Er schaute auf das Meer hinaus, wo das Schimmern der Wellen mit dem Horizont in einer Explosion von Licht verschmolz, als würden Diamanten zu einem schmalen Band zermahlen, das sich zu beiden Seiten so weit erstreckte, wie das Auge reichte.
Schön, nicht wahr? Aber Vorsicht - dieser Satz stammt aus einer Kurzgeschichte, die in "Zähne und Klauen" enthalten ist. Solche Sätze, zart wie flamingofarbene Wölkchen am Abendhimmel, ersinnt Boyle in seiner Sprachgewalt nur, um darin die Hand mit dem rasiermesserscharfen Messer zur Selbstverstümmelung zu verstecken. "Warum seid ihr so schlecht zu euch selbst?", möchte man den Typen zurufen, die diesen Band bevölkern. "Reißt euch doch zusammen!" Tun sie aber nicht. Unbeirrbar gehen die Jungs - meistens sind es Jungs, die sich als Männer getarnt haben - in ihr Verderben, als ob es die einzige Option wäre, die sie in Betracht ziehen können. Oft ist Alkohol im Spiel, manchmal auch Drogen oder Obsessionen, die mindestens die bürgerliche Existenz kosten. Raymond erfährt das auf brutale Weise in der Story "Hier kommt"; sein Absturz dauert nicht viel länger als eine Achterbahnfahrt. Manchmal ist es auch die unbarmherzige Natur, die mit gefährlichen Kreaturen oder Naturkatastrophen das Leben zur Hölle verdammt. Jackson muss das erfahren, der in dem als Ideal entworfenen Ort Jubilation in Florida eigentlich nur eine ruhige Kugel schieben, einen Drink auf der Veranda nehmen und nach den Mädchen schauen will. Frauen. Auch eine gute Möglichkeit, um zu scheitern. Wie der Junge in der Titelgeschichte, der sich von einer exotischen Monsterkatze lieber sein Schlafzimmer und, wenn es sein muss, auch sich selbst in Fetzen reißen lässt, als sich eine Blöße vor dem Mädchen zu geben, in das er verliebt ist. Sie aber nicht in ihn.
14 katastrophale Geschichten sind in diesem Band versammelt und zeugen von der großen Bandbreite des Könnens und Wissens von T.C. Boyle. Mit großer sprachlicher Leichtigkeit spielt er mit einem immensen Wortschatz und einer Themen- und Gedankenvielfalt, die seinesgleichen suchen. 13 dieser Geschichten sind in unserer Zeit verankert, die vorletzte "Die Unwägbarkeit des Wassers: Madam Knights Reise nach New York, 1702" führt uns drastisch die Mühsal des Reisens in einer längst vergangenen Epoche vor, als New York noch ein kleines Städtchen war, wenn auch kein beschauliches. So sehr sich Madam Knight über die Ankunft in der Stadt freut, über die zu erwartenden Bequemlichkeiten der Zivilisation, die sie wieder hat, genauso stark bleibt doch der Knoten im Magen, in dem die Gewissheit ruht, irgendwann auf dem gleichen Weg zurückkehren und sich wieder schinden zu müssen.
Tom Coraghessan Boyle nimmt uns in diesem Band wieder einmal auf den mächtigen Schwingen seiner Phantasie mit in das Leben anderer Menschen. Tauschen möchte man nicht mit denen, aber über sie lesen ist ein böses Vergnügen.
Helga Kurz