Ian Hunter's Alben waren bis zu diesem Zeitpunkt immer nur ein halbes Vergnügen, denn am stärksten war er, wenn er losgerockt hat. Seine Balladen waren meist schaurig. Das war auch übrigens bei seiner Band "Mott The Hoople" so, was nicht weiter verwunderlich ist, denn Hunter war ja für einen großen Teil für deren Musik verantwortlich. Richtig gute Balladen waren dünn gesät: "I Wish I Was Your Mother" war eine und vor allem das grandiose "Saturday Gigs". Bei seinen Soloalben machte er da munter weiter. Besonders bei "Overnight Angels" war das besonders auffällig. Die Hälfte waren Rocker, allesamt erstklassig und die zweite Hälfte waren Balladen, allesamt Schrott.
Bei "You're Never Alone With A Schizoprenic" stimmt aber alles. Balladen gibt es vier: "Ships", "When The Daylights Comes", "Standing In My Light" und "The Outsider", wobei ich mich bei den ersten dreien nie entscheiden kann, welches die schönste ist. Die restlichen fünf Songs rocken wie die Sau, mal etwas langsamer ("Bastard"), mal volle Pulle ("Life After Death", mein Lieblingssong der Platte).
Ian Hunter gehörte nie zu den Superstars der Rockwelt. Zur besten Zeit mit Mott The Hoople war er mal nah dran, aber solo konnte er sich die Charts meistens nur von unten ansehen. Das lag vermutlich daran, dass er sämtlichen musikalischen Moden aus dem Weg gegangen ist (bis auf einmal, bei der Platte "All Of The Good Ones Are Taken", wo er Synthies einsetzte. Das Ergebnis war einer seiner schlechtesten Platten) und konsequent seinen eigenen Stil durchzog. Ian Hunter ist ebenso ein überdurchschnittlich intelligenter Mensch, was sich in seinen Texten niederschlägt. Zu Zeiten von Mott The Hoople veröffentlichte er außerdem das Büchlein "Diary Of A Rock'n'Roll Star", das heute vergriffen ist und das ich auch leider nie zu lesen bekam, es wurde aber von der Fachkritik hochgelobt.
Was mir an Ian Hunter immer gefallen hat, ist, dass seine Musik auch in den schlechtesten Momenten nie unangenehm war. Er vermittelt so etwas wie Ehrlichkeit in der Musik. Da ist nichts gekünstelt oder draufgepappt. Hunter ist immer Hunter.
Zurück zur Platte: Die Nummer "Cleveland Rocks" ist eine Wiederaufbereitung seines eigenen Songs "England Rocks", den man unbedingt haben sollte. Man bekommt ihn aber nur auf einer CD-Version von "Overnight Angels" als Bonustrack. In "Cleveland Rocks" wurde er als Hommage an den amerikanische Discjockey Alan Freed umgeschrieben. Alan Freed hat mit seiner Sendung "The Moondog Show" den Mut gehabt, den Rock'n'Roll populär zu machen und so hören wir als Einleitung zu dem Song auch die Stimme von Freed. "Cleveland Rocks" wurde ein Standard bei Konzerten von Ian Hunter, wobei er dann so Wortspielereien wie "Cleveland Rocks, Boston Rocks, New York Rocks, Disco Sucks" draufhatte.
Nun liegt dieser Meilenstein in der 30Th Anniversary Special Edition vor und das als Doppel-CD. Auf der ersten Seite gibt es noch fünf Bonusstücke, davon sind drei, nämlich "Ships", "When The Daylight Comes" und "Just Another Night" frühe Versionen. Dazu kommt ein Cover von Jerry Lee Lewis "Whola Lotta Shakin' Goin' On" sowie ein gänzlich unbekannter Song "Don't Let Go".
Auf der zweiten Seite gibt es dann einige unveröffentliche Livetracks, von denen ein paar schon auf diversen Bootlegs zu finden waren, hier natürlich in besserer Qualität. Allerdings haben diese Tracks nicht die Power der damaligen Liveplatte "Welcome To The Club" ohne dass das wirklich ein Kritikpunkt wäre, denn sie sind gut gespielt und machen einfach Spaß.
Für Technikfreaks: Die Platte ist sauber remastert, ein Quantensprung ist es allerdings nicht.
Kleiner Hinweis noch: Auch wenn diese Edition an sich wahrscheinlich irgendwann mal ein Sammlerstück werden wird, sollte man versuchen, sich diese erste Auflage zu sichern, denn das Cover hat einen Fehler. Auf Seite 2 gibt es laut Cover fünfzehn Songs, obwohl nur vierzehn drauf sind. Des Rätsels Lösung ist, dass die Nummerierung falsch ist. Nach Song 12 folgt gleich Song 14. Mit Aberglauben kann das nichts zu tun haben, denn auf Seite 1 gibt es einen Song 13.