"The Young Victoria" ist mal wieder so eine Kinoperle, die bei uns mit 2-jähriger Verzögerung - wenn überhaupt - für ein paar Tage in irgendwelchen kleinen Kellerkinos läuft während der Rest der Welt sich schon an der DVD ergötzt, nur um dann relativ unbeachtet wieder in der Versenkung zu verschwinden. Dabei wäre es in höchstem Maße schade wenn diese Prophezeiung hier auch eintrifft, bliebe der Mehrheit doch ein wunderschöner, intelligenter und romantischer Film vorenthalten.
"Young" ist Programm: Der Film zeigt uns die junge Monarchin, junge Liebe, ein junges Zeitalter: Victorias Kindheit ist geprägt von der muffigen Atmosphäre des Kensington Palace, der wankelmütigen Mutter und dem ihr verhaßten, finsteren Sir John Conroy (überragend gespielt von Mark Strong). Die Atmosphäre des ausgehenden 18. Jahrhunderts liegt noch in der Luft; erst mit dem Tod ihres Onkels, des schroffen und ungehobelten "Sailor-King" Wilhelm IV. und ihrer eigenen Thronbesteigung sollte das später vielbeschriebene viktorianische Zeitalter anbrechen. Im ersten Drittel des Films steckt dieses jedoch noch in den Kinderschuhen und Victorias einzige Freunde im dunklen Landhaus in Kent bleiben erst einmal der Spaniel Dash und die Hofdame Baronin Lehzen.
Mit ihrem 18. Lebensjahr und wenig später ihrem Regierungsantritt wird alles anders, und doch ändern sich manche Dinge nicht. Victoria erliegt - platonisch - dem Charme von Premier Lord Melbourne; schwört sich aber auf der anderen Seite, so schnell nicht heiraten zu wollen, um nicht wieder unter das Joch eines Mannes zu geraten. Auf der anderen Seite des Kanals zieht Onkel Leopold von Belgien alle Fäden, um Victoria und seinen Neffen Albert ein für alle Mal unter die Haube und sich selbst in den Gunstbereich englischen Beistands für sein Land zu bringen.
Trotz allen Sträubens verliebt Victoria sich doch in Albert, gibt ihm jedoch zunächst einen Korb. Albert steht traurig im Regen, Victoria fährt die Staatsgeschäfte in den Graben, Onkel Poldi tobt. Hat man sich dann gegen Mitte des Films hin doch endlich vor den Altar begeben, so trifft auch den unbedarften Albert (wunderschön einfühlsam gespielt von Rupert Friend), der mit den besten Intentionen herangeht, schnell der (historisch belegte) königliche Jähzorn seiner gekrönten Gemahlin. "Do I not have the right to have an opinion?", fragt er zögerlich. Die Antwort lautet, of course, "No".
Dankenswerterweise ist man nicht soweit gegangen, das komplette 82 Jahre währende Leben von Englands am längsten regierender Königin in einen Film packen zu wollen. Auch hat man sich erspart, die Ehe von Albert und Victoria bis zu deren frühem Ende auszuleuchten. Der Film heißt "YOUNG Victoria", und demzufolge sieht man auch genau das: den Weg einer jungen Frau zur ersten Liebe, zur starken Regentin, zur geschickten Politikerin.
Dass dabei nicht immer stur an historischen Tatsachen festgehalten wird, mag ein Kritikpunkt sein; tut jedoch dem Film eigentlich keinen Abbruch. Sicherlich ist z.B. das Attentat auf Victoria in Wirklichkeit ohne die heldenhafte Beteiligung Alberts abgelaufen, doch so wie es hier gezeigt wird, ist es doch viel romantischer. Die Zeit geht unterschiedlich mit Geschichte(n) um, es entstehen Anekdoten und Legenden, und es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich einfach von "Young Victoria" begeistern zu lassen - immer mit der Option, hinterher eine Biographie zur Hand zu nehmen und nachzuschlagen, oder aber lieber zu einem historisch genaueren Film oder einer Dokumentation zu greifen.
"Young Victoria" punktet auf vielen Ebenen. Zum einen ist die Darstellerriege durchweg exquisit. Emily Blunt mit ihrer eher herben Hübschheit paßt perfekt als Victoria (die nie eine Schönheit war), während die Ähnlichkeit von Rupert Friend zum jungen Prinz Albert in manchen Szenen geradezu gespenstisch ist und er es wunderbar versteht, den schüchternen, zurückhaltenden, einfühlsamen aber dennoch willensstarken Charakter des Prinzen zu porträtieren. Paul Bettany glänzt als Lord Melbourne -zuegegebenermaßen ein wenig zu jung aussehend- und Thomas Kretschmann geht auf in der Rolle des berechnend planenden, ja fast schon intrigierenden König Leopolds von Belgien. Miranda Richardson, die ewige böse Stiefmutter, darf auch hier wieder zeigen was sie kann; Jim Broadbent brilliert als König William (herrlich die Bankettszene), und auch Julian Glover in der Nebenrolle des Duke of Wellington agiert auf höchstem Niveau. Bis in die kleinsten Nebenrollen hinein hat man auf Ähnlichkeit zu den historischen Personen achtgegeben - und sogar für Prinzessin Beatrice, die Ur-Ur-Ur...-Enkelin Victorias blieb eine kleine Rolle über.
Kostüm-und settechnisch setzt sich das hohe Niveau fort. Herrliche Landschaftsaufnahmen (z.B. Arundel Castle im Südwesten Englands) sowie authentisch wirkende Kostüme versetzen den Zuschauer ohne Weiteres in die Zeit Victorias; während Kamera- und Regiearbeit handwerklich ausgezeichnet, aber nie aufdringlich oder pointiert sind. Einen Pluspunkt gibt es für die Beleuchtung, die den Film in sanfte Farben taucht.
Die DVD wartet zudem noch mit reichhaltigen Extras, z.B. geschnittenen Szenen, Interviews, Making-Ofs etc. auf und hat in einer alternativen Version der Krönungsszene auch einen absoluten Lacher zu bieten.
Der Film bietet eine gelunge Mischung aus ausreichend dramatischen Events und auflockernden humorigen Szenen, die jedoch nicht als platte Lacher daherkommen. Tatsächlich strahlt der ganze Film eine solche Wärme, Ruhe und Behaglichkeit aus, dass man sich am liebsten auf dem Sofa einkuscheln möchte und der Hauptfigur gerne durch jedwede Lebenssituation folgt und zwangsläufig mit ihr mitfiebern muss.
"Young Victoria" besitzt alles, was ein guter Film haben muss: Dramatik, "Action", Romantik und Tiefgang; ist dabei jedoch nicht leicht in ein bestimmtes Klischee (z.B. "Liebesdrama" oder "Kostümfilm") zu pressen. Generell wird der Film vermutlich Frauen eher als Männer ansprechen, jedoch sollten die Herren der Schöpfung beim Schlagwort "romantisch" nicht gleich gequält die Augen rollen und sich geistig gegen eine weitere Liebesschnulze im Jane-Austen-Format wappnen. Eines ist "Young Victoria" nämlich definitiv nicht: Eine langweilige Rosamunde-Pilcher-Geschichte im Gewand des 19. Jahrhunderts.
Es gilt daher: Sich einfach überraschen und von "Young Victoria" verzaubern lassen.