Erst vor wenigen Monaten habe ich dieses Buch gelesen, in dem Nikos Kazantzakis von seinen Reisen, als noch ganz junger Mensch, durch seine Heimat Griechenland erzählt und dabei allerlei seltsamen Gestalten, vor allem Mönchen, begegnet ist. Er hat auch viele der antiken Kultstätten besucht, von denen einige, z.B. alte Klosteranlagen, völlig menschenleer waren. Kazantzakis' Pilgerreise fand vor etwa achtzig Jahren statt, also in den 1920ern, das erklärt wohl auch, warum kaum Touristen anzutreffen waren.
Vielleicht liegt es an der Übersetzung, oder ganz einfach an der damaligen Zeit, dass viele seiner Sätze ein bisschen altmodisch klingen und manches gar so blumig umschrieben ist, doch wenn man sich in diesen Stil erst einmal eingelesen hat, dann ist es eine wirklich vergnügliche Reise! Hier eine kleine Kostprobe daraus:
"Ich wandte dem Parthenon den Rücken und versank im herrlichen Anblick des weiten Meeres. Es war Mittag, die höchste Stunde, ohne Schatten und Lichtspiel - streng, senkrecht, vollkommen. Ich schaute mir die weiße Stadt in der Mittagsglut an, das heilige, strahlende Meer von Salamis und die nackten, glücklichen Bäume ringsum, die Sonne tranken: Und ich vergaß, in diesen Anblick versunken, den Parthenon hinter mir. Doch allmählich, nach jeder weiteren Rückkehr vom attischen Olivenhain und vom Meer des Saronikos, enthüllt sich die heimliche Harmonie meinem Geiste, in dem sie Schleier auf Schleier von sich warf; und als ich einmal wieder die Akropolis erstieg, erschien mir der Parthenon, als bewege er sich leicht, wie ein still verharrender Chor, und als atme er. Monatelang dauerte diese Einweihung, vielleicht auch Jahre. Ich erinnere mich nicht genau an den Tag, da ich als vollkommen Eingeweihter vor dem Parthenon stand und mein Herz wie ein Kalb hüpfte ..."
Nackte, glückliche Bäume, die Sonne trinken - was für eine Vorstellung! Dieses Buch wäre sogar imstande, den düstersten Herbsttag aufzuhellen, denn im Rückblick erscheinen mir seine Seiten stets warm und freundlich. Also: Noch rechtzeitig, vor dem Herbst, besorgen!