Wie der Untertitel "... UND Schwedens goldene Zeit" schon sagt, ist dieses Buch nicht nur eine Biographie, sondern auch ein Zeitgemälde, und zwar ein sehr gelungenes - man fuehlt sich buchstäblich in das Stockholm des 18. Jahrhunderts hineinversetzt bei Gerstes Beschreibungen von Land und Leuten, von Gustavs Zeitgenossen wie etwa Carl Michael Bellman, von der Einwohnerzahl Schwedens, dem ungeheuren Alkoholkonsum dem Unrat auf Stockholms Strassen usw. Gerste vergisst auch das Leben der "einfachen Leute" nicht.
Gerste schafft genau das, was ein guter Biograph können sollte: er erweckt die Figuren und ihre Zeit zum Leben!
Besonders gefreut hat mich die Schilderung der Familie von Fersen, die ich sehr interessant finde. Sophie von Fersen muss eine sympathische Frau gewesen sein, ebenso ihre Freundin, Prinzessin Hedwig Elisabeth Charlotta, deren Tagebuch eine so wichtige Quelle fuer das Gustavianische Zeitalter ist.
Gustavs Privatleben kommt nicht zu kurz - seine Mutter wird als regelrechte Hexe beschrieben, seine Frau als unglueckliches Opfer der Politik , die Ehe kalt und lieblos.
Bei der Beschreibung des Privatlebens von Gustav und seinen Zeitgenossen läuft Gerste Gefahr, Tratschereien aufzusitzen - er sagt selbst, der Historiker Crusenstolpe sei auf Klatsch spezialisiert. Crusenstolpes Ueberlieferung von Fredriks misslungenem Heiratsantrag an Sophie von Fersen ist sehr unterhaltend, aber wie solide mag der Bericht wohl sein? Ähnlich ist es mit dem Eheleben von Gustav und seiner Frau Sophia Magdalena - ich habe meinen Augen nicht getraut bei der Erklärung, Kammerherr Muck sei ihnen beim Vollzug der Ehe "im wahrsten Sinne des Wortes zur Hand gegangen"! Aber es scheint so gewesen zu sein, mehrere Quellen bestätigen diese Version. Dennoch ein Stern Abzug fuer das Glatteis von Klatsch und Hörensagen, auf das sichd er Autor zu oft begibt.
Man wundert sich, dass das buch bei so viel Inhalt nicht dicker ist, aber Gustav III. hatte ja auch kein allzu langes Leben.
Gerste schildert, wie sich Gustav III. von den Adligen entfernte, einen unsinnigen Krieg vom Zaun brach und wie immer mehr Hass gegen ihn aufkam.
Bei aller Kritik merkt man deutlich Gerstes Symapthie fuer Gustav und kann sie nachempfinden.
Mein Eindruck von Gustav ist zwiespältig - wie soll man einen Mann beurteilen, der einen nutzlosen Krieg anzettelt (mit dem ueblen Trick, schwedische Soldaten in russische Uniformen zu stecken und sie einen Angriff vortäuschen zu lassen), der aber bis auf einen alle Aufständischen begnadigte und auch seinen eigenen Mörder verschonen wollte? Sicher kein blutduerstiger Tyrann! Und noch dazu ein Förderer der Kuenste, der - trotz seiner privaten Vorliebe fuer Frankreich - die schwedische Sprache im wahrsten Sinne des Wortes hoffähig gemacht hat.