Bleibt der Autor in seinem ersten Reisebericht 'Americana' noch weitgehend journalistisch distanziert, widmet er sich den Menschen auf dieser Reise deutlich stärker. Dem oberflächlichen Betrachter scheint es vielleicht, als 'ernte' Rohrbach hier fremde Geschichten, bei genauem Hinsehen wird er aber zu einem Sprachrohr der indigenen Bewohner des Yukon und ihrer nachhaltigen Lebensweise, die sie immernoch erhalten oder gerade wiederentdecken. Sein Anliegen an diesem Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Wie die dazu passende Life-Reportage vemitttelt es, dass hier auch etwas zurückgegeben werden soll, letztendlich auch direkt den Menschen am Yukon.
Der Autor sucht auf seiner Reise regelmäßig die Nähe der Menschen am Fluss, bleibt aber irgendwie immer in respektvoller Entfernung (und beschreibt sogar eine Erklärung dafür...). Insgesamt berichtet er diesmal viel mehr von seinen eigenen Befindlichkeiten, öffnet den Blick nach innen gar ein wenig zu weit, sodass man sich stellenweise ein wenig zu nah auf privates Gebiet gerudert fühlt und stattdessen ein oder zwei mehr der sensiblen Naturschilderungen wünschte. Das Buch lebt jedoch gerade von den Erzählungen über viele besondere Menschen, nicht nur am Fluss. Eine Mischung aus Reisebericht und sehr persönlichem Erlebnisroman, die Rohrbach anreichert mit journalistisch sauber recherchiertem Wissen. Manche Sätze sind so voller Information, dass man sie zweimal lesen muss, andere so mit genussvoller Rhetorik gewürzt, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge zergehen wie ein Lachsfilet. Einen pragmatischen Reiseführer mit Paddeltipps sollte man hier also nicht erwarten.
Melancholie und Sentimentalität scheinen hier die Liebe zum Norden zu prägen, werden aber von feinem Humor und der Achtung vor dem Wunder der Schöpfung vervollständigt. Die Unterschiedlichkeit der beiden empfehlenswerten Bücher lässt erwarten, dass der Autor beim nächsten Mal die 'goldene Mitte' zwischen zu viel und zu wenig 'menschelnder' Nähe trifft. Rohrbachs Stil ist elaboriert, eloquent, extrem reich und kreativ, ein Journalist, der sein Handwerk versteht, Gespür für das 'Wunder Erde' zeigt, Freude am Umgang mit Worten hat und diese zu vermitteln weiß. Das Buch macht Lust auf mehr - eigene Reisen, wie solche Berichte.
...ODER (wie schon einmal an dieser Stelle gesagt, bevor die Rezension dem zwischenjährlichen 'New Year's Cleanse' zum Opfer fiel, nun aber, dank 'Skydrive' wieder auftauchte ;-) ...):
Wer Freude an einem reichhaltigen, empathischen und ehrlichen Schreibstil voll feinstem Humor, und mit einer Prise rotziger Frechheit hat, ...
...wer einen inspirierenden, mit überraschenden (historischen, kulinarischen und musikalischen...) Details und Querverweisen aufwartenden, klaren Umgang mit komplexen Sachverhalten liebt und eine beinahe genießerische Rethorik zu schätzen weiß, ...
...wer riskiert, unwillkommene Fügungen anzunehmen, die einem eine Reise in den Schoß wirft und es wagt immer wieder neue Begegnungen mit fremden Menschen zu suchen, auch wenn diese sich nicht immer einfach gestalten, ...
...wer den Mut aufbringt, sich sowohl der manchmal verstörend schönen Macht als auch den plagenden oder bedrohlichen Widrigkeiten der Natur zu stellen, aber weiß, dass die eigentliche Herausforderung darin liegt, sich selbst zu begegnen, ...
...wer davon träumt, allein unterwegs zu sein, auch wenn man dafür in Kauf nimmt, nicht alle Momente (gute wie schlechte...) teilen zu können, ...
...wer das Geschenk der Natur auch an einem verregneten, kalten Tag zu erkennen vermag und nicht nur Bilderbuchmomente von einem authentischen Reisebericht erwartet und es mag, wenn die Menschen auch selbst zu Wort kommen, von denen die Rede ist, .....
......der sollte dieses Buch lesen und sich davon inspiriert alsbald selber auf die Reisesocken machen ! ...nicht nur mit dem Finger auf der im Buch enthaltenen Landkarte... ;-)