Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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50 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Den Zorn besinge - oder die Zähmung des homo homini lupus, 21. Januar 2007
"Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen", schrieb der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche einmal. Und Peter Sloterdijk beschreibt in seinem Essay "Zorn und Zeit", wie sich die großen Institutionen der Macht in den letzten Jahrhunderten der menschlichen Zivilisation, diese große Wut der Einzelnen nutzbar machten. Sloterdijk spricht dabei von Zornbanken, von Zornmanagement, Zornwirtschaft. Die Wut des einzelnen Menschen zu kontrollieren, diese Energie im großen Stil zu verwalten, das war und ist nach Peter Sloterdijk eine der Aufgaben der großen Politik, der Kirche, der Partei (Kommunismus und/oder Faschismus).
Wohin mit der Wut des Einzelnen auf die bestehenden Verhältnisse? Wohin mit unserem Zorn auf die Ungerechtigkeiten? Wohin mit unseren Rachegelüsten?
Ganz einfach: Wir bringen sie auf die nächst beste Zornbankfiliale. Sloterdijk bringt in seinem gewohnt literarischen Schreibstil einen Kulturbericht über die Domestikation des "homo homini lupus". Sloterdijks Analyse beginnt mit einer Gegenüberstellung der sieben Todsünden. Auf der einen Seite stehen die verlangenden Sünden: Wollust, Habgier und Maßlosigkeit. Auf der anderen Seite stehen die eher geistigen Sünden: Hochmut, Zorn und Eifersucht. Während sich die Ökonomie, der Kapitalismus immer schon um den verlangenden Teil der Seele des Menschen kümmerte, war und ist es Aufgabe der Politik und der Religionen, sich um den geistigen Anteil der menschlichen Sündhaftigkeit zu streiten. Sloterdijk sieht in der Erschöpfung von Ideologien einen wesentlichen Grund für eine Zunahme von Vandalismus. Sloterdijk schreibt: "Die Zeit derer, die für die große Szene leben, hat begonnen." (erzählte Rache, Seite 85) Und an Sloterdijks Thesen mag schon etwas dran sein, wenn man sich die sinnlose Wut und Aggressivität der jüngsten Bluttaten Jugendlicher in Mecklenburg (Tessin) ansieht. Töten um des Tötens willen, blinde Wut, unbegriffene, theoretisch nicht reflektierte Wut, Zorn ohne Vernunft, ohne politischen Inhalt.
In einer gleichsam wütenden Analyse der Vergehen des sowjetischen wie chinesischen Kommunismus und dem Irrtum westlicher linker Intellektueller diesem verfehlten Kommunismus zu huldigen, erlebt nun Peter Sloterdijk seine große Szene.
Ob unsere "Rationalitätskultur" die auf "Beobachtung zweiter Ordnung" basiert, wirklich die "maligne Naivität" stoppen kann, indem sie den "Geltungswillen mit Selbstrelativierung verbindet", sei dahin gestellt. Und ob am Ende alles in dem Begriff "Weltkultur" mündet, oder dies doch nur ein Weltkulturerbe ist, auch das wird die Zeit bringen. Sloterdijk hat jedenfalls mit "Zorn und Zeit" ein spannendes und lesbares Buch geschrieben.
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129 von 159 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Von der Ilias zum religiös-politischen (Ver-)Geltungsdenken, 29. September 2006
Wenn es um ein aktuelles Thema geht, welches Emotio und Ratio gleichermaßen beansprucht, welches im momentan gültigen historischen Kontext im Sonderklima sprachlicher Überschüsse an Bedeutung gewinnt, welches in unüberschaubarer Weise und in kürzester Zeit rhetorische Kunstfertigkeiten bereitstellt und in der Häufung und Schnelligkeit "wie die Kugel in der Schlacht" den selbständig denkenden Menschen torpediert, dann ist scheinbar für niemand mehr ein Halten, für manche freudige Kapitulation (Broder) außer für Peter Sloterdijk (und Prange, Werte). Warum? könnte man fragen, kann dieser medienerprobte und anerkannte Philosoph sich diesem Gerangel um Boulevard bemühte Meinungen widersetzen und sich eine autistische psycho-soziale Wirklichkeit, einer mentalen Oase gleich, schaffen, um in Ruhe sich den äußeren Gegebenheiten und deren Zusammenhänge stellen.
Die Antwort scheint eindeutig, wenn man sich seiner Werke bewusst ist und sich diese vor Augen führt. Sloterdijk ist ein Seher über die Jahrtausende. Denn nichts ist ohne psycho-historische Relevanz. Und so beginnt er in voller Freude über den Beginn eines ersten überlieferten Werkes sich dem Objekt seines Denkens zu nähern, aus dem ersten Werk des Griechen Homers, seiner Ilias, die in umwerfender und göttlicher Tiefe beginnt: "Den Zorn singe, Göttin, des Peleussohns Achilles, den unheilbringenden Zorn..." (S.10) und so folgt Europas erstem Wort, dem lobenden Gesang die Zusammenstellung des Göttlichen und des Menschlichen aus dem (Un-)Tugenden Zorn und Stolz und deren psycho-historische Umwertung durch Psychoanalyse, Religion und Politik. Zorn zu besingen, hieß, ihn zum Guten zu machen. Doch mit Platon begann bereits die Austreibung des Zorns. (S.41), welche dann später im 20. Jahrhundert unter dem Begriff Gerechtigkeit eine neue Verwaltung fand.
Warum ist der Zorn im 21. Jahrhundert wieder zu Tage getreten? Diese Frage mündet bis in den Kontext der religiös motivierten politischen Gewaltaktionen, die zur aktuellen Islamophobie des Westens beitragen. Der Westen hat mit dem Verlust und der Aufgabe des Kommunismus schlussendlich seine bipolaren Stabilitätsfaktoren verloren und ist auf der Suche neuen Sinns zur Konsensbildung. Nichts anderes hat Beck gemeint, als er von notwendigen Feindbildern sprach, um Konsens wiederzugewinnen innerhalb der Nationen oder deren Blöcke. Robert Menasse spricht dagegen sehr direkt von dem Terror als notwendige Größe, die Sloterdijk hier als "Feindsubstitut" (S.339) bezeichnet. Wie Menasse geht auch er von einer schleichenden Entdemokratisierung aus, die nur deswegen entstehen kann, weil der Westen mit einem neuen Feindbild den "war on terror" seines großen Vorbildes USA blindgläubig folgt. In dieser Folge gerät die Gesamtargumentation für gesellschaftliche Veränderungen unter den Deckmantel der Sicherheit und suggeriert eine a priori zu gebende Zustimmung für scheinbar notwendige Veränderungen. Damit wird der politisch-psychologische Versuch Sloterdijks mehr als deutlich und er entlarvt die Aktionen der westlichen Regierungen als Maßnahme, stillschweigende Zustimmung in nicht begründbarer und nicht klar zu umreißender Voraussetzung kategorisch von seinen Einwohnern zu bekommen, sei als demokratische Entscheidung im Lande oder als undemokratische Verordnung der EU.
Wie jedoch sind die von John Locke bereits im Jahre 1689 formulierten Grundrechte auf Leben, Freiheit und Eigentum zukünftig zu bewahren? Denn nur in Kulturen, wo diese geachtet werden, ist Aufhellung in Sicht. Nietzsche nimmt den Gedanken auf und erweitert, dass ohne offene Ambitionskultur diese Werte nicht zu haben sind. Damit ist "rachsüchtige Demut" aufzugeben zu Gunsten einer Intelligenz, die sich den zornigen (thymotischen) Motiven neu vergewissert. Kraft-Kraft Beziehungen können ein Gleichgewicht halten. Dem Zorn des 21. Jahrhunderts ist so zu begegnen, damit Balance entsteht. "Balance üben, heißt keinem notwendigen Kampf ausweichen, keinen überflüssigen provozieren." (S. 355)
Worte sind deutlich und sicher zu wählen, (vgl. Papst 2006) den Resonanzen ist selbstbewusst und intelligent zu begegnen. Geübt wird unter den Bedingungen des Ernstfalls, die Welt lässt keine Wiederholung zu, weil der Tod nun mal einmalig ist.
Bravouröses Essay eines assoziativen Denkers, der die historischen Beziehungen übergreifend in Szene setzen kann.
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77 von 96 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
flaschenpost, 28. September 2006
ich bin leserin, niemand offizielles und kann damit meine ureigenste individuelle sicht weitergeben. vielleicht ist ja gerade diese manchmal hilfreich. ich muss noch hinzufügen, dass ich schon seit einiger zeit die augen offen halte für zeitanalysen und -interpretationen, die mir erklärungsmodelle liefern für das zeitgeschehen. das wenigste, was mir dazu angeboten wird, leuchtet mir ein. was so in der politik und auch im wissenschaftlichen umfeld dazu im umlauf ist (von den beiträgen der parteien mal ganz abgesehen) beleidigt meine intelligenz. da werden einzelheiten herausgepickt, diese nach allen seiten hin beleuchtet und dann wieder in den allgemeinen strudel zurückgelegt. das langweilt mich!
peter sloterdijk macht das anders. er liebt den grossen bogen. in allen seinen büchern hat er das ganze im blick und das ganze in seinem sinne ist die abendländische kultur. mit diesem blickwinkel versucht er aufrichtig abhängigkeiten aufzuzeigen, die eine gewissen folgerichtigkeit aufweisen. ein theoriegebäude im wissenschaftlichen sinne ist das sicher nicht, was er da so von sich gibt. es ist eher (um einen ausdruck von ihm zu wählen) eine flaschenpost, die er auf die reise schickt. nachdem man die flasche geöffnet hat (und das ging mir in dem aktuellen buch auf jeden fall so) hat man ein paar interessante informationen, einen richtungsimpuls zum weiterdenken.
das buch selber ist recht gut zu lesen. ich hatte es in drei tagen durch. nach dem anfang, indem er präzise und mit sprachgewalt das denkerische handwerkzeug für die analyse zurechtlegt, wird es später bei der ausgestaltung etwas schwächer. die fulminante sprachliche dichte ist nicht mehr im gleichen maße vorhanden. es wird weitschweifiger. aber der autor verzettelt sich auch nicht. er schließt den bogen und landet punktgenau in der gegenwart, mitten hinein in die aktuelle diskussion über den z o r n der islamischen welt über die regensburger papstworte.
mir hat das buch geholfen, diese geschehnisse in einem neuen grösseren zusammenhang zu sehen. das ist doch schon mal was!
deshalb mein urteil: sehr empfehlenwert!
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