Nachdem Art Spiegelman seine Comic-Fabel über den Holocaust, Maus, veröffentlichte, musste er sich schwere Kritik gefallen lassen. Das Comic-Format werteten viele als eine Trivialisierung des Leides.
Doch Spiegelman gewann den Pulitzerpreis und weltweite Anerkennung durch sein Werk, und heute wissen die Comiczeichner, dass man mit Holocaust-Comics grantiert gutes Geld verdienen kann. Und mittlerweile gibt es kaum mehr einen Bereich der Shoah, der noch nicht abgegrast wurde.
Aus eben diesem Grund missfällt mir Yossel entschieden: Der Zeichner Joe Kubert wurde zwar 1926 in Polen geboren, und ist damit Zeitzeuge, jedoch hatte er das Glück, vor dem Ausbruch des Weltkriegs mit seiner Familie nach Amerika zu emigrieren.
Im Vorwort des Buches erklärt er, er würde mit diesem Werk die Wirklichkeit skizzieren, wie sie geschehen wäre, wenn seine Familie in Polen geblieben wäre.
Kubert ist kein Holocaust-Überlebender und wird auch durch diese Quasi-Aufarbeitung keiner sein: Was qualifiziert ihn dann, einen fiktiven Comic über sich und seine Familie zu schreiben, und damit Ereignisse zu skizzieren, dieer nicht mit eigenen Augen gesehen hat, und die niemals so stattgefunden haben?
Wenn nun jedermann fiktive Werke über den Holocaust abliefern kann, nur weil seine Vorfahren unter Umständen, und hätte sie dort gelebt, und wäre sie nicht emigriert dabeigewesen waren, können wir das seriöse Gedenken sofort einstellen.
Denn dadurch, dass der Zeichner keiner autiobiographischen Wahrheit verpflichtet ist, kann er sich auch in einem besonders schmeichelhaften Licht darstellen: Sein Alter Ego Yossel ist der talentierteste Zeichner im Judenviertel, nach der Besatzung werden seine Comics auch von hohen Nazi-Offizieren bewundert, und er skizziert sämtliche Aspekte des Holocausts- von denen er jedoch nur durch Hörensagen weiss.
Selbst wenn man das zweifelhafte persönliche Motiv des Autors zurückstellt, bleibt der Inhalt des Buches wenig ergiebig. Es wird die gewohnte Familiengeschichte erzählt, die man in jeder Dokumentation hören kann: Der Machtantritt der Nazis, erste Pogrome, die Erwägung Auszuwandern, überhastete Flucht und schliesslich KZ und Ghetto werden nacheinander abgehandelt, ohne die kleinste persönliche Note.
Einzig Beachtung an dem Buch verdient der Zeichenstil. Kubert zeichnet auf eine Art, die nur das nötige liefert. Vereinzelte Bildausschnitte, schattenhafte Figuren mit verwaschenen Umrissen und weitschweifige Schraffuren. Diese Technik ist sehr gelungen und schafft es tatsächlich eine dreckige und düstere Stimmung zu erschaffen.
Der Stil ist der einzige Grund für den zweiten Stern. Ich halte eine Nachlieferung eines Erlebnisses, das man nicht selbst erlebt hat für obszön und verlogen. Kubert hat keine Erinnerungen, unter denen er leiden könnte, also dürfte er auch keinen Grund haben, einen Comic über den Holocaust zu zeichnen.
Dürfte ein Nachgeborener ein Buch über den Holocaust schreiben? Ich sage nein. Darf also ein Mensch, der die Zeit des Holocausts in einem anderen Land verbrachte, ein solches Buch zeichnen? Auch nicht.