Der 15jährige Ned Marriner begleitet seinen Vater, einen berühmten Fotografen, in die Provence, wo dieser die Schönheiten der Region für einen Bildband einfangen will. Gelangweilt betritt Ned die Kathedrale von Aix und hat dort eine schicksalshafte Begegnung mit einem mysteriösen Fremden, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Der Fremde warnt ihn, sich herauszuhalten, um nicht in etwas hineingezogen zu werden, was ihn nichts angeht. Doch als eine Freundin Neds im Zuge der unfassbaren Ereignisse verschwindet, wird die Sache persönlich. Ned hat überhaupt keine andere Wahl, als sich einzumischen - in eine uralte Geschichte gewoben aus Hass, Liebe und Tod.
Anfangs war ich etwas enttäuscht, als ich erfahren habe, dass Kay diesmal in unserer Welt bleibt, statt erneut eine Fantasiewelt nach dem Vorbild unserer Geschichte zu erschaffen, wie er das in seinen letzten Romanen so exzellent gemacht hat. Doch hat sich sehr schnell gezeigt, dass dazu kein Grund besteht, denn Kay ist und bleibt der Meister der Kombination von Fantasy und Geschichte. Dies ist hier auf komplett andere Weise als üblich vollbracht, aber gerade deswegen besonders faszinierend, da es ein ganz neuer Zugang ist. Das spiegelt sich auch schön in der verwendeten Sprache wieder, da es zwar der übliche wunderschöne Stil ist, aber elegant kombiniert mit der modernen Sprache unserer Zeit, vor allem der Sprache der Jugend.
Ned Marriner, der jugendliche Held, ist ein liebenswerter Charakter, der eine interessante Wandlung in diesem Buch durchmacht. Doch durchkämpft er dieses mystische Abenteuer nicht ganz alleine oder mit seiner amerikanischen Freundin, wie man anhand des Klappentextes erwarten könnte. Er hat von Anfang an die Unterstützung der Erwachsenen seines Umfelds, die allesamt schön zusammenarbeiten für das gemeinsame Ziel. Hier hat Kay auch eine nette Überraschung für treue Fans eingebaut, das Wiedersehen mit lieben alten Freunden.
"Ysabel" ist ein erstklassiges Buch und eine leuchtende Ausnahme in der Masse der aktuellen Fantasyliteratur. Doch wer hätte anderes erwarten können, da es doch von Guy Gavriel Kay geschrieben ist?