Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Klappentext
Locus Magazine
"Niemandem sonst gelang es so meisterhaft, Fantasy, Science Fiction und epische Unterhaltung zu verbinden."
Michael Nagula
"Eine unnachahmliche Verbindung von dramatischen Abenteuern und tiefer Weisheit!"
New York Times
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Knabe kam, um seinem Vater Lebewohl zu sagen, als der Schein verglimmender Holzscheite über dem Feldsteinherd waberte. Er schauderte, dachte an die Nacht draußen und an den Reiter, der käme, um ihn abzuholen. Mit einer Geduld, die weit über die eines Zwölfjährigen hinausging, wartete er auf die Worte seines Vaters, die ihn fortschickten, vielleicht für immer.
Einen langen Augenblick bewegte sich der in zerlumpte Decken gehüllte Mann nicht. Nur die sich langsam und ungleichmäßig hebende und senkende Brust und das Funkeln in seinen Augen zeigten, dass noch Leben in ihm war. Die alte Verletzung seiner Lungen aus einer Zeit, über die er nie ein Wort verlor, hatte ihn früher schon an den Rand des Todes gebracht, und jedes Mal hatte er sich wieder erholt.
Vater, bitte stirb nicht, dachte der Knabe und fragte sich erneut, ob er deshalb fortgeschickt wurde. Nach Arilinn, so weit weg, um unter Bestien und Zauberern zu leben.
»Eduin.« Ein Wispern wie rieselnde Asche. »Mein Sohn.«
Tränen brannten in den Augen des Knaben, aber er kämpfte das Verlangen nieder, sich in die Arme des Vaters zu werfen, sein Gesicht in dem drahtigen grauen Bart zu vergraben, die eisernen Arme um sich zu spüren.
»Ich weiß nicht, ob ich dich jemals wieder sehen werde. Du bist meine letzte Hoffnung.«
»Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater.«
Die Schultern des Mannes hoben und senkten sich unter den Deckenschichten. »Und was wirst du tun?«
»Nach Arilinn gehen. Ich werde ein …« Das Kind stolperte über das unvertraute Wort. »… ein Laranzu. Der mächtigste Zauberer von ganz Darkover.«
»Wie dein Vater vor dir.«
Eduin nickte mit gerunzelter Stirn. Wenn sein Vater der mächtigste Laranzu der Welt gewesen war, warum lebten sie dann in dieser Abgeschiedenheit? Warum hungerten und froren sie dann im Winter und trugen Flickenkleidung? Er wusste, dass die Hasturs damit zu tun hatten. Seine Mutter hatte ihm noch zu Lebzeiten beigebracht, niemals Fragen zu stellen. Aber wenn er jetzt keine Fragen stellte, kam diese Chance vielleicht nie wieder.
Als spürte er seine Fragen, winkte der Vater den Knaben näher und zog ihn in den Schutz eines Arms. »Du bist zu jung für eine solche Bürde, und doch bist du alles, was mir geblieben ist. Deine Brüder …« Seine Stimme verlor sich.
Sie haben versagt.
»Wer bist du?«, fragte sein Vater in verändertem Ton.
»Nun, Eduin MacEarn, auf diesen Namen hast du mich getauft, Vater.«
»Hör gut zu. Deine Mutter wusste nichts von dem, was ich dir jetzt mitteile. Sie wusste lediglich, dass ich im Krieg verwundet wurde und Frieden und Vergessen suchte. Also nahm ich ihren Namen an und begann hier ein neues Leben. Aber die Vergangenheit muss berichtigt werden.«
Eduin schauderte angesichts der Eröffnung eines großen Geheimnisses.
»Dein wahrer Name, mein Sohn, ist Eduin Deslucido, und du bist der einzige Erbe eines einst riesigen Königreichs. Dein Onkel war König Damian Deslucido, ein Mann mit einer unübertrefflichen visionären Kraft, Herrscher von Ambervale und Linn …« Die Namen gingen ihm wie Beschwörungen von der Zunge. »… und Kinally, Verdanta und Falkenhorst und dann Acosta. Aber das ist nun alles dahin, selbst die Erinnerung an diesen großen Mann. Zerstört durch die heimtückischen Hasturs – möge ihre Strafe tausend Jahre währen! In ihrer Gier nach Macht haben sie deinen Onkel und deinen Vetter Belisar abgeschlachtet, der nach ihm König geworden wäre. Sie haben Feuer vom Himmel regnen lassen und zwei Türme in Trümmer gelegt. Sie dachten, ich wäre dabei ebenfalls umgekommen.«
»Nein, Vater, nicht du!«
»Aber Zandru war mir hold, und ich entkam. Ich gelangte hierher, nahm den Namen deiner Mutter an und wartete. Ich dachte, wenn ich wieder bei Kräften wäre, könnte ich in die Welt zurückkehren und die Hastur-Sippe zur Rechenschaft ziehen. Aber«, er deutete mit der freien Hand auf seine Brust, »dieser Körper hat zu viel erlitten.«
Der Atem rasselte in den Lungen des Greises. »Als deine Brüder erwachsen wurden, begann ich zu hoffen, dass ich sie an meiner statt ausschicken könnte. Es waren gute Jungs, liebevolle Söhne. Sie gaben ihr Bestes. Da erkannte ich, dass die Hasturs für einen gewöhnlichen Attentäter zu mächtig waren, egal wie gerecht die Sache war.«
Erneut schauderte Eduin. Er konnte sich an seine Brüder kaum erinnern, nur dass sie groß und stark gewesen waren. Wie sollte er Erfolg haben, wo sie gescheitert waren?
»In alledem liegt ein hohes Maß an Gerechtigkeit«, sagte der Greis mit einem gequälten Lächeln. »Dass du, das Kind von Rumail Deslucido, die Kinder dieser verfluchten Hexe Taniquel Hastur-Acosta vernichten wirst und alle anderen in diesem elenden Nest, die ihr halfen!«
Ein Hustenanfall unterbrach seine Rede. Der Knabe eilte zu dem Tisch auf der anderen Seite des Zimmers und holte einen verschrammten Holzbecher mit Kräuteraufguss.
»Du darfst den Hasturs nie durch Waffengewalt entgegentreten«, sagte der Greis, »das führt nur in die Katastrophe. Kultiviere stattdessen dein Talent. Verdiene dir deinen Platz in den Türmen. Beobachte und lerne. Warte ab. Der richtige Zeitpunkt wird kommen. Du wirst dort Hasturs treffen, davon bin ich überzeugt. Das Laran ist weit verbreitet in dieser Familie, genau wie in unserer. Freunde dich mit ihnen an, erwirb ihr Vertrauen, verschaff dir Zutritt zu ihren Häusern. Aber fürchte nie ihre Kraft. Du hast eine Gabe, die weit mehr wiegt als die ihre. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werde ich dir beibringen, wie man sie einsetzt.«
Der Greis hielt inne, aber der Knabe wusste, dass noch mehr folgen würde. »Verrate dich nicht, indem du gegen geringere Angehörige dieses Hauses ziehst. Heb dir deine Bemühungen für deine wahren Ziele auf – die Schuldigen und ihre Nachkommen. Die Geister von Damian Deslucido, Prinz Belisar und all derer, die für ihre ruhmreiche Sache starben, zählen auf dich. Ich zähle auf dich!«
Hufgetrappel erklang draußen auf dem Hof. Der Knabe blickte kurz zu dem gefalteten Mantel, der auf dem Bündel neben der Tür lag. Er schlang die Arme um den Vater und wisperte erneut – vielleicht zum letzten Mal:
»Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater. Ich enttäusche dich nicht!«
1. Buch
Eines Morgens Anfang Herbst schien die große rote Sonne von Darkover am Eingang zum Turm Arilinn schräg auf den Hof. Polierter Granit, in den durchscheinende blaue Steine eingefügt waren, bildete den Boden und zwei Mauern. Alles war so kunstvoll geformt und zusammengesetzt, dass nicht einmal ein Grashalm oder eine Efeuranke Wurzeln schlagen konnte. Steil aufragend, bildeten die Mauern eine Schlucht, in der die Kälte der Nacht erhalten blieb. Auf der anderen Seite umschloss ein anmutiger Torbogen den bunten Schleier, der nur jenen mit echtem Comyn-Blut, Angehörigen der mit psychischen Kräften gesegneten darkovanischen Adelsschicht, den Zutritt gestattete. In dem indirekten Licht des Morgens ähnelte der Schleier einem Wasserfall aus den zerfallenden Farben des Regenbogens.
Als er sich in der finstersten Stunde der Nacht in den Hof geschlichen hatte, war Varzil Ridenow darauf bedacht gewesen, dem Schleier nicht zu nahe zu kommen. Selbst hier, in der Ecke, in der er sich zusammengerollt hatte, um dösend den Tagesanbruch abzuwarten, spürte er, wie dessen Macht an seinen Nerven zerrte.
Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben …
Die Worte hallten in seinen Gedanken wider wie der Refrain einer Ballade. Er war ein Ridenow und besaß die Gabe des Laran, die wahre Donas. Er wusste es schon, seit er zum ersten Mal die Ya-Männer ihre Klagelieder in den fernen Hügeln unter den vier Mittsommermonden hatte singen hören. Damals war er acht Jahre alt gewesen, alt genug, um zu verstehen, dass da etwas war, was man weder sehen noch fassen konnte, und alt genug, um zu wissen, dass er darüber schweigen sollte. Er hatte gesehen, wie sein Vater, Dom Felix Ridenow, bei diesem...
Auszug aus Zandrus Schmiede von Marion Zimmer Bradley, Deborah J. Ross, Michael Nagula. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Knabe kam, um seinem Vater Lebewohl zu sagen, als der Schein verglimmender Holzscheite über dem Feldsteinherd waberte. Er schauderte, dachte an die Nacht draußen und an den Reiter, der käme, um ihn abzuholen. Mit einer Geduld, die weit über die eines Zwölfjährigen hinausging, wartete er auf die Worte seines Vaters, die ihn fortschickten, vielleicht für immer.
Einen langen Augenblick bewegte sich der in zerlumpte Decken gehüllte Mann nicht. Nur die sich langsam und ungleichmäßig hebende und senkende Brust und das Funkeln in seinen Augen zeigten, dass noch Leben in ihm war. Die alte Verletzung seiner Lungen aus einer Zeit, über die er nie ein Wort verlor, hatte ihn früher schon an den Rand des Todes gebracht, und jedes Mal hatte er sich wieder erholt.
Vater, bitte stirb nicht, dachte der Knabe und fragte sich erneut, ob er deshalb fortgeschickt wurde. Nach Arilinn, so weit weg, um unter Bestien und Zauberern zu leben.
»Eduin.« Ein Wispern wie rieselnde Asche. »Mein Sohn.«
Tränen brannten in den Augen des Knaben, aber er kämpfte das Verlangen nieder, sich in die Arme des Vaters zu werfen, sein Gesicht in dem drahtigen grauen Bart zu vergraben, die eisernen Arme um sich zu spüren.
»Ich weiß nicht, ob ich dich jemals wieder sehen werde. Du bist meine letzte Hoffnung.«
»Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater.«
Die Schultern des Mannes hoben und senkten sich unter den Deckenschichten. »Und was wirst du tun?«
»Nach Arilinn gehen. Ich werde ein
« Das Kind stolperte über das unvertraute Wort. »
ein Laranzu. Der mächtigste Zauberer von ganz Darkover.«
»Wie dein Vater vor dir.«
Eduin nickte mit gerunzelter Stirn. Wenn sein Vater der mächtigste Laranzu der Welt gewesen war, warum lebten sie dann in dieser Abgeschiedenheit? Warum hungerten und froren sie dann im Winter und trugen Flickenkleidung? Er wusste, dass die Hasturs damit zu tun hatten. Seine Mutter hatte ihm noch zu Lebzeiten beigebracht, niemals Fragen zu stellen. Aber wenn er jetzt keine Fragen stellte, kam diese Chance vielleicht nie wieder.
Als spürte er seine Fragen, winkte der Vater den Knaben näher und zog ihn in den Schutz eines Arms. »Du bist zu jung für eine solche Bürde, und doch bist du alles, was mir geblieben ist. Deine Brüder
« Seine Stimme verlor sich.
Sie haben versagt.
»Wer bist du?«, fragte sein Vater in verändertem Ton.
»Nun, Eduin MacEarn, auf diesen Namen hast du mich getauft, Vater.«
»Hör gut zu. Deine Mutter wusste nichts von dem, was ich dir jetzt mitteile. Sie wusste lediglich, dass ich im Krieg verwundet wurde und Frieden und Vergessen suchte. Also nahm ich ihren Namen an und begann hier ein neues Leben. Aber die Vergangenheit muss berichtigt werden.«
Eduin schauderte angesichts der Eröffnung eines großen Geheimnisses.
»Dein wahrer Name, mein Sohn, ist Eduin Deslucido, und du bist der einzige Erbe eines einst riesigen Königreichs. Dein Onkel war König Damian Deslucido, ein Mann mit einer unübertrefflichen visionären Kraft, Herrscher von Ambervale und Linn
« Die Namen gingen ihm wie Beschwörungen von der Zunge. »
und Kinally, Verdanta und Falkenhorst und dann Acosta. Aber das ist nun alles dahin, selbst die Erinnerung an diesen großen Mann. Zerstört durch die heimtückischen Hasturs möge ihre Strafe tausend Jahre währen! In ihrer Gier nach Macht haben sie deinen Onkel und deinen Vetter Belisar abgeschlachtet, der nach ihm König geworden wäre. Sie haben Feuer vom Himmel regnen lassen und zwei Türme in Trümmer gelegt. Sie dachten, ich wäre dabei ebenfalls umgekommen.«
»Nein, Vater, nicht du!«
»Aber Zandru war mir hold, und ich entkam. Ich gelangte hierher, nahm den Namen deiner Mutter an und wartete. Ich dachte, wenn ich wieder bei Kräften wäre, könnte ich in die Welt zurückkehren und die Hastur-Sippe zur Rechenschaft ziehen. Aber«, er deutete mit der freien Hand auf seine Brust, »dieser Körper hat zu viel erlitten.«
Der Atem rasselte in den Lungen des Greises. »Als deine Brüder erwachsen wurden, begann ich zu hoffen, dass ich sie an meiner statt ausschicken könnte. Es waren gute Jungs, liebevolle Söhne. Sie gaben ihr Bestes. Da erkannte ich, dass die Hasturs für einen gewöhnlichen Attentäter zu mächtig waren, egal wie gerecht die Sache war.«
Erneut schauderte Eduin. Er konnte sich an seine Brüder kaum erinnern, nur dass sie groß und stark gewesen waren. Wie sollte er Erfolg haben, wo sie gescheitert waren?
»In alledem liegt ein hohes Maß an Gerechtigkeit«, sagte der Greis mit einem gequälten Lächeln. »Dass du, das Kind von Rumail Deslucido, die Kinder dieser verfluchten Hexe Taniquel Hastur-Acosta vernichten wirst und alle anderen in diesem elenden Nest, die ihr halfen!«
Ein Hustenanfall unterbrach seine Rede. Der Knabe eilte zu dem Tisch auf der anderen Seite des Zimmers und holte einen verschrammten Holzbecher mit Kräuteraufguss.
»Du darfst den Hasturs nie durch Waffengewalt entgegentreten«, sagte der Greis, »das führt nur in die Katastrophe. Kultiviere stattdessen dein Talent. Verdiene dir deinen Platz in den Türmen. Beobachte und lerne. Warte ab. Der richtige Zeitpunkt wird kommen. Du wirst dort Hasturs treffen, davon bin ich überzeugt. Das Laran ist weit verbreitet in dieser Familie, genau wie in unserer. Freunde dich mit ihnen an, erwirb ihr Vertrauen, verschaff dir Zutritt zu ihren Häusern. Aber fürchte nie ihre Kraft. Du hast eine Gabe, die weit mehr wiegt als die ihre. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werde ich dir beibringen, wie man sie einsetzt.«
Der Greis hielt inne, aber der Knabe wusste, dass noch mehr folgen würde. »Verrate dich nicht, indem du gegen geringere Angehörige dieses Hauses ziehst. Heb dir deine Bemühungen für deine wahren Ziele auf die Schuldigen und ihre Nachkommen. Die Geister von Damian Deslucido, Prinz Belisar und all derer, die für ihre ruhmreiche Sache starben, zählen auf dich. Ich zähle auf dich!«
Hufgetrappel erklang draußen auf dem Hof. Der Knabe blickte kurz zu dem gefalteten Mantel, der auf dem Bündel neben der Tür lag. Er schlang die Arme um den Vater und wisperte erneut vielleicht zum letzten Mal:
»Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater. Ich enttäusche dich nicht!«
1. Buch
Eines Morgens Anfang Herbst schien die große rote Sonne von Darkover am Eingang zum Turm Arilinn schräg auf den Hof. Polierter Granit, in den durchscheinende blaue Steine eingefügt waren, bildete den Boden und zwei Mauern. Alles war so kunstvoll geformt und zusammengesetzt, dass nicht einmal ein Grashalm oder eine Efeuranke Wurzeln schlagen konnte. Steil aufragend, bildeten die Mauern eine Schlucht, in der die Kälte der Nacht erhalten blieb. Auf der anderen Seite umschloss ein anmutiger Torbogen den bunten Schleier, der nur jenen mit echtem Comyn-Blut, Angehörigen der mit psychischen Kräften gesegneten darkovanischen Adelsschicht, den Zutritt gestattete. In dem indirekten Licht des Morgens ähnelte der Schleier einem Wasserfall aus den zerfallenden Farben des Regenbogens.
Als er sich in der finstersten Stunde der Nacht in den Hof geschlichen hatte, war Varzil Ridenow darauf bedacht gewesen, dem Schleier nicht zu nahe zu kommen. Selbst hier, in der Ecke, in der er sich zusammengerollt hatte, um dösend den Tagesanbruch abzuwarten, spürte er, wie dessen Macht an seinen Nerven zerrte.
Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben
Die Worte hallten in seinen Gedanken wider wie der Refrain einer Ballade. Er war ein Ridenow und besaß die Gabe des Laran, die wahre Donas. Er wusste es schon, seit er zum ersten Mal die Ya-Männer ihre Klagelieder in den fernen Hügeln unter den vier Mittsommermonden hatte singen hören. Damals war er acht Jahre alt gewesen, alt genug, um zu verstehen, dass da etwas war, was man weder sehen noch fassen konnte, und alt genug, um zu wissen, dass er darüber schweigen sollte. Er hatte gesehen, wie sein Vater, Dom Felix Ridenow, bei diesem Thema verstummte und seine Kiefer anspannte. Nun war er sechzehn, älter als die meisten, wenn sie ihre Ausbildung im Turm begannen, und sein Vater hätte die ganze Sache am liebsten vergessen und so getan, als besäße sein jüngster Sohn die Gabe nicht.
Varzil war all die vielen Meilen von seinem Zuhause nach Arilinn gereist, zusammen mit seinem Vater und einigen Angehörigen, um dem Comyn-Rat offiziell vorgestellt zu werden. Sein älterer Bruder Harald, der einmal Klarwasser erben sollte, war vor drei Jahren auf ähnliche Weise begutachtet worden, aber damals war Varzil noch zu jung gewesen, um ihn zu begleiten. Seine derzeitige Anerkennung war eindeutig ein politischer Schachzug, um den Status der Ridenows zu stärken. Viele der anderen großen Häuser betrachteten sie als Emporkömmlinge, kaum zivilisierter als ihre Vorfahren aus den Trockenstädten. Es ärgerte sie, einem Ridenow die Achtung eines Gleichen unter Gleichen entgegenbringen zu müssen.
Der Frieden, den Allart Hastur zwischen seinem Königreich und dem der Ridenows geschlossen hatte, war bisher weder lang noch tief genug gewesen, um die Erinnerung an die blutige Auseinandersetzung, die dem Abkommen vorausgegangen war, vergessen zu lassen. Dom Felix verhielt sich nie anders als ausgesucht höflich gegenüber den Hasturs, aber Varzil spürte ihre Zweifel ihre Furcht.
Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben
Dann hätte er sich nicht zu dieser verbrecherisch frühen Stunde aus der Verborgenen Stadt schleichen müssen, um halb erfroren darauf zu warten, dass jemand im Turm ihn einließ. Er hoffte, dass es bald geschähe, bevor seine Abwesenheit entdeckt und die Jagd auf ihn eröffnet wurde. Die Ratssitzung war beinahe vorüber, und viel galt es nicht mehr zu erledigen. Dom Felix würde nicht zögern, nicht, nachdem Katzenmenschen in den Bergen unweit der Schafsweiden gesichtet worden waren.
Varzil schlang den Umhang enger um seine Schultern und achtete darauf, dass seine Zähne nicht mehr so laut klapperten. Der fein gewobene Zwirn war für die höfische Etikette gedacht, nicht als Schutz gegen die Elemente.
Aldones sei Dank, dass es eine klare Nacht war.
In den langen Stunden spürte Varzil das Wirbeln und Tanzen psychischer Kräfte hinter den Turmmauern. Die blendend grelle Energie des Schleiers peinigte seine Nerven und machte ihn empfänglich für das leiseste telepathische Raunen.
Ein Großteil der Arbeit im Turm wurde verrichtet, wenn gewöhnliche Menschen schliefen, um der psychischen Statik der vielen ungeschulten Gemüter möglichst wenig ausgesetzt zu sein. So nahe der Stadt wurde noch der zufälligste Streustrahl oder Gefühlsausbruch, der es kaum wert war, Laran genannt zu werden, zu einer leichten Störung, die sich mit der Zeit verstärkte, hatte man ihm erzählt. Aus diesem Grund standen Türme wie Hali und der jetzt in Trümmern liegende Tramontana abseits menschlicher Siedlungen. In den langen Stunden der Dunkelheit schickten begnadete Arbeiter per Relais Botschaften über hunderte von Meilen und luden gewaltige Laran-Batterien auf, die unzähligen Zwecken dienten, darunter der Energieversorgung von Luftwagen, der Beleuchtung der Königspaläste und dem Abbau kostbarer Minerale; ja sie ermöglichten sogar die behutsame Heilung von Körper und Geist.
Varzil war in dieser Nacht schon ein Dutzend Mal eingenickt und wieder aufgeschreckt. Bei jedem Erwachen schienen seine Sinne schärfer geworden zu sein. Kraft seines Geistes spürte er Farben und Melodien, von deren Existenz er nicht einmal etwas geahnt hatte. Er vernahm Stimmen, ein Wort hier und da, Redewendungen, die befrachtet waren mit geheimer Bedeutung und ihn nach mehr lechzend zurückließen. Der regenbogenartige Schleier funkelte nicht mehr in der Ferne, sondern ging ihm widerhallend durch Mark und Bein.
Eine Bewegung erregte Varzils Aufmerksamkeit, ein Schatten unter Schatten. Schlank, in grauen Pelz gekleidet, vorgebeugt wie ein verhutzelter kleiner Mann, schlüpfte eine Gestalt durch den Schleier. Sie blieb stehen, einen leeren Korb fest in den Klauen, und starrte ihn an.
Varzil setzte sich aufrecht und zog den dünnen Umhang noch enger um seine Schultern. Er erkannte in dem Wesen einen Kyrri, die Serrais, das Oberhaupt der Ridenows, sich in geringer Zahl als Diener hielt. Sie sollten telepathisch sehr begabt sein, aber auf jede Annäherung heftig reagieren. Bei seiner Vorbereitung auf den Besuch in Arilinn hatte sein Vater ihn vor ihren schützenden elektrischen Feldern gewarnt. Dennoch streckte er die Hand nach ihm aus.
»Schon in Ordnung«, murmelte er. »Ich tue dir nicht weh.«
Etwas strich über Varzils Hinterkopf, gleichzeitig federleicht und unangenehm, als streichele jemand seine Haut. Aber nein, es geschah im Innern seines Kopfes. Plötzlich durchlief ihn ein Gefühl der Neugier, das ebenso rasch, wie es gekommen war, wieder verflog.
Das Wesen musterte ihn. Wollte es etwas von ihm? Er hatte nichts zu essen und dann begriff er, dass er als Tier von ihm dachte und nicht als intelligentes, wenn auch nicht unbedingt menschliches Wesen.
Ohne einen Laut eilte der Kyrri davon. Varzil sah, wie er den äußeren Hof überquerte und in eine Seitengasse abbog. Er hatte den Eindruck, auf geheimnisvolle Weise einer Prüfung unterzogen worden zu sein, und wusste nicht, ob er bestanden hatte.
»Sieh doch da unten!«, rief über ihm eine Stimme. »Irgendein Taugenichts lagert auf unserer Schwelle!«
Varzil reckte den Hals und starrte zu einem Balkon hoch, der zu beiden Seiten des Schleierbogens um den Turm herumführte. Zwei ältere Jungen beugten sich vor und deuteten auf ihn. Sie schienen noch nicht ganz zwanzig zu sein; die Stimmen waren schon tief, die Taillen und Hüften schlank, aber sie hatten noch die Schultern junger Männer.
»Du da! Kerl! Was hast du hier zu suchen?«
Etwas an der Stimme nervte Varzil. Aber vielleicht war es auch nur die Verwirrung über die Begegnung mit dem Kyrri, die ihn zu der gereizten Antwort verleitete: »Was geht euch das an? Ich bin hier, um den Bewahrer des Turms Arilinn zu sprechen, und der seid ihr nicht!«
»Wie kannst du es wagen, so mit uns zu reden!« Der Jüngling auf dem Turm beugte sich weiter vor. »Du unverschämter Nichtsnutz!«
Der zweite Junge zog seinen Freund zurück. »Eduin, du hast nichts davon, ihn zu verspotten. Da unten kann er uns nichts anhaben, und er ist eindeutig kein Straßenbettler. Diese Worte sind deiner nicht würdig.« Er sprach mit dem Akzent eines Tiefland-Aristokraten.
Varzil rappelte sich mit pochendem Herzen auf. Ein Dutzend Entgegnungen kam ihm in den Sinn. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er biss weiter fest die Zähne zusammen, obwohl der Atem durch sie hindurchzischte. Er hatte nicht den größten Teil seines Lebens damit verbracht, weitaus schlimmere Beleidigungen über sich ergehen zu lassen, um jetzt die Nerven zu verlieren.
Was fiel dem Lümmel ein, ihn so herauszufordern? Was stimmte mit ihm nicht? Höflichkeit kostete nichts, aber durch Beleidigungen konnte man sich Feinde machen. Wenn er Erfolg hatte, würden diese Jungs vielleicht seine Mitschüler werden. Aber es spielte ja nur die Meinung einer einzigen Person wirklich eine Rolle die des Bewahrers.
Er beschloss, kein weiteres Wort darüber zu verlieren, und verbeugte sich vor ihnen. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein, wenn er die Situation nicht verschlimmern wollte.
Der Junge namens Eduin zog sich von dem Balkon zurück und murmelte etwas über angemessenen Respekt gegenüber der Würde des Turms. Varzil riss sich so sehr zusammen, seine Zunge im Zaum zu halten, dass er nicht jedes Wort mitbekam. Aber der andere Jüngling, der, der sich wohlweislich zurückhielt, blieb vor Ort.
Varzil hob den Blick. Die Sonne glitzerte im strahlenden Rot der Haare des anderen Jungen, ließ seine grauen Augen und die regelmäßigen Züge aufleuchten. Beide Turmjungen trugen schlichte Kleidung, Tuniken mit breiten Ledergürteln, ohne einen Hinweis auf ihren Clan oder Rang.
»Kerl«, rief er nach unten, und diesmal war nichts Beleidigendes an dem Wort. Seine Stimme war kräftig und klar, als wäre er als Sänger ausgebildet worden. »Was willst du vom Bewahrer des Turms Arilinn?«
»Ich bin hier
um dem Turm beizutreten.« Es war heraus.
Für einen langen Moment musterte der Jüngling ihn weiter. Mit einem Nicken und den Worten »Warte hier« verschwand er wieder im Turm.
Varzil ließ den Atem entweichen, von dem er gar nicht gemerkt hatte, dass er ihn angehalten hatte. Während er sich zu beruhigen versuchte, schimmerte der Schleier und teilte sich wie ein irisierender Wasserfall. Ein Mann im lose fallenden weißen Gewand eines Überwachers trat hindurch. Grau beherrschte sein kastanienbraunes Haar, und sein Mund wurde von Linien eingerahmt, die auch unter seinen Augen verliefen. Einige Schritte hinter ihm folgte der Jüngling vom Balkon. Auf diese Nähe erschreckte Varzil die herrische Ausstrahlung des anderen Jungen.
Der Mann im weißen Gewand blieb stehen, und sein Blick schweifte über die Farben von Varzils Umhang, das Gold und Grün seines Clans.
»Vai dom
«, brach Varzil schließlich das Schweigen. »Ich bin Varzil Ridenow, der jüngere Sohn des Dom Felix von Klarwasser. Ich bin gekommen, um hier eine Ausbildung anzutreten. Wollt Ihr so freundlich sein und mich zum Bewahrer begleiten?«
Der strenge Mund entspannte sich zum Ansatz eines Lächelns. »Junger Sire, nichts hielte ich für angemessener. Ich kann mich ganz sicher nicht erdreisten, die Entscheidung zu treffen, was mit Euch geschehen soll.«