich aufs Warten ein.
Die Dynamik der Großstadt. Die Starken terrorisieren die Schwachen. Sie lassen nicht davon ab, wie seit jeher, bis sie auf jemanden stoßen, der stärker ist und sich aus lauter Menschenfreundlichkeit oder auch nur aus einer Laune heraus dazu berufen fühlt, ihnen Einhalt zu gebieten. Jemanden wie Reacher. Er hatte keinerlei Grund, jemandem zu helfen, den er kaum kannte. Mit Logik hatte das nichts zu tun. Auch nicht mit irgendeinem Vorsatz. In diesem Augenblick tummelten sich in dieser Stadt mit ihren sieben Millionen Einwohnern vermutlich Hunderte von Starken, die den Schwachen zusetzten, vielleicht sogar Tausende. Jetzt, in eben diesem Moment. Er hatte nicht vor, sich jeden Einzelnen von ihnen vorzunehmen. Er wollte keineswegs einen großen Feldzug führen. Aber er war auch nicht bereit zuzulassen, dass so etwas unmittelbar vor seiner Nase passierte. Er konnte nicht einfach weggehen. Hatte er noch nie gemacht.
Er holte das Etikettiergerät aus seiner Tasche. Die beiden Typen zu verscheuchen war nur die halbe Miete. Entscheidend war, wer sie ihrer Meinung nach verscheuchte. Ein um das Gemeinwohl besorgter Bürger, der für die Rechte eines Restaurantbesitzers eintrat, erreichte überhaupt nichts, wenn er auf sich allein gestellt war, egal, wie erfolgreich er letzten Endes auch sein mochte. Niemand hat Angst vor einer Einzelperson, denn diese kann durch schiere Masse überwältigt werden, abgesehen davon, dass sie irgendwann stirbt, wegzieht oder das Interesse verliert. Wenn man einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen will, braucht man eine Organisation. Er lächelte, blickte auf das Gerät und überlegte sich, wie es funktionierte. Er prägte zur Probe seinen Namen, kniff den Streifen ab und musterte ihn. Reacher. Sieben Buchstaben, die weiß auf den blauen Plastikstreifen eingestanzt waren, rund zweieinhalb Zentimeter lang. Damit dürfte der Aufkleber für den ersten Typ dreizehn Zentimeter lang werden. Danach ein weiterer Streifen, etwa elfeinhalb Zentimeter, für den zweiten Typ. Bestens. Er lächelte erneut, stellte die Buchstaben ein, druckte sie und legte die fertigen Streifen auf den Beifahrersitz. Sie hafteten zwar von selbst, wenn man das Deckpapier auf der Rückseite abzog, aber er brauchte etwas Besseres, und deswegen hatte er den Sekundenkleber gekauft. Er schraubte die kleine Tube auf, durchstach mit dem Plastikdorn an der Kappe die Alufolie und drückte etwas Kleber in den Stutzen, damit er jederzeit einsatzbereit war. Dann schraubte er die Tube wieder zu und steckte sie mitsamt den Aufklebern in die Tasche. Danach stieg er aus, stellte sich in den Schatten und wartete.
Die Dynamik der Großstadt. Seine Mutter hatte Angst vor großen Städten gehabt. Dementsprechend war er erzogen worden. Großstädte sind gefährlich, hatte sie ihm erklärt. Dort wimmelt es nur so von harten Burschen, vor denen einem angst und bange wird. Er war selbst ein ziemlich harter Junge gewesen, aber als Teenager hatte er ihr nur zu gern geglaubt. Und er hatte am eigenen Leib erlebt, dass sie Recht hatte.
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