Dieses Buch war eine ziemliche Enttäuschung.
Die Modelle beruhen eigentlich alle auf sehr einfachen Prinzipien, die aber nicht benannt oder gar erklärt werden. Stattdessen muss der Leser sich die Reihen auf einem riesigen Musterbogen zusammensuchen, wo in winzigen Symbolen noch weitere Details versteckt sind (der Wechsel zum Flauschgarn für zwei Reihen zum Beispiel).
Dabei ist jeder einzelne Strickgraph klein genug, um auf eine Seite oder wenigstens eine Doppelseite direkt beim Modell zu passen. War das dem Verlag zu teuer?
Aber erst, wenn man weiß, was man tut, macht es Spaß und der Zauber erschließt sich.
Zunächst werden Keile aus verkürzten Reihen ausgenutzt, um Weite zu erzielen. Poncho und Minirock sowie ein paar Taschen sind Beispiele dafür. Dann wird die Form der Keile variiert, um zum Beipiel einen Poncho mit gezacktem Rand oder einen Pulli mit "optischem Fluchtpunkt" an der Schulter zu erhalten. Als nächstes werden Keile so zusammengesetzt, dass wieder eine gerade Fläche entsteht. Fälschlicherweise spricht die Autorin dann bereits von "Wellen". In einem U-förmigen Schal werden beide Techniken kombiniert.
Dieses Thema wird noch in mehreren Modellen variiert.
Als Variation des Keile kann man Parallelogramme betrachten, die mit verkürzten Reihen gestrickt und mit verschiedenartigen Keilen umgeben natürllich ganz eigene Wirkungen entfalten.
Dann tauchen die Rhomben auf (siehe Titelbild). Wiederum wird das Prinzip nicht erklärt. Sie werden in etlichen Modellen variiert, die durch ungleichmäßige Ränder wohl aparter wirken sollen.
Ein einziges Modell mit wirklichen Wellen gibt es, aber hier bleibt die Designerin dann stecken.
Die Reihenfolge der Modelle ist im Buch anders, als ich es hier beschrieben habe, und ich konnte kein ganz klares System dahinter entdecken. Schon befinden sich die etwas schwierigeren Modelle tendentiell weiter hinten, aber das einzige mit einem Stern (für leicht) versehene Modell ist das letzte im Buch. Die Modellnamen auf dem Musterbogen sind andere als die Modelltitel im Buch. Der auf dem Musterbogen verwendete Name steht jeweils am Rand neben der Strickanleitung. Wobei auf dem Musterbogen der Verweis auf die Seitennummer des Modells und damit eine wichtige Kontrollmöglichkeit fehlt. Nummeriert sind die Modelle auch nicht. Strickgraphen sind in der Regel nie fehlerfrei. Bisher habe ich allerdings nur den Fehler entdeckt, dass in der Legende zu einem Graphen Symbole erklärt werden, die im Graphen nicht vorkommen. Hier ist wohl die Autorin, Lektorin oder wer-auch-immer mit den Bezeichnungen Stola und Schalstola selbst durcheinandergekommen.
Die Erläuterungen am Anfang des Buches reichen zum Stricken der Modelle nicht aus. Zumal sie für manche Modelle strenggenommen falsch sind ("nachdem die Wendemasche gestrickt wurde, wird bis zur nächsten Wendemasche oder bis zum Ende der Reihe gestrickt" - nein, man strickt, soweit man möchte bzw das Modell vorschreibt, wendet wieder, oder strickt die Reihe zu Ende). Wer schon Mal eine Bummerang-Ferse gestrickt hat, wird zweifellos zurechtkommen. Zumal auch hier im Buch mit einer Doppelmasche gewendet wird. Das Stehenlassen der übriggebliebenen Maschen hat für den Neuling bei verkürzten Reihen aber irgendwie etwas Erschreckendes. "Was mach ich mit den Maschen, wann werden sie wieder gestrickt?" Und genau dafür hätte man noch eine bebilderte Seite investieren müssen. Über diese Hürde wird nicht hinweggeholfen.
Daneben muss man manchmal sehr aufpassen, an der richtigen Stelle wieder zu wenden. Wie man hierzu sein Gestrick liest oder sich (gerade bei Flauschwolle) mit Maschenmarkierern helfen kann, wird gar nicht erklärt.
Dass die Modelle zum größten Teil nicht tragbar sind, schon weil jedes (bis auf Schals) eine feste Größe hat, aber jedes Modell eine andere, stört mich nicht weiter. Die Idee, die beliebte A-Form durch verkürzte Reihen zu erzielen, wobei die genauso beliebten Längsstreifen bei Garnen mit Farbwechsel von ganz allein entstehen, hat ja auch etwas Attraktives. Wenn das Prinzip erklärt würde, könnte man die Modelle ja leicht anpassen.
Daher gibt es auch zwei Sterne. Wenn ich beim Lesen auch mehr über den Graphen sitze und mir vorkomme wie vor 200 Zeilen unkommentiertem Computercode.