In einem Aufsatz aus dem Jahr 1974 setzt sich Agehananda Bharati, Acarya des Dasanami-Ordens und ebenso beeindruckender wie hierzulande leider kaum bekannter Anthropologe, mit dem Thema Authentizität und Betrug bei religiösen Lehrern und Gruppen auseinander. Nach einem veritablen Verriss von Blavatskys 'Geheimlehre' und Lobsang Rampas (alias Cyrill Hoskins) 'Das dritte Auge' schreibt er zusammenfassend: 'Das Pseudohafte hebt man nur dadurch vom Sockel, dass man ihm das Genuine gegenüberstellt und Vergleiche zieht.'
Yudo J. Seggelke hat sich dem Genuinen verschrieben. Im März 2010 gab er im Berliner Dona-Verlag als Schülergabe zu G. W. Nishijimas 90. Geburtstag die aus dessen lebenslanger Beschäftigung hervorgegangene Studien und Erläuterungen seines Lehrers zu Dogens Shobogenzo unter dem Titel 'Aus meinem Leben' heraus. Nun unternimmt er es selbst, in der Reihe 'Im Auge des Zen' dieses wichtige, tiefgründige Werk des Zen, ja des Buddhismus überhaupt, authentisch zu kommentieren und dem faszinierten Leser zugänglich zu machen. Der erste Band, 'Zen ohne Mythos und Ideologie', ist gerade erschienen.
Erneut stellt Yudo J. Seggelke seine hermeneutische Kapazität unter Beweis. Gründlich, aber dennoch für alle (Neu-)Interessierten verständlich stellt er die beiden Kapitel 'Das verwirklichte Leben und Universum (Genjô-kôan)' und
'Ein Gespräch über das Streben nach der Wahrheit (Bendôwa)' des Shobogenzo vor. Alles scheint mit leichter Feder geschrieben und ist so wohl nur möglich bei langjähriger und tiefer Beschäftigung mit diesen Texten.
Seggelke bleibt dabei nicht bei einer interpretierenden Paraphrase der Texte stehen, obwohl eine solche ' und jeder Leser des Shobogenzo wird hier zustimmen - allein schon hilfreich ist. Er strukturiert, schneidet durch die scheinbar offenkundige Textoberfläche und eröffnet damit Tiefendimensionen, die ebenso fesseln und beeindrucken wie auch ernüchtern. Der Rezensent scheut sich nicht, an dieser Stelle zuzugeben, dass er mit der Wahrheit des Ausspruchs 'Zen-Geist, Anfänger-Geist' selten so nachdrücklich konfrontiert wurde wie bei der erneuten Annäherung an Dogen durch 'Zen ohne Mythos und Ideologie'.
Dieses Buch lebt aus der Praxis des Zazen. Ausführlich beschäftigt es sich mit Dogens Hinweisen zur richtigen Haltung beim Sitzens im Samadhi und dem starken und nachhaltigen Einfluss dieser Praxis auf den Praktizierenden. Zazen ist für jeden Menschen auch im Alltag möglich, selbst wenn der beruflicheTerminkalender und die privaten Aufgaben diesen zu dominieren scheinen. Seggelke plädiert als Schüler Nishijimas und Interpret Dogens für die 'ganzheitliche Erfahrung im Handeln', weg von jeder Kopflastigkeit, hin zum 'Handeln im Augenblick' ' auf dem Sitzkissen.
Das ist aber keineswegs Ablehnung von Theorie oder Denken ' bereits Dogen schätzte beides sehr hoch. Seggelkes Buch lebt ebenso aus der Klarheit des naturwissenschaftlich geschulten analytischen Denkens seines Autors. Nishijima Roshi ist die Wiederentdeckung und Interpretation der ersten vier Sätze (dem ersten Abschnitt) des Genjô-kôan als den vier buddhistischen Sichtweisen bzw. Lebensphilosophien bei Meister Dogen zu verdanken (siehe dazu das wichtige 6. Kapitel aus dem oben erwähnten Buch Nishijima Roshis). Seggelke greift diese Interpretation auf und verfolgt konsequent nach-denkend jede der Sichtweisen in ihren Facetten. Im Verhältnis zu anderen oft manirierten Erläuterungen bleibt seine Sprache stets klar und frei von scheinbar geheimnisschwangerem Begriffsraunen. Beim Lesen empfindet man dieses Kapitel als überzeugende Replik auf die monoton vereinshumanistische Kritik von Alfred Binder in dessen Buch 'Mythos Zen'.
Yudo J. Seggelke stellt mit diesem ersten Band der Reihe 'Im Auge des Zen' das Genuine vor. In einem überbordenden Markt, verstopft von Marketingstrategien großer Verlage und den Banalitäten esoterischer Bestseller ermöglicht er dem Leser, Vergleiche zu Meister Dogen zu ziehen ' nur zwei Kapitel aus einem der großen Werke spiritueller Literatur reichen für das Urteil zugunsten Dogens. Ein hoffnungsvoller Start. Als Leser wünscht man sich einen baldigen nächsten Band in dieser Reihe.