Chronist der mitteleuropäischen Zeitgeschichte
Timothy Garton Ashs Rückblick auf ein Jahrzehnt
A. O. Vor allem einmal: Sässen in westeuropäischen Hauptstädten, in Regierungsämtern, in Redaktionen und an Universitäten, etwas mehr engagierte Kenner Mitteleuropas vom Schlage des britischen Publizisten und Historikers Timothy Garton Ash, dann hätte westliche Politik im letzten Jahrzehnt vielleicht den einen oder anderen schwerwiegenden Fehler bei der Behandlung der ostmitteleuropäischen Länder und namentlich Südosteuropas nicht begangen. Vielleicht. Die Einschränkung ist nötig und im Sinne des hier besprochenen Verfassers. Denn er selber nimmt im vorliegenden Buch, einer Sammlung von früher schon gedruckten Berichten und Essays, keine Retuschen vor. Vielmehr lässt er auch einstige eigene Irrtümer ehrlich stehen: als Zeugnisse seines damaligen Erkenntnisstands.
Doch täte diese einleitende Bemerkung, bliebe sie ohne Relativierung stehen, Garton Ash Unrecht. Denn nicht die gelegentlichen Irrtümer fallen bei der Lektüre in erster Linie auf, sondern die zahlreichen und erstaunlich frühen treffenden Diagnosen; Schilderungen und Analysen von Grundzügen der politischen Entwicklung, die in den zuvor kommunistisch beherrschten Ländern Ostmitteleuropas nach der Wende von 1989 einsetzte. Garton Ash machte als einer der ersten auf ein solches Phänomen aufmerksam wie die höchst fragwürdige Umwandlung des früheren kommunistischen Apparats in Träger der wirtschaftlichen Macht. Er beschrieb schon kurz nach dem Umbruch die Spaltung der polnischen und der ungarischen Gesellschaft entlang einer alten Trennungslinie zwischen «Europäern» und «Nationalen». Ebenso wies er auf die schwere, nachhaltige Belastung aller früheren Diktaturen hin, in denen die Sünden der Vergangenheit zumeist nur mangelhaft offengelegt wurden.
Die im Band versammelten Publikationen Garton Ashs sind überwiegend auf Reisen entstanden. Ob es sinnvoll ist, Einzelheiten, Stimmungsberichte, die etwa mitten im Bosnienkrieg für den Leser ihre Bedeutung hatten, auch jetzt, Jahre später, immer noch stehenzulassen, bleibe dahingestellt. Jenseits der Reportagen sind es aber gewiss die essayistischen Abhandlungen, die den interessantesten, den besten Teil des Buches ausmachen. Eines der grossen Themen, die Garton Ash beschäftigen, ist der gesamteuropäische Rahmen, in dem die Wandlung in der östlichen Hälfte des Kontinents stattfindet, und eine Hauptthese enthält dabei Kritik an westliche Adressen. Sie besagt in Kürze, dass es nach 1989 vermutlich der falsche Weg war, Westeuropas Energien in den weiteren Ausbau und die Verfeinerung der Europäischen Union zu investieren, statt sich um die Ost- und Ostmitteleuropäer zu kümmern und ihnen bei der Überwindung ihres Rückstands über Alibiübungen hinaus beizustehen. Darin ist auch die Antwort enthalten, ob ein anderes, präventives Verhalten Jugoslawien gegenüber möglich gewesen wäre.
Ein zweites wichtiges Thema ist die Frage, wer aus welcher Perspektive ein historisches Urteil abzugeben imstande ist. Garton Ash pflegt am St. Antony's College in Oxford ein Fach, das sich «Zeitgeschichte» nennt, und er bricht denn auch eine Lanze dafür, dass nicht der Historiker allein zu Aussagen berechtigt ist, der das Geschehen nach klassischer Auffassung aus gebührender zeitlicher Distanz betrachtet. Im Gegenteil, Garton Ash hält die Ansicht für fragwürdig, wonach derjenige, der nicht dabeigewesen ist der sich Jahrzehnte später über die Dokumente beugende Wissenschafter , in jeder Hinsicht der verlässlichere Chronist sein sollte als der Augenzeuge. Das mutet wie eine Frage an, die nur die engere Fachwelt etwas angeht. Doch dieser Verfasser theoretisiert nicht, sondern legt seinen Lehrsatz anhand von griffig geschilderten mitteleuropäischen Zuständen dar; und er kommt aus England, wo eine wohltuende Tradition zwischen akademischen Höhen und angeblichen Niederungen des Journalismus keinen Standesunterschied macht, sondern auch dem in Oxford forschenden Gelehrten Garton Ash erlaubt, einen klugen Text in einem flüssigen, an Bildern reichen Stil niederzuschreiben.
Garton Ash kennt sein Mitteleuropa, seine regelmässigen Besuche in Ländern der kommunistischen Machtsphäre begannen lange vor 1989. Zu der gleichen politischen Region zählt er im übrigen auch Deutschland, dem seine Aufmerksamkeit zu einem Teil, aber nicht nur wegen der Hinterlassenschaft der DDR gilt. In Warschau und Prag, in Budapest und Zagreb nennt Garton Ash viele seine Freunde, unter ihnen manche, die aus einstigen Dissidenten nun zu Trägern politischer Würde und Verantwortung geworden sind. Dass der Aufstieg und der zur Gewohnheit gewordene Umgang mit der Macht diesen Freunden nicht immer gutgetan haben, verschweigt Garton Ash nicht. Unbestechlichkeit, die freilich nicht verletzend wirkt, zeichnet ihn aus. Sein Urteil über Ostmitteleuropas Jahrzehnt seit 1989 ist zuversichtlich, er hält eine Erfolgsgeschichte fest. Doch er warnt gerade die von ihm so lange verständnisvoll behandelten Mitteleuropäer davor, den geographisch-kulturhistorischen Begriff zur Ausgrenzung gegen südliche und östliche Nachbarn zu wenden. Und liberale Gesinnung, auf die er sich beruft, veranlasst ihn zur Forderung nach einem europäischen Einigungswerk, dessen erste Kriterien nicht wirtschaftliche Leistungen und Interessen, sondern Friede und Freiheit wären.
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Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 13.10.1999
Die Frage, ob es Sinn macht, mehrere Jahre alte Essays dieser Art heute in einem Buch zu veröffentlichen, beantwortet Daniel Brössler mit einem "Ja" und schliesst sich damit Ashs Überzeugung an, dass Augenzeugen oftmals über eine zuverlässigere Urteilskraft verfügen als die rückblickende Geschichtswissenschaft. Nach Brössler ist stets Ashs Befürchtung spürbar, Ereignisse könnten zu leicht in Vergessenheit geraten und politische Chancen vertan werden. Dieses Engagement macht für den Rezensenten offensichtlich eine der Stärken dieses Buches aus. Bei seinen Betrachtungen sei Ash darüber hinaus vielseitig: Neben Gesellschaftsbildern gebe es beispielsweise auch ein persönliches Porträt von Vaclav Havel, und stets beleuchte Ash die Fragen auch im geografischen und historischen Kontext.
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