Das eigentliche Thema dieses Films wird scheinbar von den meisten Zuschauern nicht erfasst: es geht nicht hauptsächlich darum, dass sich eine Frau Anfang des 19. Jahrhunderts in Osteuropa als Mann verkleiden muss, um studieren zu können, sondern dass sie partout studieren WILL, weil sie "nur" in Heirat und Mutterschaft keine Erfüllung sieht. Während ihrer Aufnahmeprüfung weist der Professor sie schon darauf hin, dass das Studium auf das Leben vorbereiten soll, nicht umgekehrt; dass Erleben und direkte Erfahrung das Entscheidende sind und nicht das geschriebene Wort. Yentl versteht das zunächst nicht, muss aber am eigenen Leib die Weisheit dieser Worte begreifen, als sie sich hoffnungslos in einen Kommilitonen verliebt und in eine absurde Ehe mit einer anderen Frau gedrängt wird: Yentl ist völlig überfordert, ihr geliebter Talmud bietet ihr auch nicht genügend Rat, verzweifelt muss sie selbst um eine Lösung ringen.
Längst nicht so selbstverliebt inszeniert wie z.B. "The Mirror Has Two Faces", mit einer wunderbaren, mitreißenden Filmmusik, faszinierende Verfilmung einer Geschichte von I.B. Singer, detailverliebt, inspiriert, Porträt einer Epoche, Darstellung von Sitten und Lebensweise der osteuropäischen Juden in der damaligen Zeit... "Yentl" ist Barbra Streisands Film bis ins letzte Detail, von ihr aufs liebevollste gepflegt, Erfüllung eines jahrzehntelangen Traumes. Und die Tatsache, dass sie alle Lieder selbst singt, hat mich persönlich nie gestört: ihre Stimme und Persönlichkeit sind jedes Mal stark genug, um die Szene zu tragen. Ich fand diese Tatsache sogar wegweisend in der Art, wie eine Geschichte erzählt werden kann, nur leider hat sie meines Wissens bisher keiner nachgemacht. Oder nachzumachen gewagt...?