Ach, wie schön wäre es gewesen, wenn das zehnte Studioalbum der Pet Shop Boys totaler Müll gewesen wäre' man hätte jede Kritik und jede Rezension mit einem klaren 'No' überschreiben können! Und die beiden hätten es sicher lustig gefunden. Ganz am Anfang machte sich da auch einige Skepsis bei mir breit. Vom kommerziellsten Album seit 'Very' war die Rede. Erfolg um jeden Preis, noch mal 'nen großen Wurf landen, notfalls auch mit dem Girls-Aloud/Sugababes-Produzententeam Xenomania. Das wirkte mehr, wie zwei Herren um die 50 in der Midlife-Crisis. Dann kam die Vorabsingle 'Love etc.' und die Zweifel waren weggewischt und angesichts des Endresultats möchte ich allen Zweiflern entgegen rufen: No, No No!
Gut, am Ende ist 'Yes' doch ein überschwängliches, kommerzielles, extrovertiertes Zuckerpop-Album geworden, das es in der Form und Konsequenz seit dem 1993er 'Very' nicht mehr gab. Und vielleicht auch aus diesem Grund ist es das beste Pet Shop Boys Album seit eben jenem Nr.-1-Album, welches dieses penetrante 'Go West' beinhaltete. 'Yes' ist genau das, was der Titel ankündigt. Euphorie-Pop, hoffnungslos Melodieverliebt, wie naiv und in seiner Konsequenz, Glätte und Eingängigkeit geradezu rebellisch. Und am Ende doch keinesfalls billig, musikalisch hochwertig und vor allem intelligent. Intelligenz und Tiefsinnigkeit, verpackt in scheinbar oberflächlichen Elektro-Pop! Dafür stehen die Pet Shop Boys seit einem Vierteljahrhundert' doch schon lange nicht mehr klang das so stimmungsvoll, treffend und perfekt, wie auf 'Yes', welches sich bereits jetzt für die besten Alben des Jahres qualifiziert hat.
Das Faszinierende und keinesfalls Selbstverständliche an 'Yes' ist die Tatsache, dass es nicht nur keine schwachen Songs gibt, sondern wie hoch die Hitdichte der vorhandenen Tracks am Ende ist. Die Single 'Love etc.' ist eh eine der besten der letzten Jahre und funktioniert als Opener und packende Hymne auf den Konsumverzicht (und das in Zeiten der Wirtschaftskrise) bestens. Und dann gleich im Anschluss mit 'All Over The World' einer dieser unverschämten Ohrwürmer, den so nur die Boys hinkriegen. Sollte das, wie bereits so halb beschlossen, Single werden, könnte den Boys dank Mitklatsch-Hip-Hop-Beat und Ohrwurm-Refrain noch mal ein richtig großer Wurf werden. Unwiderstehlicher geht's gar nicht. Auch bei 'Beautiful People' nicht, welcher zusammen mit Owen Pallett entstand, der vergangenes Jahr schon die Streicher für die Last Shadow Puppets arrangiert hatte. Und so klingt dieser Song auch ein wenig nach dem Alex Turner Seitenprojekt und den 60er Jahren. Und pausenlos geht's weiter. 'Did You See Me Coming?' ist Power-Disco-Gute-Laune-Pop, der direkt aus den 90ern stammen könnte und sich einmal mehr im Ohr festsetzt. 'Vulnerable', 'More Than A Dream', 'Building a Wall'' man kann das Album im Folgenden Song für Song durchgehen, ohne etwas Schlechtes zu sagen. Die Ballade 'King Of Rome' fungiert als Ruhepol, erinnert an 'Behaviour'-Zeiten und ist traumhaft, danach gibt man mit 'Pandemonium' noch mal Zunder, bevor eine bittersüße Liebesgeschichte in 'The Way It Used To Be' erzählt wird und das Album mit dem epischen Closer 'Legacy' zur Ruhe kommt. Was bleibt ist ein hervorragender Eindruck? Nach dem ersten Hören und sicher auch nach dem zwanzigsten. Neil Tennant und Chris Lowe praktizieren auf ihrem Album einmal mehr die Unwiderstehlichkeit ihres Pops. Intelligente Songs auf billigen Beats.
Damit untermauern sie ihren Status als Ausnahmeerscheinung der Popgeschichte, welcher ihnen in den letzten Jahren sicher etwas abhanden gekommen ist, trotz konsequent hoher Qualität ihrer Alben. Doch 'Yes' ist anders! Irgendwie fügen sich die Puzzelteile hier besser zusammen, als auf 'Fundamental' oder 'Release', irgendwie klingt es zeitgemäßer, vielleicht auch, weil die Zeit wieder reif für den Pop der Boys ist. Wenn Lady Gaga, die Killers, MGMT oder Lily Allen hemmungslos den elektronischen Glamour-Pop der 80er zelebrieren und damit bei Alt und Jung ankommen, dann können das Neil Tennant und Chris Lowe sowieso problemlos. Alterslos sind sie und ihre Musik sowieso. Vielleicht wird am Ende doch alles gut für die unterschätzteste Popband der letzten Jahre und sie werden endlich verstanden. Und wenn nicht, ist dies sicher auch in ihrem Interesse.