Die Freundin meines Bruders zeigte mir den Test zur Hochsensibilität auf zartbesaitet.net. Dem Ergebnis von 220 Punkten, also ziemlich sicherer Hochsensibilität, habe ich keine große Bedeutung beigemessen - wusste ich doch schon mein ganzes Leben lang, dass ich öfter Dinge mitbekomme, die anderen entgehen, viel grüble und mit einigen Alltagssituationen schlechter klar komme als viele meiner Mitmenschen. Doch so sehr man auch in Selbstdiagnose geübt ist, ohne Bestätigung von außen bleibt immer eine gewisse Unsicherheit, ob man auch alles komplett durchschaut hat.
Nachdem ich erneut auf eine Situation empfindlicher reagierte, als es mir angemessen erschien, kaufte ich mir dieses Buch. Ich hatte kurz vorher zwei Bücher über Perfektionismus gelesen und gemerkt, wie sehr dies meinem Selbstverständnis geholfen hat. So hoffte ich, mit diesem Buch einen weiteren meiner nicht unproblematischen Charakterzüge besser verstehen zu können. Doch dann die große Überraschung: nach jahrelangem "sich anders fühlen" und "individuell sein" las ich ein Buch, dass mich so umfassend beschrieb, wie ich es nicht mal nach ausgiebigen persönlichen Gesprächen für möglich gehalten hätte - dabei kennt mich der Autor nicht mal!
So vieles ergab plötzlich einen Sinn, viel mehr als geahnt: warum ich so oft und schnell in Frauen verknallt bin, obwohl ich sie kaum kenne, warum mir ein Korb so sehr zu schaffen macht, warum ich am Ende einer Party meistens deprimiert in der Ecke saß, weil ich das Gefühl hatte, nicht dazugehören zu können, warum ich Ironie häufig wörtlich genommen habe, warum ich gerne spät ins Bett gehe, obwohl es meinem Vater nie gefiel, warum ich immer die Zimmertür schließe, obwohl mich meine Mitbewohnerin damit aufzieht, warum ich nach einer Uni-Vorlesung gestresster war als nach einem normalen Arbeitstag im HIWI-Job und im zweiten Semester vorzeitig in die Semesterferien ging, obwohl meine Kommilitonen souverän eine Prüfung nach der anderen meisterten, warum meine Selbstständigkeit so frustrierend und unbefriedigend war, obwohl ich genügend Aufträge hatte, warum meine Beziehung immer komplizierter und schwerer zu ertragen wurde, obwohl wir beide liebe und verständnisvolle Menschen sind, warum ich so viele neue Dinge anfange, sie aber nicht beenden kann, kurzum, warum ich mit allem möglichen so viel mehr Probleme hatte, als "die anderen".
Warum? Weil ich hochsensibel bin. In den gleichen Situationen sehe ich mehr und intensiver und brauche länger, bis ich es verstanden und verarbeitet habe. Es ist nicht so, als würde ich weniger Belastung aushalten als andere. Ich bin nicht feiger als andere. Stattdessen ist die gleiche Situation für mich eine höhere Belastung als für andere, und die gleiche Aktion wirkt auf mich beängstigender als auf andere und erfordert damit mehr Mut als bei anderen. Metaphorisch gesprochen: Wer eine dicke Hornhaut hat, bemerkt manche Steine im Schuh nicht, spürt andere kaum und überwindet so auch viele Kilometer mit Leichtigkeit. Ich bemerke nicht nur mehr Steine, sondern habe nach ein paar hundert Metern schon blutige Füße. Gleiche Strecke, größeres Problem. Manchmal sind die Distanzen kurz genug, um ohne Probleme ans Ziel zu kommen. Manchmal muss ich eben ein paar Mal die Steine rausholen und komme dadurch etwas später an. Manchmal aber kommen die Steine schneller nach als ich sie herausholen kann und der Weg wirkt unendlich lang. Aber manchmal bemerke ich die Steine auch rechtzeitig, um doch noch nach einer Abkürzung zu suchen und komme so vielleicht sogar schneller ins Ziel. Und weil ich so nett bin, erzähle ich anderen auch davon, wodurch in Zukunft alle früher ankommen.
Die vielleicht wichtigste Information in diesem Buch ist aber, dass diese Hochsensibilität genetisch bedingt ist. Weder ich noch meine Eltern noch mein soziales Umfeld können also bewusst etwas dafür. Und es ist auch ganz normal, dass ich mich anders fühle - ich bin es nämlich! Wie ca. 15% aller Menschen - und Tiere. Ich kann also gar nicht normal werden, muss folglich auch nicht weiter Zeit damit verschwenden, es zu versuchen, oder Tränen vergießen, weil es nicht klappt. Stattdessen zeigt das Buch Wege auf, per "Selbstmanagement" mit der eigenen Sensibilität klarzukommen, sich die Rahmenbedingungen bewusst anzupassen oder mit Überzeugung andere, geeignetere Wege gehen zu können, ohne sich schlecht zu fühlen. Wenn ich den Boden unter meinen Füßen früher wackeln spüre, kann ich auch eher noch rechtzeitig zur Seite springen und komme so an Orte, die normalen Menschen nicht zugänglich sind. Da ist mit Sicherheit eine Menge Schönes bei.
Ich danke dem Autor für dieses Buch. Ich habe das Gefühl am letzten Teil einer langen Reise auf dem Weg zum Selbstverständnis angekommen zu sein. Ich traue mich nun wieder, mein Leben fortzusetzen, statt die meiste Zeit im Diagnosemodus zu verweilen, weil ich nun weiß, worauf ich mich damit einlasse - und dass ich nicht defekt bin. Und dem nächsten normalen Menschen, der mir dazu rät, es einfach auszuhalten und durchzustehen, kann ich was zum Lesen geben. Normale Menschen laufen auch nicht weiter, wenn ihre Füße bluten und sie eine Wahl haben. Sie kaufen sich bessere Schuhe oder ändern den Weg.