Wenn man bedenkt, dass dem "starken Geschlecht" die Praxis und Vermittlung des Yoga über Jahrhunderte vorbehalten blieb, so verwundert es doch, nun vermehrt mit Veröffentlichungen konfrontiert zu werden, die explizit "Männeryoga" oder "Yoga für den Mann" propagieren. Yoga war rund 4950 Jahre eine Domäne der Männer und somit Yoga für den Mann!
Gibt es jetzt also ganz spezielle Übungen, die wiederum nur Männern vorbehalten sind? Oder geht es gar um die erneute Ausgrenzung von Frauen?
Mit solchen Überlegungen las ich das neue Buch des vor allem in München Jivamukti-Yoga lehrenden Dr. phil. Patrick Broome, zu dessen "Kundenstamm" die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, aber auch, wie er schreibt, Banker, Tischler, Manager und Filmemacher gehören. Diesen "Kundestamm" hatte er wohl im Blickfeld, als er über die Konzeption dieses Buches nachdachte, zu dem der Ex-Fußball-Profi und DFB-Manager Oliver Bierhof ein freundliches Vorwort schrieb.
Im ersten Viertel des Buches schreibt Patrick Broome u.a. über die Anatomie des Mannes und die Frage nach dem tieferen Sinn. Er behauptet dort, dass Männer an Konflikten reifen (S.15) und dass Yoga nichts ist, worüber man nachdenken kann, sondern etwas, das man tun muss (S. 22).
Eine Seite weiter stellt er fest, dass alles möglich ist, wenn sich die Gedanken ändern. Dabei hat er offenbar ausschließlich an seinen zu Beginn erwähnten "Kundenstamm" gedacht, weniger an Langzeitarbeitslose oder Betroffene einer Hungersnot, die rein gedanklich nichts an ihrer Misere ändern können.
Ab Seite 38 geht es dann um jene Dinge, die "man tun muss", also um das Übungsprogramm. Dort werden u. a. der Sonnengruß und der Drehsitz sowie der Kopfstand und die Kindhaltung angeleitet. Ganz zum Schluss geht es noch um den Mann und die Sexualität. Shiva wird als Urvater der Yogis und charismatischer Frauenverführer angeführt (S. 116) und die Nieren (sic!) zum Speicher für Sexualenergie erklärt (S. 118).
Gibt es in diesem Buch nun also ganz spezielle Übungen, die nur Männern vorbehalten sind? Oder geht es tatsächlich um die erneute Ausgrenzung von Frauen?
Die Antwort auf beide Fragen lautet: Nein! Seit etwa einem halben Jahrhundert partizipieren im Westen überproportional viele Frauen an der Vielfalt des Yoga und auch sie üben den Sonnengruß, den Drehsitz, den Kopfstand und die Kindhaltung. Und dies ist gut so. Die Übungen, die Patrick Broome vorstellt, sind keine Übungen explizit für Männer. Lediglich auf den letzten sieben Seiten des Buches geht es um spezifische Übungen für die Libido und die Standfestigkeit des Mannes. Ob aber Zungendrehen und Beckenbodentraining mit Yoga gleichzusetzen sind, ist eine andere Frage, die ich tendenziell auch eher verneinen würde.