Mit dem "Klingsor - Paradox", einem brillanten Wissenschaftsthriller, hat Autor Jorge Volpi auf dem deutschen Büchermarkt für Aufsehen und Beachtung gesorgt. In seinem neuen Roman, der eine düstere Prophezeiung für die Zeit nach der Jahrtausendwende abliefern soll, geht es um die Verknüpfung von Gentechnik und Kapitalismus. Ob es wirklich ein Jahrhundertroman ist, das entscheiden spätere Generationen.
Der Protagonist rechnet mit einer Epoche ab, in der sich die Menschen immer mehr von den überlieferten Lebensmodellen entfremdet haben und zu devoten Helfershelfern ihrer Wissenschaft geworden sind. Die Zeitabläufe haben ihn zum Mörder gemacht, weil er die Frau, die er liebt im Affekt getötet hat. Sie war, so reflektiert er während seiner Haft, einerseits eine herausragende Expertin für künstliches Leben, andererseits aber nicht in der Lage, sich für einen zu ihr passenden Lebenspartner zu entscheiden. Dieses Zusammentreffen von begnadeter Intelligenz und der Unfähigkeit mit den alltäglichen Gegebenheiten fertig zu werden, führt Jorge Volpi noch an einer ganzen Anzahl von Individuen vor, deren Geschichten über die unterschiedlichsten Verbindungskonstellationen alle irgendwie miteinander verflochten sind. So sind alle zwar, erfolgreiche Banker, Kaufleute, Politiker oder wissenschaftlich tätige Forscher, die auf der einen Seite außerordentliche Karriere machen, verfügen aber auf der anderen Seite über keine makellosen Lebensläufe. Sein Theorem, dass im Westen wie im Osten, sich selbst liquidierende Eliteschichten wirken, belegt Volpi sehr präzise mit dem Milieu der Börsenspekulanten, deren verhängnisvolles Wirken er mit interessanten Biographien bis zum großen Börsencrash der zwanziger Jahre zurückspiegelt.
Der Roman besteht bei genauerer Betrachtung eigentlich aus zwei Segmenten. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und charakterisiert den "homo sovieticus" als Idealbild. Der zweite Teil besteht aus der Internationalisierung dieses "homo sovieticus" über ein vornehmlich feminines Geflecht getäuschter Karrierefrauen. Sie finden ihr Glück in den imaginären Welten reflektierender Hotelfahrstühle, reichen bei dem Vabanquespiel ihres geschäftsmäßigen Tun, die den Geschlechtstrieb steigernden Mittel nicht mehr aus, so werden sie zunehmend von Tristesse und Depression heimgesucht, finden dann von Fall zu Fall Konsolidation in der Lyrik.
Der Protagonist betont immer wieder, dass er nur mit großer innerlicher Überwindung diese einzelnen Vorkommnisse behandelt. Da er sich so, als unglücklicher Berichterstatter von diversen Unglücksfällen interpretiert, ist sein Erzählduktus wenig spannend und enthusiastisch. In Interviews bestätigte der mexikanische Autor, dass sein Roman in erster Linie als Medium für eine politische Anklage im Zeitalter des Posthumanismus anzusehen ist. Der von Catalina Rojas Hauser und Kirstin Bleiel brillant aus dem Spanischen übersetzter Roman ist letztendlich eine emotionslose Prosa der Kapitulation im Spiegel einer schicksalhaften Menschheitsbedrohung.