Gerne wird in lang etablierten Yogakreisen vermutet, dass Jivamukti Yoga ja eigentlich nur 'lifestyle yoga' sei und dass ihr Werbeslogan 'hip, hot & holy' (angesagt, heiß & heilig) eigentlich schon alles über das Anliegen dieses Yogastils aussagen würde, der vor einigen Jahren vermittelt durch Lehrer wie Dr. Patrick Broome und Gabriele Boszic direkt von New York nach München importiert wurde. Viele waren sich sicher, dass der äußerst moderne und oft auch äußerst radikale Ansatz der Jivamukti Yoginis und Yogis hier nicht funktionieren würde. Dabei geschah aber das Wunderbare: Yoga wurde tatsächlich 'lifestyle', d.h. ein Lebensstil! Und zwar nicht nur für einige, sondern für viele. Für die, die den BDY mit aufbauten und für die Jungen, die gerne Asana mit hipper Musik im Hintergrund üben, die Grün und Eco und veg (oder sogar vegan) sind. Und so kam es, dass Jivamukti Yoga zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil der deutschen Yoga-Landschaft wurde.
Sicher traf Jivamukti den Nerv der Zeit und ganz sicher sind ihre beiden Begründer ' Sharon Gannon und David Life ' äußerst charismatische Lehrer. Und nun liegt mit 'Yoga der Befreiung' ihr großes Lehrbuch (ihre 'Bibel') auch in deutscher Sprache vor.
Und zwar bei Via Nova! Das spricht für sich, denn Verleger Werner Vogel steht persönlich für jedes Buch, dass er herausgibt (für mich ist das so etwas wie ein besonderes Gütesiegel).
Bereits 2002 haben Sharaon Gannon & David Life ihr Buch 'Yoga - zur Befreiung von Körper und Seele' in den USA herausgebracht und damals war es wirklich ein neuer Ansatz. Ein fast revolutionärer Brückenschlag zwischen dem alten Wissen, das die beiden von ihren Gurus Sri Brahmananda Sarasvati, Sri Sw. Nirmalananda und Sri Pattabhi Jois empfangen hatten, und moderner spiritueller Kultur und Kunst.
Dieser Brückenschlag als ein wichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte des Abendlandes ist für uns deutsche Leser sicher nicht so leicht nachzuvollziehen. Aber ich denke, er ist als solcher zu verstehen. Jivamukti Yoga wurde zum Synonym für ein Yoga der Stars (dafür steht auch in diesem Buch das Vorwort von Sting). Darüber mögen wir denken, wie wir wollen. Es waren aber gerade die Stars, die begannen, Yoga zu praktizieren, die so ganz entscheidend dazu beitrugen, dass Yoga wirklich populär wurde (d.h. teilweise aus einer ziemlicher unseligen esoterischen Nische befreit wurde).
Inhaltlich zeigt 'Yoga der Befreiung' einen vollständigen Yogaweg, der sehr viele Praxisschritte berücksichtigt, vor allem - sonst eher ungewöhnliche Aspekte ' wie Bhakti, Ahimsa, Karma-Yoga.
Der Praxisteil ist recht Ashtanga-orientiert, was ihn nur für wenige Menschen gut nachvollziehbar machen dürfte. Der Praxisteil ist nicht wirklich brauchbar. Das liegt vor allem an den teilweise hyper-reduzierten SW-Abbildungen (des US-Originals) in weniger als Briefmarkengröße vieler Asanas und Übungsfolgen, wodurch die Übungsfolgen dem Übenden nur bedingt zugänglich werden.
Über die Asanas, Vinayasas und all die anderen Yoga-Techniken mag man denken, wie man will! Auf jeden Fall wird erkennbar, dass hier ein Versuch unternommen wurde, dass alte Wissen für jeden modernen Menschen (irgendwie) verfügbar zu machen.
Aber dafür gibt es ja daneben noch einen ausführlichen ' ja sogar überwiegenden - Teil, der sich philosophischen und weltanschaulichen, ökologischen und humanistischen Themen ' wie dem kompromisslosen Schutz der Tiere 'widmet. Hier liegt die Stärke und Eigenart dieses Buches.
Fazit: kein Buch für AnfängerInnen. Kein Buch für Yoginis/Yogis, die gerne ihre Vorurteile pflegen. Ganz sicher ein Buch für alle, die Yoga definitiv und kompromisslos als Lebensweg verstehen. Und die dazu eine Gemeinschaft, einen »Stamm« (Tribe) suchen.
Auf jeden Fall ein Buch, dass den Autoren aus der Seele kam ' getragen und gespeist von ihren Erfahrungen über all die Bedürfnisse und Erwartungen, die die wahrhaft Suchenden des Yoga jeden Tag auf ihre Matte und Ihr Meditationskissen führen. Für diese Menschen ist Sharons und David's Buch ein idealer Wegbegleiter.