Man merkt dem konzentrierten, pointierten, manchmal etwas uneinheitlichen Stil an, dass Fitzgerald lange Jahre (von 1925-1934) an dem Roman arbeitete, aber er ist doch großartig und fesselnd geworden.
Er besteht aus drei "Büchern", in Buch 1 steht das schöne, verwöhnte 18jährige Filmsternchen Rosemary im Mittelpunkt, wir nehmen die Szene zunächst aus ihrer Sicht wahr: Sie verliebt sich sofort in den wunderbaren Dick Divers, einen empathischen Psychotherapeuten in den Mitdreißigern, der mit Nicole (etwa 10 Jahre jünger als er) verheiratet ist und mit ihr zwei Kinder hat. Dick widersetzt sich Rosemarys halb unschuldigen Verführungskünsten, bis er ihnen schließlich doch erliegt. Man befindet sich mit anderen amerikanischen und britischen "Expatriates" im Jahr 1925 an der französischen Riviera, man ist wohlhabend und aus guter Familie, gute Manieren verstehen sich von selbst. Die Neugierde wächst, was es eigentlich mit Dick und Nicole auf sich hat, aber erst in Buch 2 wird die Vorgeschichte ihrer Beziehung nachgeholt: Nicole stammt aus einer immens reichen Familie von der amerikanischen Ostküste und leidet wegen schrecklicher Erlebnisse in dieser Familie unter schizophrenen Schüben. Dick hat zunächst professionell mit ihr zu tun, dann wird die Beziehung persönlich, er heiratet sie. Allerdings bleibt die Ehe immer labil, denn Nicole wird abhängig von Dick, deutet sich und die Welt durch ihn, und er kommt aus seiner Verantwortung für sie nicht mehr heraus. Noch dazu wird er von ihrem Geld und ihrer Familie abhängig, denn er hat inzwischen mit einem Partner in Zürich eine psychiatrische Klinik aufgemacht. Der Rest des Romans handelt von Dicks allmählichem physischem und moralischem Verfall: Weil Nicoles Rückfälle zunehmen, zieht er sich mehr und mehr ins innere Exil zurück, streitet sich, fällt aus der Rolle, trinkt. Dann fährt er Rosemary nach, während Nicole sich mit einem anderen Mann einlässt. Die Stationen sind immer die, die in den Zwanzigern angesagt waren: außer der Riviera (Cannes, Monte Carlo) Paris, Rom, Genf, Zürich, die Schweizer Skiparadiese...
Wer nun glaubt, er bekomme eine glamouröse Geschichte vorgesetzt, die ihn in eine mondäne Scheinwelt entführt, wird enttäuscht. Dies ist ein ausgesprochen realistischer Roman, indem die Beziehungen immer im Zusammenhang mit dem alltäglichen, gesellschaftlichen oder mit Dicks beruflichem Leben gesehen werden. Dadurch und weil die Ereignisse sehr objektiv geschildert werden, bekommt die Geschichte etwas unbedingt Glaubwürdiges - der Zusammenhang mit Fitzgeralds eigenem Lebensmaterial liegt darüber hinaus auf der Hand. Wir haben es bei dem Protagonisten mit einem verantwortungsvollen Menschen zu tun, der sich seinen vielfältigen Verpflichtungen nicht in leichtfertiger Weise entzieht, und umso tragischer mutet es an, dass er gerade auf Grund dieser lobenswerten Veranlagung seinen psychischen Niedergang erlebt. Der auktoriale Erzähler, der manchmal auch zu deutlich aus der Perspektive des Analytikers Dick zu uns spricht, zeigt eine profunde Weltklugheit und Menschenkenntnis, die einen geradezu an Shakespeare erinnern, ebenso wie die anscheinend unentrinnbar sich abspielende Handlung. Eine weitere Funktion dieser realistischen Szenen: Sie drücken oft in suggestiver Weise die Gestimmtheit der Personen aus. Als Dick sich z.B. innerlich mehr und mehr von Nicole (und Rosemary) entfernt, folgen Beschreibungen davon, wie er sich betrinkt und mit italienischen Taxifahrern prügelt, oder später, wie er die besseren Leute seines Bekanntenkreises brüskiert oder sich lächerlich macht.- Das Buch ist sehr anschaulich und lebendig geschrieben, oft poetisch, manchmal auch komisch, es entführt nicht in eine Scheinwelt, wohl aber in eine Gegenwelt, in der unsere moderne moralische Orientierungslosigkeit zwar vorgeformt ist, die aber gleichwohl noch sehr verschieden von unserer Welt ist.