In dreizehn Portäts aus vier Generationen, an unterschiedlichen Schauplätzen, werden die verschiedenen Mitglieder einer jüdischen Familie vorgestellt, beginnend mit dem Stammvater Zalman und Stammmutter Lea in Polen, über das sterbende Familienoberhaupt Èlie in Brüssel, der noch ein letztes Mal seine grosse Familie an seinem Sterbebett zusammenführen möchte, bis hin zu dem Neugeborenen Ali Rabinovitch, den Urenkel von Zalman. Ähnlich einem Kaleidoskop werden nur kleinste Fragmente eines jeden Lebens beschrieben. Jede einzelne Geschichte berührt in irgendweiner Form die Familienchronik und jeder beschreibt sie aus seiner ureigenen Sicht und mit seiner eigenen Sprache. Der Autor hält m.E. gerade dadurch eine gewisse Distanz und umgibt die Geschichte mit einem Geheimnis. Nie zeigt sich eine Person ganz, jede umgibt ein Nebel. Mir kam es teilweise so vor, wie eine Familienaufstellung, in der Betrachter versucht einzelne Puzzlestücke mit dem Ganzen zu verknüpfen.
Ich habe das Buch mit grosser Spannung und mit innerer Beteiligung gelesen, wobei mir manche Familienmitglieder und manche Charaktere näher standen, oder symphatischer waren, als andere. Die Geschichte ist traurig und doch in Teilen auch grotesk, vieles hat mich bewegt, einiges aber auch unbeteiligt gelassen, grad so wie im wahren Leben. Am Ende des Buches stand für mich doch letztlich ein grosses Fragezeichen, viele Details, etliche Puzzlestücke, die sich aber nicht zu einem Ganzen zusammenfügten. Das musste wohl so sein, war mit Sicherheit die Absicht des Autors und doch hätte ich so gerne noch mehr erfahren z.b. über die Tochter Rifka, die im KZ umgekommen ist, oder ob die schizophrene Martine ihrem Sohn Ali eine gute Mutter sein kann u.u.u.
„Im Grunde liegt die Wahrheit im Widerspruch, in der Tatsache, daß es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern die eine und die andere Wahrheit. Um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, muß man die Tatsache anerkennen, daß es gegensätzliche Wahrheiten gibt. Ich glaube, genau das macht eine Familie aus: subjektive Erzählungen, die sich widersprechen. Wen auch immer Sie in einer Familie zu einem Ereignis befragen - ganz gleich, ob ein tragisches oder, im Gegenteil, ein völlig belangloses -, man wird Ihnen bei getrennter Befragung ganz unterschiedliche Dinge erzählen. Mit der Zeit wird das schwindelerregend." (Philippe Blasband)