Aus der Amazon.de-Redaktion
In der Titelgeschichte von Zähne und Klauen ist dieses Etwas ein Raubtier im Käfig, das ein Unbekannter neben dem Ich-Erzähler auf die Theke hievt -- und dann für immer verschwindet. Der Erzähler nimmt das wilde Tier mit nach Hause: auch, weil die hübsche Bedienung der Bar das irgendwie von ihm verlangt. Aber das Mädchen ist vergeben, das Raubtier verwüstet allmählich die Wohnung, selbst die letzte Rückzugsbastion des Helden ist so bald für immer zerstört. Vielleicht ist die Raubkatze längst aus seinem Zimmer ausgebrochen, als der Ich-Erzähler eines Tages von einer Sauftour wieder nach Hause kommt. Eigentlich sollte er die Wohnung meiden. Aber er tritt ein. Und dann -- ich weiß nicht, warum -- schloss ich die Tür hinter mir.
T.C. Boyle ist -- gemeinsam mit Haruki Murakami natürlich! -- unzweifelhaft der Größte. Irgendwie schafft es der 1948 geborene Schriftsteller nicht, einen Satz zu schreiben, der langweilig, uninspiriert oder dumm klingen würde (auch wenn ihm das im Roman Ein Freund der Erde oder der Erzählsammlung Schluss mit cool von 2001 mehrmals fast gelungen wäre). Auch in Zähne und Klauen macht er wieder alles richtig. Da gibt es kein falsches Wort, keine plumpe Wendung. Und selbst da, wo es plump und platt zu werden droht wie in der Erzählung über den vermeintlichen Umfalltod einer pubertierenden Tochter, der mit der Katastrophe eines Asteroideneinschlags auf Yucatán vor fünfundsechzig Millionen Jahren kombiniert wird, kratzt Boyle am Schluss doch noch die Kurve und präsentiert ein Ende, das wie eine Bombe alle Illusion zerschlägt. Besser kann man eigentlich nicht schreiben.
Wenn man nicht gerade zu Ein Freund der Erde oder Schluss mit cool greift, kann man eigentlich jedes der Boyleschen Bücher lesen. Auch Zähne und Klauen ist wieder ein Meisterwerk, in dem das Banale, Nebensächliche ins leise Tragische, melancholisch Traurige abgleitet. Große Literatur, wie immer. -- Thomas Köster, Literaturanzeiger.de -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
kulturnews.de
Pressestimmen
»14 grandiose Genre-Leckerbissen mit hoch konzentriertem T.C.-Gehalt. Boyle tanzt mit der beseelten Sicherheit eines Schlafwandlers über die Schnittgerade von Fantasie und Realität. […] Das ist große Literatur im kleinen Format.«
Kronen-Zeitung, Wien Nr. 4/2010
»Brillant und äußerst humorvoll erzählt.«
Zahnärztekammer Niedersachsen 12/2010
Kurzbeschreibung
Ein junger Mann nimmt eine afrikanische Raubkatze zu sich nach Hause, um ein Mädchen zu beeindrucken, und schon bald tobt sich in seinem Schlafzimmer die Natur aus. Eine Frau – des faden Vorstadtlebens mit Mann und Gärtchen überdrüssig – tut sich nachts mit streunenden Hunden zusammen. Sie bleibt nicht lange allein ...
Über den Autor
T. Coraghessan Boyle, geboren 1948 in Peekskill, New York, unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles. Für seinen Roman ›World's End‹ erhielt er 1987 den PEN/Faulkner-Preis. Als Enfant terrible der amerikanischen Gegenwartskultur wurde T. C. Boyle zum Pop- und Literaturstar seiner Generation.
Auszug aus Zähne und Klauen von T. C. Boyle, Annette Grube, Dirk van Gunsteren. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Himmel, was willst du mit dem Tier machen?« Chris war hinter der Bar hervorgekommen, stand neben mir und blickte ehrfürchtig drein.
Ich sagte, dass ich es nicht wüsste. Dass ich nicht vorgehabt hätte, eine Wildkatze zu halten, dass ich bis vor fünf Minuten nicht einmal gewusst hätte, dass es so etwas gab - Servale.
»Lebst du hier in der Gegend?«
»Bayview Apartments.«
»Sind dort Haustiere erlaubt?«
Ich hatte nie darüber nachgedacht, aber sie waren erlaubt, es musste so sein - der Mann neben mir hatte zwei japsende kleine Hunde mit Schleifen im Haar, und die Frau am anderen Ende des Flurs hatte einen Dobermann, dessen Krallen jedes Mal, wenn sie kam oder ging, was sie ungefähr hundertmal am Tag zu tun schien, über das Linoleum kratzten. Aber das hier war etwas anderes. Das war etwas, was die Paramenter des Standardmietvertrags sprengte. »Ja«, sagte ich, »ich glaube schon.«
Wo die Tür des Käfigs eingehängt war, gab es den einzigen Spalt, der breit genug war, um ein Ei durchzuschieben, ohne die Schale zu zerdrücken, und Daria, die noch immer gurrte, rollte das erste Ei, dann das zweite durch die Öffnung. Einen Augenblick lang geschah nichts. Dann veränderte die Katze, die sich gegen den Maschendraht drückte, kaum merklich die Position und nahm das erste Ei ins Maul - zwei Zähne, spitz wie Spritzen, ein Knirschen und dann das leise Raspeln der Zunge.
Daria stand auf und trat mit einem Ausdruck der Verwunderung zu mir. »Unternimm nichts, bis meine Schicht zu Ende ist, okay?« sagte sie und griff in ihrem Eifer nach meinem Arm. »Um neun habe ich Schluss, also warte, okay?«
»Ja«, sagte ich. »Klar.«
»Wir können ihn fürs erste hinten in den Lagerraum stellen, und dann können wir ihn mit meinem Pick-up ...«
Ich hatte nicht die Muße, um darüber nachzudenken, wie kompliziert plötzlich alles geworden war, und selbst wenn - ich hätte mich nicht anders verhalten. Ich nickte nur, schaute in ihre runden Augen und nickte.
»Es wird sich wohl fühlen«, sagte sie und fügte hinzu: »Wirklich«, als hätte ich ihr widersprochen. »Ich muss jetzt wieder arbeiten, aber du wartest, okay? Du rührst dich nicht von der Stelle.« Chris sah uns zu. Der Manager sah zu. Die Stammgäste und die Hälfte der anderen Gäste reckten die Hälse. Daria strich ihre Schürze glatt, fuhr sich übers Haar. »Wie war doch gleich dein Name?«
Ich hatte also eine Katze. Und eine Freundin. Wir hievten den Käfig auf die Ladefläche ihres roten Toyota Pick-up, warfen eine Plane darüber, damit das Tier nicht nass wurde, und fuhren zu Von's, wo ich Daria dabei zusah, wie sie die Gänge entlangging, Katzenstreu und das größte Katzenklo aussuchte (wir entschieden uns für eine Abwaschschüssel aus hartem blauem Plastik, die so gut wie unzerstörbar schien), und dann marschierten wir in die Fleischabteilung. »Ich habe nur zehn Dollar«, sagte ich.
Sie bedachte mich mit einem vernichtenden Blick. »Das Tier muss fressen«, teilte sie mir mit und langte an ihren Hinterkopf, um das Band um ihren Pferdeschwanz abzuziehen, so dass ihr das Haar glänzend über die Schultern fiel, ein Sturm aus Haaren, fließend und locker, die Spitzen glitten über ihren Rücken wie Flüssigkeit in Bewegung. Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. »Aber du hast doch eine Kreditkarte, oder?«
Zehn Minuten später dirigierte ich sie zu meinem Wohnblock, wo sie neben dem Mustang parkte, den ich geerbt hatte, als mein Vater starb, dann gingen wir die Außentreppe hinauf und den Laubengang entlang zu meiner Wohnung im ersten Stock. »Sorry«, sagte ich, öffnete die Tür und drückte auf den Lichtschalter, »aber ich bin leider keine gute Hausfrau.« Ich wollte hinzufügen, dass ich auch nicht mit Besuch gerechnet und deswegen nicht aufgeräumt hatte, aber Daria trat einfach ein, räumte Platz auf der Küchentheke frei und stellte die Einkaufstüten ab. Ich betrachtete ihre Schultern, als sie in die Tiefen einer Tüte nach der anderen griff und Hühnerteile und Ribeyesteaks (heruntergesetzt für den schnellen Verkauf) im Wert von vierzig Dollar herausholte.
»Okay«, sagte sie und drehte sich zu mir um, nachdem sie alles im Kühlschrank verstaut hatte, »wohin mit der Katze? Ich glaube nicht, dass wir sie noch lange draußen auf dem Wagen lassen sollten, oder? Katzen mögen keinen Regen, das weiß ich - ich habe zwei. Eins ist noch ein Kätzchen.« Sie stand auf der anderen Seite der Küchentheke, ein Durcheinander verkrusteter Teller und Gläser, in denen unterschiedliche Kolonien Schimmel wuchsen, trennte uns. »Du hast doch ein Schlafzimmer, oder?«
Hatte ich. Aber wenn mir schon der Zustand der Küche und des Wohnzimmers peinlich war - es war mein erster Versuch, allein zu leben, und das Bedürfnis nach Ordnung war mir nicht wirklich wichtig gewesen -, so erschien mir der Zustand des Schlafzimmers, mit dem Chaos schmutziger Kleidung und Bettwäsche, den stinkenden Arbeitsschuhen und der Reisetasche, aus der ich bislang lebte, höchst bedenklich. Hier stand diese wunderschöne Erscheinung in der Küche, die einzige Person außer meiner Tante, die jemals über die Schwelle meiner Wohnung getreten war, und jetzt sollte sie die traurige einsame Unordnung im Herzen meines Lebens entdecken. »Ja«, sagte ich, »die Tür dort, links neben dem Bad«, aber sie war bereits im Schlafzimmer, schob Sachen beiseite, ein konzentriertes Stirnrunzeln zwischen den Augen.
»Du wirst hier ausräumen müssen«, sagte sie. »Das Bett, alles. Deine Sachen.«
Ich stand in der Tür und sah ihr zu. »Wie meinst du das, »ausräumen«?«
Sie hob den Kopf. »Du glaubst doch nicht etwa, dass das Tier im Käfig bleiben kann, oder? Es kann sich da drin kaum umdrehen. Und es ist einfach grausam.« Sie sah mich wieder mit diesem Blick an, dann stemmte sie die Hände in die Hüften. »Ich helfe dir«, sagte sie. »Es wird keine zehn Minuten dauern ...«
Dann mühten wir uns zu zweit mit dem sperrigen Käfig die Treppe hinauf. Die Plane lag noch fest verknotet darüber, sowohl um den Regen abzuhalten als auch um ihn vor Nachbarn zu verstecken, die zufällig vorbeikommen mochten, und obwohl wir ihn auf der Treppe schräg halten mussten, gab das Tier keinen Laut von sich. Den Käfig durch die Tür zu bringen war ein kleines Problem - die Katze schien sich in lautlosem Protest schwer zu machen -, aber wir schafften es, dann manövrierten wir ihn ins Schlafzimmer und setzten ihn mitten auf dem Teppich ab. Daria hatte in der Ecke auf mehreren Lagen Zeitungen bereits das Katzenklo aufgestellt, und sie hatte meinen größten Kochtopf mit Wasser gefüllt und neben der Tür positioniert, wo ich ihn leicht erreichen konnte. »Okay«, sagte sie und sah mich zufrieden an, »Zeit für die Entschleierung«, und sie beugte sich vor, um die Plane zu lösen.
Das Deckenlicht strahlte hell, die Plane glitt vom Käfig und zu Boden, und da war die Katze, mit angezogenen Gliedmaßen gegen den Draht gedrückt, die gelben Augen musterten uns. »Liebes Kätzchen«, gurrte Daria. »Will es aus dem schrecklichen Käfig raus? Hmm? Und Fleisch - will es Fleisch?«
Bislang hatte ich wie benommen alles mitgemacht, aber jetzt wurde es problematisch. Wer wusste, was das Tier tun würde, was für Gewohnheiten, Bedürfnisse es hatte? »Wie sollen wir ...«, setzte ich an und ließ den Rest unausgesprochen. Das Deckenlicht brannte auf mich herunter, und der Alkohol flüsterte in meinem Blut. »Du erinnerst dich doch noch, was der Typ über das Füttern gesagt hat, oder?« In meinem Hinterkopf lauerte der Schimmer einer weiteren Komplikation: Wenn es einmal aus dem Käfig wäre, wie sollten wir - wie sollte ich - es jemals wieder hineinbringen?
Zum ersten Mal blickte Daria zweifelnd drein. »Wir müssen schnell sein«, sagte sie.
Und das waren wir. Daria stand an der Schlafzimmertür, bereit sie zuzuknallen, während ich mich mit klopfendem Herzen vorneigte und den Riegel am Käfig zurückschob. Damals war ich geschmeidig - dreiundzwanzig Jahre alt und mit ausgezeichneten Reflexen trotz der vier oder fünf Jack-mit-Cokes, die ich im Lauf des Abends geschluckt hatte -, und ich sprang zur Tür, kaum war der Riegel zurückgeschoben. Erregung erfüllte mich. Und auch die Katze, weil sie beim ersten Klicken des Riegels zum Leben erwachte, als hätte sie ein Stromschlag getroffen. Ein Kreischen zerriss das Zimmer, die Käfigtür flog auf, und das Tier sprang verwischt durch die Luft und knallte gegen das billige Sperrholz der Schlafzimmertür, als Daria und ich sie gerade geschlossen hatten.
Am Morgen (sie schlief auf der Couch, zusammengerollt wie ein Fötus, und schnarchte leise; ich lag ausgestreckt auf der Matratze aus dem Schlafzimmer, die wir unter dem Fernseher an die Wand geschoben hatten) sah ich mich mit mehreren Problemen konfrontiert. Ich war vor ihr erwacht, aus einem traumlosen Schlaf gerissen von einem Bewusstseinsblitz, und eine ganze Weile lag ich bloß da und sah sie an. Ich hätte sie den ganzen Morgen betrachten können, fasziniert von ihrer Anwesenheit, ihrem Haar, ihrem entspannten Gesicht, wenn die Katze nicht gewesen wäre. Sie war nicht zu hören, und sie stanknicht,noch nicht,aberihre Existenzteiltesich mir dennoch mit - sie war da, und ich spürte sie. Ich musste sie füttern, und nach der Episode vom vergangenen Abend erforderte das einen Plan und Vorbereitungen, und ich musste auch Daria etwas anbieten, schon allein damit sie noch etwas länger blieb. Eier, ich könnte Rühreier machen, aber ich hatte keinen Toast, keine Milch, keinen Zucker für den Kaffee. Und sie würde sich im Bad waschen wollen - Frauen wuschen sich morgens, dessen war ich ziemlich sicher. Ich dachte an die ordentlich zusammengelegten, farblich aufeinander abgestimmten kleinen Handtücher im Gästebad meiner Tante und stellte sie dem Bild des schlampigen Lumpens gegenüber, der als Haufen irgendwo in meinem Badezimmer auf dem Boden lag. Vielleicht sollte ich Muffins oder Bagels holen gehen, dachte ich - und ein neues Handtuch. Aber verkauften sie Handtücher bei 7-Eleven? Ich hatte keine Ahnung.
Wir waren lange aufgeblieben, hatten gemeinsam den letzten heißen Kakao aus der Folienpackung getrunken und über die Katze gesprochen, die uns hier auf meiner schmierigen Couch in meinem halbdunklen Wohnzimmer zusammengeführt hatte, und dann allgemein über unser Leben und unsere Gedanken und Hoffnungen und Ambitionen. Ich erfuhr von ihrer Mutter, ihren beiden Schwestern, den Seminaren, die sie an der Universität belegt hatte. Sie erzählte von Daggett's, den Stammgästen, den Trinkgeldern - oder ihrem Ausbleiben. Und von ihrem Traum vom eigenen Restaurant. Er war erstaunlich detailliert, bis zu der geplanten Anzahl der Tische, dem Geschirr, dem Besteck und den Bildern an den Wänden, der Dekoration und der Kundschaft - »Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, Leute, die Karriere machen, keine Jugendlichen« - und einem Dutzend oder mehr Gerichten, auf die sie sich spezialisieren würde. Meine Pläne waren bescheidener. Ich erzählte, dass ich das städtische College ohne besondere Ziele oder Interessen hinter mich gebracht hatte, dass ich für einen Freund meiner Tante und meines Onkels Fliesen legte; dass ich hoffte, die Küste hinauf nach Oregon zu fahren. Ich hatte eine Menge über Oregon gehört, sagte ich. Sehr sauber. Sehr natürlich dort oben. War sie schon mal in Oregon gewesen? Nein, aber sie würde es gern sehen. Ich erinnere mich, dass ich ihr riet, ihr Restaurant dort oben aufzumachen, irgendwo am Wasser, wo die Leute hinausschauen und die Aussicht genießen könnten. »Ja«, sagte sie, »ja, das wäre cool«, und dann gähnte sie und ließ den Kopf auf das Kissen sinken.
Ich wollte gerade aufstehen und ins Bad gehen, um nachzusehen, was ich mit dem Handtuch machen könnte, ich dachte vage daran, Rasierwasser daraufzuspritzen, um mögliche offensive Gerüche zu übertönen, als sie die Augen aufschlug. Sie sagte weder meinen Namen noch wunderte sie sich, wo sie war, noch wollte sie Frühstück oder ins Bad. Sie sagte nur: »Wir müssen die Katze füttern.«
»Möchtest du keinen Kaffee oder irgendwas - Frühstück? Ich kann Frühstück machen.«
Sie warf die Decke ab, und ich sah, dass ihre Beine nackt waren - sie trug das T-Shirt von Daggett's über einem glänzenden schwarzen Slip; ihre Joggingschuhe, Socken und Shorts lagen auf einem Haufen auf dem Teppich. »Gut«, sagte sie, »Kaffee klingt gut.« Dann fuhr sie sich mit beiden Händen seitlich durchs Haar und ließ es nach vorne fallen, so dass es ihr Gesicht bedeckte. So saß sie einen Augenblick da, bevor sie sich vorneigte, um eine Haarspange aus ihrer Tasche zu holen, sich zurücklehnte und das Haar in einem Pferdeschwanz zusammenfasste. »Aber ich mache mir Sorgen um die Katze, die neue Umgebung und alles. Das arme Tier - wir hätten es gestern abend füttern sollen.«
Vielleicht. Und ich wollte ihr bestimmt nicht widersprechen - ich wollte freundlich und charmant sein, ich wollte mich auf jede nur erdenkliche Art und Weise einschmeicheln -, aber in dem Moment, als wir das Tier aus dem Käfig gelassen hatten, waren wir beide so entsetzt über seine Gewalt, dass sich keiner von uns der Herausforderung gewachsen sah, die der Versuch darstellte, es zu füttern. Der Versuch, es zu füttern, bedeutete, dass wir die Tür wieder öffnen mussten, und das erforderte Planung und Einsatz. »Ja«, sagte ich. »Das hätten wir tun sollen. Und das werden wir, das werden wir, aber Kaffee, zuerst Kaffee - möchtest du eine Tasse? Ich kann dir eine Tasse machen.«
Wir tranken also Kaffee und aßen die Erdbeer-Pop-Tarts, die ich im Schränkchen über der Spüle gefunden hatte, und machten Small Talk, als würden wir schon hundert Morgen in Folge zusammen erwachen, und es war so ruhig und häuslich und richtig, dass ich wünschte, es würde nie enden. Wir sprachen über Jobs und wann sie am Nachmittag anfangen müsste, als sie die Stirn runzelte, mich scharf anblickte und sagte: »Ich wünschte, ich könnte zusehen. Wenn wir sie füttern. Kannst du nicht ein kleines Guckloch in die Tür machen?«
Ich war dankbar für die Ablenkung, ungeachtet der Kaution. Und die Vorstellung gefiel mir: Wir könnten sehen, was das Ding - mein Haustier - trieb, und wenn wir es beobachten konnten, dann wäre es nicht mehr so unnahbar und geheimnisvoll. Ich musste es schließlich kennenlernen, ihm irgendwann einen Namen geben, es zähmen, es vielleicht sogar an der Leine ausführen. Ich sah kurz vor mir, wie ich den Gehsteig entlangschlenderte, dieses Es mit Krallen neben mir, die Leute drehten sich nach mir um, die Gewichtheber mit ihren Dobermännern und Rottweilern ausgestochen, und ich holte meine Bohrmaschine unter der Küchenspüle hervor und bohrte ein sauberes Loch, ungefähr zwei Zentimeter im Durchmesser, in die Schlafzimmertür. Kaum war ich fertig, spähte Daria hindurch.
»Und?«
»Das arme Tier. Er tigert hin und her wie ein Tier im Zoo.«
Sie trat zur Seite und ergriff meinen Arm, als ich mein Auge gegen das Loch drückte. Die Katze floss wie geschmolzenes Eisenerz von einer Ecke des Zimmers in die andere, ihre gelben Augen fixierten die Tür, das falbe, leicht gefleckte Fell über den zitternden Muskeln gespannt wie Spandex. Ich sah, dass das Katzenklo umgestürzt und die blaue Schüssel aus Hartplastik zu Stückchen zerkaut war, und ich fragte mich, wo das Ding sein Geschäft erledigen würde, wenn nicht auf dem Katzenklo. »Er hat das Katzenklo umgeworfen«, sagte ich.
Sie hielt noch immer meinen Arm fest. »Ich weiß.«
»Er hat es zerkaut.«
»Metall. Wir brauchen eins aus Metall, einen Trog oder so.«
Ich wandte mich vom Guckloch ab und ihr zu. »Aber wie soll ich es saubermachen - muss man es nicht saubermachen?«
Ihre Augen funkelten. »Ach, er wird sich beruhigen. Er ist nur ein großes Kätzchen, mehr nicht« - und dann, an die Katze gewandt, mit einem sirupartigen Gurren: »Nicht wahr, Kätzchen?« Als nächstes ging sie zum Kühlschrank und holte ein Steak heraus, gut eineinhalb Pfund Fleisch. »Zieh den Handschuh an«, sagte sie, »und ich stehe an der Tür bereit, während du ihn fütterst.«
»Was ist mit dem Blut - wird das Blut nicht auf den Teppich tropfen?« Der Handschuh roch nach Sattelseife und war auf der ganzen Länge zerkratzt und zerbissen; er passte mir, als wäre er maßgefertigt.
»Ich drücke das Blut mit Küchenpapier raus - hier, schau«, sagte sie, tupfte das Fleisch in der Spüle ab und steckte es auf eine Gabel. Ich nahm die Gabel, und gemeinsam gingen wir zur Schlafzimmertür.
Ich weiß nicht, ob die Katze das Blut roch oder ob sie uns an der Tür hörte, aber kaum hatte ich den Knauf gedreht, war sie da. Ich zählte bis drei, riss die Tür gerade so weit auf, dass ich den Arm und das von der Gabel baumelnde Fleisch hineinstecken konnte, während die Katze gegen den Türrahmen krachte und das Fleisch verschwand.
Wir schlugen die Tür zu - Darias Gesicht war gerötet, und sie schien zu kichern oder nach Luft zu schnappen -, und dann wechselten wir uns ab und beobachteten, wie das Tier das Steak kreuz und quer über den Teppich zerrte, als müsste es erst noch getötet werden. Als es aufgefressen hatte, war überall Blut, sogar an der Decke. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .