Ich konnte nicht glauben, dass das hier die Fortsetzung von dem eher langweiligen Einstieg "Der Jahrmarkt der Magier" ist! Kahlan kämpft gegen ein Seeungeheuer, und Attentäter in Kapuzenmänteln lauern den Söldnern auf. Es gibt nur noch wenige Episoden, in denen Lord Tycho seine exzessive (und auf Dauer nervende) Gier nach Sex spürt und Saro unter Ungerechtigkeiten leidet. Diese bäumen sich anfangs noch einmal in einer Zorn erweckenden Welle auf: Saro muss jetzt seinen Bruder pflegen, und dieser stiehlt ihm sein Messer und schneidet sich damit auf, um nachher behaupten zu können, Saro hätte versucht, ihn zu töten. Danach aber wandelt sich Saro vom männlichen Aschenbrödel zum Muster-Protagonisten. Auch ist dieser Teil eine spürbare Besserung gegenüber Teil Eins, da Pflanzen wie Lichtnelken und lavendelblaues Kätzchenkraut erwähnt werden - Elemente, die mir in Fantasyromanen wichtig sind. Gelungene Elemente sind auch die istrischen Soldaten, die wie römische Legionäre mit blauen (statt roten) Umhängen aussehen, und die kunterbunten Wagen der Fahrenden, doch diese Elemente kamen ja schon im ersten Teil vor. Die Kapitel, in denen Aran und seine Gefolgsleute sich erst mit dem Schiff durch das Nordmeer und dann zu Fuß durch das Eis quälen, um den vermeintlichen Schatz zu finden, erinnern hingegen an Abenteuerromane wie "Der Seewolf" oder "Moby Dick", und der Leser glaubt die Kälte, Erschöpfung und Verzweiflung zu fühlen.
Warum nun aber ein "Minusstern"? Zwei Unstimmigkeiten mit der Perspektive erschwerten es mir, wirklich in das Geschehen einzutauchen. An einer Stelle sieht Kahlan einen istrischen Soldaten und legt den Pfeil auf den Kopf ihres Feindes an. Ich stelle mir ganz spontan das Profil des Südländers vor, da keine genauere Perspektive erwähnt wird. Im nächsten Satz aber bohrt Kahlans Pfeil sich in den Hinterkopf des Soldaten, und ich ärgere mich darüber, dass zwei unlogische Bilder aufeinander folgen anstelle einer fließenden, natürlichen Handlung. An einer anderen Stelle sieht Aran einen Eisbär auf sich zulaufen; folglich sieht er den Eisbären von vorne. Warum wird dann das Fell auf dem RÜCKEN des Tieres ausführlich beschrieben? So kann ich nicht die Vorzüge genießen, die ein Buch gegenüber einem Film hat. Davon abgesehen ist das Buch ein Meisterwerk, das ich auch Lesern empfehlen kann, die sich nicht für Fantasy begeistern und einen Abenteuerroman mit modernem Schreibstil suchen. Schade, dass solche Leser den Auftakt "Der Jahrmarkt der Magier" gelesen haben sollten, ehe sie sich dieses Buch zu Gemüte führen.