Aus der Amazon.de-Redaktion
Um die Verrohung der Gesellschaft geht es in Martin Amis neuem Roman Yellow Dog, und der Autor zeigt sie nicht nur am Schicksal Meos auf. Es geht um die Pornoindustrie, dessen Mogul den Überfall auf Meo in Auftrag gab. Und es geht um den Missbrauch und die Doppelbödigkeit der Macht, die sich in immer neuen Obszönitäten entlarvt -- und die selbst vor der königlichen Familie nicht Halt macht. Immerhin existiert ein anzügliches Video der minderjährigen englischen Kronprinzessin, das nicht nur die britische Krone ins Zwielicht stellt, sondern auch zum obskuren Objekt der Begierde skrupelloser Krimineller wird. Aber welche Rolle spielt eigentlich Clint Smoker mit seinem Sexmagazin, dessen Spitzname dem Roman den Titel gab?
"Was war früher komisch?", fragt sich "Yellow Dog" Clint Smoker einmal in Amis Roman: "Was ist heute komisch? Und ist es immer noch komisch?" Das ist eine entscheidende Frage, denn manche Romane, die heute als komisch gelten, haben nach einigen Jahren ihren Reiz verloren. Yellow Dog ist kein komischer Roman. Er ist ein eminent sozialkritischer, faszinierend frisch geschriebener Roman. Aber er ist voller komischer, urkomischer Elemente. Und man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass er es auch beim zweiten Lesen, nach Jahren, noch sein wird. Denn Yellow Dog ist auf klassische Art und Weise gelungen. Ein in jeder Hinsicht großer Wurf. --Stefan Kellerer
Kurzbeschreibung
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der König war nicht in seinem Büro und zählte sein Geld. Er war in einem Salon an der Place des Vosges und hörte sich sehr schlimme Neuigkeiten an. Der Stallmeister im Sessel gegenüber hieß Brendan Urquhart-Gordon. Zwischen ihnen lag auf einem niedrigen Glastisch ein Foto, umgedreht, und eine Pinzette. Und auch das Zimmer glich einem Foto: seit mehreren Minuten hatte keiner der beiden sich geregt oder etwas gesagt.
Um die Szene zu beleben, wurde eine Schwingung gebraucht, und die kam: das Ping einer Stimmgabel, als eine der tausend Facetten des eisigen Kronleuchters sich in dieser Tonne Glas geringfügig umgruppierte.
Henry IX. sagte: "In was für einer schrecklichen Welt leben wir, Bugger. Die Welt ist einfach grauenhaft... furchtbar."
"Das ist sie in der Tat, Sir. Darf ich Ihnen zu einem Brandy raten, Sir."
Der König nickte. Urquhart-Gordon schwang die Tischglocke. Erneute Schwingungen: empörend schrill. Weit hinten erschien der Diener Love in der Tür. Urquhart-Gordon hatte nichts gegen Love, aber es war ihm peinlich, seinen Namen in den Mund zu nehmen. Wer will schon einen Diener haben, der Love heißt?
"Zwei große Remy reserve, wenn Sie so freundlich wären, Love", rief er.
Der Beschützer des Glaubens er stand an der Spitze der Kirche von England (episkopalisch) und der Kirche von Schottland (presbyterianisch) fuhr fort: "Wissen Sie, Bugger, das erschüttert meinen persönlichen Glauben. Erschüttert es den Ihren auch?"
"Mein persönlicher Glaube war stets nur ein schwankes Rohr, Sir."
Ziemlich unwahrscheinlich mag dieser Ausdruck aus dem Mund eines Mannes anmuten, dessen Gestalt einem Kummerbund glich. Kahl, dunkel, rosig, mit jüdischem Verstand (wie manche behaupteten) von mütterlicher Seite.
"Erschüttert ihn bis ins Innerste. Diese Leute sind wahrhaftig das Letzte. Nein. Schlimmer. Ich vermute, sie alle sind Teil irgendeines gräßlichen Kartells ?"
"Das ist möglich, Sir."
"Warum hat... Wie kann es möglich sein, daß solche Kreaturen in Gottes Plan eine Ralle spielen?"
Love trat wieder ein, und während er sich näherte, begannen etwa ein Dutzend Uhren eine nach der anderen die Stunde zu schlagen. Ein geborener Praktiker, überlegte Urquhart-Gordon, daß an der Modernisierung des offenen O des Königs noch intensiv gearbeitet werden müsse. Besonders in Krisenzeiten hörte sich das fast noch wie zu Vorkriegszeiten an. Brendans rosige Wangen leuchteten für einen Moment noch rosiger, als er an Henrys Besuch als Prince of Wales im Gewerkschaftsgasthaus zu Newbiggin-by-the-Sea dachte, und wie der Prinz dort am Piano "My Old Man s a Dustman" gesungen hatte: "My old man s a dustman, He wears a dustman s hat, He wears cor-blimey trousers, And he lives in a council flat!" Die Presse hatte nichts Eiligeres zu tun, als darauf hinzuweisen, daß es sich in Wahrheit ganz anders verhielt: Henrys alter Herr war Richard IV., und er lebte im Buckingham Palace.
Das Gesicht leicht von den Dünsten der Kognakschwenker abgewandt, schritt Love, der noch einiges an Wegstrecke vor sich hatte, weiter auf sie zu. Es war fünf nach sechs, als er das Zimmer verließ.
"Verzeihen Sie, Bugger. In meinem Kapf herrscht Leere. Abgegeben...?"
"Das Foto wurde in meiner Wohnung in St. James s abgegeben. In einem weißen Umschlag." Diesen Umschlag zog Urquhart-Gordon nun aus seiner Mappe hervor. Er reichte Henry IX. die durchsichtige Reißverschlußhülle, und der beäugte sie mit überdurchschnittlich konfusem Blick. MR BRENDAN URQUHART-GORDON ESQUIRE, und rechts oben: Privat und vertraulich. "Kein Begleitschreiben. Die Handschrift und das überflüssige Esquire lassen auf einen unkultivierten oder ausländischen Schreiber schließen, falls es sich nicht um den Versuch handelt, uns ebendies glauben zu machen. Die Abwehr wird uns wahrscheinlich mehr sagen können."
Urquhart-Gordon beobachtete die finstere Miene des Königs. Normalerweise trug Henry IX. sein dichtes blondes Haar seitlich über die Stirn gek
Auszug aus Yellow Dog von Martin Amis. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der König war nicht in seinem Büro und zählte sein Geld. Er war in einem Salon an der Place des Vosges und hörte sich sehr schlimme Neuigkeiten an. Der Stallmeister im Sessel gegenüber hieß Brendan Urquhart-Gordon. Zwischen ihnen lag auf einem niedrigen Glastisch ein Foto, umgedreht, und eine Pinzette. Und auch das Zimmer glich einem Foto: seit mehreren Minuten hatte keiner der beiden sich geregt oder etwas gesagt.
Um die Szene zu beleben, wurde eine Schwingung gebraucht, und die kam: das Ping einer Stimmgabel, als eine der tausend Facetten des eisigen Kronleuchters sich in dieser Tonne Glas geringfügig umgruppierte.
Henry IX. sagte: »In was für einer schrecklichen Welt leben wir, Bugger. Die Welt ist einfach grauenhaft... furchtbar.«
»Das ist sie in der Tat, Sir. Darf ich Ihnen zu einem Brandy raten, Sir.«
Der König nickte. Urquhart-Gordon schwang die Tischglocke. Erneute Schwingungen: empörend schrill. Weit hinten erschien der Diener Love in der Tür. Urquhart-Gordon hatte nichts gegen Love, aber es war ihm peinlich, seinen Namen in den Mund zu nehmen. Wer will schon einen Diener haben, der Love heißt?
»Zwei große Remy reserve, wenn Sie so freundlich wären, Love«, rief er.
Der Beschützer des Glaubens er stand an der Spitze der Kirche von England (episkopalisch) und der Kirche von Schottland (presbyterianisch) fuhr fort: »Wissen Sie, Bugger, das erschüttert meinen persönlichen Glauben. Erschüttert es den Ihren auch?«
»Mein persönlicher Glaube war stets nur ein schwankes Rohr, Sir.«
Ziemlich unwahrscheinlich mag dieser Ausdruck aus dem Mund eines Mannes anmuten, dessen Gestalt einem Kummerbund glich. Kahl, dunkel, rosig, mit jüdischem Verstand (wie manche behaupteten) von mütterlicher Seite.
»Erschüttert ihn bis ins Innerste. Diese Leute sind wahrhaftig das Letzte. Nein. Schlimmer. Ich vermute, sie alle sind Teil irgendeines gräßlichen Kartells?«
»Das ist möglich, Sir.«
»Warum hat... Wie kann es möglich sein, daß solche Kreaturen in Gottes Plan eine Ralle spielen?«
Love trat wieder ein, und während er sich näherte, begannen etwa ein Dutzend Uhren eine nach der anderen die Stunde zu schlagen. Ein geborener Praktiker, überlegte Urquhart-Gordon, daß an der Modernisierung des offenen O des Königs noch intensiv gearbeitet werden müsse. Besonders in Krisenzeiten hörte sich das fast noch wie zu Vorkriegszeiten an. Brendans rosige Wangen leuchteten für einen Moment noch rosiger, als er an Henrys Besuch als Prince of Wales im Gewerkschaftsgasthaus zu Newbiggin-by-the-Sea dachte, und wie der Prinz dort am Piano »My Old Mans a Dustman« gesungen hatte: »My old mans a dustman, He wears a dustmans hat, He wears cor-blimey trousers, And he lives in a council flat!« Die Presse hatte nichts Eiligeres zu tun, als darauf hinzuweisen, daß es sich in Wahrheit ganz anders verhielt: Henrys alter Herr war Richard IV., und er lebte im Buckingham Palace.
Das Gesicht leicht von den Dünsten der Kognakschwenker abgewandt, schritt Love, der noch einiges an Wegstrecke vor sich hatte, weiter auf sie zu. Es war fünf nach sechs, als er das Zimmer verließ.
»Verzeihen Sie, Bugger. In meinem Kapf herrscht Leere. Abgegeben...?«
»Das Foto wurde in meiner Wohnung in St. Jamess abgegeben. In einem weißen Umschlag.« Diesen Umschlag zog Urquhart-Gordon nun aus seiner Mappe hervor. Er reichte Henry IX. die durchsichtige Reißverschlußhülle, und der beäugte sie mit überdurchschnittlich konfusem Blick. MR BRENDAN URQUHART-GORDON ESQUIRE, und rechts oben: Privat und vertraulich. »Kein Begleitschreiben. Die Handschrift und das überflüssige Esquire lassen auf einen unkultivierten oder ausländischen Schreiber schließen, falls es sich nicht um den Versuch handelt, uns ebendies glauben zu machen. Die Abwehr wird uns wahrscheinlich mehr sagen können.«
Urquhart-Gordon beobachtete die finstere Miene des Königs. Normalerweise trug Henry IX. sein dichtes blondes Haar seitlich über die Stirn gekämmt. Jetzt aber war die Tolle in königlicher Unordnung zu wirr herabhängenden Fransen zerzaust, so daß seine Augen noch gequälter und entzündeter wirkten. Henry IX. sah ihn weiterhin finster an, und schließlich zuckte Urquhart-Gordon die Schultern und sagte: »Wir warten auf weitere Mitteilungen.«
»Erpressung?«
»Nun ja, ich würde sagen: die Androhung einer solchen. Es scheint einigermaßen klar, daß dies nicht im gewöhnlichen Sinn ein Werk der Medien ist. Wäre es das, könnten wir uns das Foto längst in einer deutschen Zeitschrift ansehen.«
»Bugger!«
»Verzeihung, Sir. Oder im Internet.«
Mit einer erschöpften Geste griff Henry IX. nach dem Ding auf dem Tisch. Seine Hand zitterte.
»Nehmen Sie die Pinzette, Sir, wenn Sie so freundlich wären. Drehen Sie es mit der Pinzette um.«
Der König gehorchte.
Er hatte seine Tochter seit drei oder vier Jahren nicht mehr nackt gesehen, und mehr als alles andere quälte und bewegte ihn aufs schmerzlichste, wie unverkennbar fraulich seine kleine Tochter, die doch noch mit Puppen spielte, bereits geworden war. Dies, und dazu die Verträumtheit, die Arglosigkeit ihrer Miene, führte dazu, daß der Vater sich mit dem Ärmel die Augen bedeckte.
»O Bugger.«
»O Hotty.«
Urquhart-Gordon schaute hin. Eine Fünfzehnjährige, allem Anschein nach in einer weißen Badewanne, die Arme locker an der
Seite, die Beine angewinkelt in knöcheltiefem Wasser: Prinzessin Victoria im Kostüm der Nacktheit, im Overall der Nacktheit, schon fast eine Frau. Sommerlich sonnengebräunt nur dort nicht, wo
die weiße Haut einen geisterhaften Bikini nachzubilden schien. Urquhart-Gordon hatte den Reisekalender durchgesehen: etwas anderes als Urlaub machte die Prinzessin offenbar nicht. Aber jetzt war bald November, und sie war seit sechs Wochen wieder im Internat. Warum, fragte er sich, hatten sie so lange gewartet? Etwas im Gesicht der Prinzessin machte ihm Sorgen, beunruhigte ihn zusätzlich: die leicht nach oben gedrehten Pupillen... Brendan Urquhart-Gordons Spitzname ging übrigens auf seine Initialen zurück, der des Königs auf seine Rolle als Hotspur in einer Schulaufführung von Henry IV., Erster Teil.
»Halten Sie es für möglich«, sagte Henry IX. bedrückt, »daß die Prinzessin und, äh, eine Freundin mit einer Kamera herumgespielt haben und, äh...«
»Nein, Sir. Und ich fürchte, es ist höchst unwahrscheinlich, daß das schon alles ist.«
Der König sah ihn verständnislos an. Man mußte ihm immer alles ganz deutlich sagen.
»Es gibt sicher noch mehr Fotos von der Prinzessin. In anderen... Posen.«
»Bugger!«
»Verzeihen Sie, Sir. Das war schlecht ausgedrückt. Die Sache ist die: sehen Sie sich das Gesicht der Prinzessin an, Sir. Es ist das Gesicht einer Frau, die allein zu sein glaubt. Wir können uns nur damit trösten, daß die Prinzessin von dieser beispiellosen Verletzung ihrer Intimsphäre nichts gewußt hat und immer noch nichts weiß. Sie war und ist vollkommen ahnungslos.«
»Ja. Ahnungslos. Ahnungslos.«
»Sir, habe ich Ihre Erlaubnis, John Oughtred zu mobilisieren?«
»Jawohl. Sonst niemanden, versteht sich.«
Henry IX. erhob sich, und Urquhart-Gordon tat es ihm nach. Im Gleichschritt setzten sie sich in Bewegung, der eine so geschmeidig, der andere so schlank. Als sie endlich die weite Laibung des mittleren Fensters erreicht hatten, sahen die beiden Männer durch Kette und Schuß des Spitzenvorhangs hinaus. Scheinwerfer, Kräne, Kranbrükken, ausfahrbare Leitern: die Feuerwehrleute der Medien. Es war der Vorabend des zweiten Jahrestages des Unfalls der Königin. Vom König erwartete man für den nächsten Tag eine Erklärung, bevor er nach England zurückflog und ans Lager seiner Gemahlin eilte. Denn seine Frau war nicht im Garten und aß Honigbrot. Sie war im Royal Inverness an bestimmte Apparate angeschlossen.
»Nun, Sir. Das Familienmotto.«
Das Familienmotto, das Henry IX. von seinem Vater, Richard IV., und seinem Großvater, John II., übernommen hatte, war inoffiziell. Auf latein mochte es vielleicht prosequare gelautet haben. Auf englisch lautete es: Get On With It. Weitermachen.
[ ... ]
2. Der hochintelligente Schwachsinnige
Was war früher komisch? fragte sich Clint Smoker. Was ist heute komisch? Und ist es immer noch komisch?
Ein stilles Konferenzzimmer in dem kranken Gebäude. Jenseits des hermetischen Fensters schlug eine tuberkulöse Taube mit den Flügeln. Der Verleger saß an seinem Schreibtisch, das Gesicht in die Hände gestützt.
Denn die Morning Lark steckte in der Krise. Desmond Heaf (dessen Gewohnheit es war, einfach zu verschwinden, mal da- und mal nicht dazusein) war nach dreißigstündigem Flug aus dem Südpazifik heimgekehrt, um seine Männer um sich zu scharen.
Schließlich sagte er: »Ich kann nicht begreifen, wie etwas so Extremes tatsächlich... Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?« Er schielte widerwillig nach der vor ihm ausgebreiteten Doppelseite. »Heiliges Herz Jesu. Ich meine, es liegt doch nicht in der Natur...«
»Als ich die erste gesehen habe«, sagte Clint, »habe ich gedacht, das sei eine Enthüllungsstory über das Tierheim in Battersea.«
»Ja«, sagte Jeff Strite, »oder ein schockierender Bericht über rumänische Irrenhäuser.«
»Und der bisherige Schaden?«
»Die ganze Sache wird sehr persönlich genommen«, sagte Mackelyne. »Die Leute da draußen sind ganz schön wütend.«
»Verlieren wir sie, Supermaniam?«
»Wenn ich nach meinen E-Mails gehe, sterben sie alle an Herzinfarkt.«
»Das ist gut, sehr gut«, sagte Heaf. »Wir töten unsere eigenen Wichser.«
Supermaniam sagte: »Das ist unser Schwarzer Donnerstag.«
Am Mittwoch vor dem Schwarzen Donnerstag hatte die Lark einen neckischen Artikel über das Guinness-Buch der Rekorde und eine neue Kategorie darin gebracht, in der das größte oder längste männliche Glied aller Zeiten gefeiert wurde. Auf derselben Seite hatte die Lark (mit übertrieben heftigem Augenzwinkern) ein Zwölf-Zoll-Lineal abgebildet und (immer noch höchst ironisch) ihre Leser zu einem boshaften Vergleich aufgefordert. Um dem, wie die Leute von der Lark meinten, deutlich erkennbaren Scherz die Krone aufzusetzen, hatten sie das Lineal so retuschiert, daß es wie ein Sechs-Zoll-Lineal aussah. Kurz nach Sonnenaufgang trafen die ersten Meldungen ein: die Selbstmordwelle des Schwarzen Donnerstags nahm ihren Lauf.
Heaf sagte: »Bill. Sie haben diese Seiten gestaltet. Wie haben Sie sich rein physisch dazu überwinden können?«
»Als die ersten reinkamen«, sagte Bill Woyno, »hab ich angenommen, die wollen uns verarschen. Als dann die nächsten kamen, hab ich gedacht: Tja, das ist... das ist, was es ist.«
»Geben wirs zu, Leute«, sagte Clint. »Damit haben wir uns ins Knie geschossen. Aber es gibt noch einen Ausweg, Chef. Darf ich eine marxistische Analyse versuchen?«
»Unbedingt, Clint«, sagte Heaf und legte respektvoll die Stirn in Falten.
»Schön. Die angesehenen Zeitungen richten sich ans Establishment, an die Intelligenzija. Die anspruchsvollen Boulevardblätter richten sich an die Bourgeoisie. Die billigen Massenblätter richten sich ans Proletariat. Und die von der Lark angesprochene Wichserschaft ist arbeitslos.«
»Kommen Sie zur Sache, Clint.«
»Also: wen kann man noch ans Schienbein treten, wenn man von der Stütze lebt? Wir haben unsere Wichser beleidigt die Beleidigung mag verdient sein, bleibt aber eine Beleidigung. Wir sagen ihnen, wir beweisen ihnen, daß die Ladys unserer Leser geradewegs aus dem Horrorkabinett stammen.«
Vier Tage zuvor hatte die Morning Lark mit großem Tamtam ihre neue Rubrik, Leserladys, eingeführt. Und an diesem Morgen waren die ersten Todesdrohungen eingetroffen.
»Du wirst schön warme Füße kriegen«, zitierte Heaf fassungslos, »wenn du deinen Schwengel an einem weiteren Fuder erstklassiger Miezen weidest, die dir unsere heißblütigen...« Er lehnte sich zurück. »Heilige Mutter Gottes, sehen Sie sich das an dieses häßliche Weib unten links.«
»Ich bekomme E-Mails von Leuten, die die Zeitungsseiten zusammenheften, damit ihr Blick nicht zufällig darauf fallen kann.«
»Sie sollten sich mal ansehen, was wir nicht drucken. Jede einzelne von denen kostet Sie Jahre Ihres Lebens.«
»Man braucht starke Nerven, und selbst dann...«
»So groß ist die Auswahl nun mal nicht. Und es wird schon langsam knapp.«
»Drei Komma sieben Millionen Wichser«, sagte Heaf mit Nachdruck. »Und etwas Besseres haben sie nicht zu bieten. Also dann. Wie gehen wir vor?«
»Ganz einfach«, sagte Jeff Strite. »Streichen. Kommentarlos.«
»Nein. Verstehen Sie«, sagte Clint, »das ist dann noch eine Beleidigung. Und darauf sind die bestimmt nicht aus.« Er zeigte auf die vier Stapel mit ausgedruckten Protest-Mails. »Die können das auch nicht fassen. Die sagen uns nicht, daß wir das einfach streichen sollen. Die sagen uns, wir sollen sagen, daß es in Wirklichkeit ganz anders ist.«
»Und gibt es da einen Ausweg, Clint?«
»Ja, Chef. Wir können die Sache umdrehen. Über einige Tage hinweg ersetzen wir die Ehefrauen nach und nach durch Models.«
»Was? Unsere eigenen Mädchen? Bißchen auffällig, oder?«
»Na ja, natürlich nicht die Donna Stranges dieser Welt. Eher die zweite Garnitur. Und wenn gelegentlich ein bekanntes Gesicht dazwischengerät... Verstehen Sie, die Reaktion ist doch nicht gerade das, was man rational nennen könnte. Richtig? Wir haben sie in den Arsch getreten. Wir haben sie beleidigt. Also sollten wir ihnen jetzt schmeicheln.«
Im Kampf um die ideologische Ausrichtung der Lark war Clint Smoker stets alarmierend radikal. Er allein, so schien es manchmal, wußte ihren typischen Leser richtig einzuschätzen. Nun fuhr er fort: »Das wird schon klappen. Man könnte Filmstars auf dieser Doppelseite bringen und eine Banderole drumwickeln, wo draufsteht: Träumt weiter, ihr blöden Trottel, und es würde trotzdem gut ankommen. Und dann müssen wir unbedingt die Dekoration verbessern. Weg mit diesen grauenhaften... Kohlenkellern. Sehen Sie bloß mal das Bild da, Mitte rechts.«
Heaf drehte seinen Kopf um neunzig Grad nach links und neigte ihn dann sehr langsam der Zeitungsseite zu, nur um mit einem Ruck wiederaufzufahren.
Clint sagte: »Das könnte als Illustration zu einem Artikel über weiße Sklaven oder Wohnverhältnisse in Slums dienen. Übrigens gilt das für alle Bilder auf dieser Doppelseite. Nein. Wir wollen anständige Ladys auf dreiteiligen Sitzgarnituren. Oder was noch Besserem. Und wenn man sie vor Luxusvillen ablichten würde, wären unsere Wichser auch nicht klüger als zuvor, das garantiere ich Ihnen.«
Hierauf wurde etwa eine halbe Minute lang geschwiegen.
»Danke für Ihre klaren Worte, Clint«, sagte Heaf. »So machen wir es. Sonstiges. Also. Alle anderen Zeitungen schreiben unaufhörlich von diesem NEO, diesem Asteroiden oder was das ist, und sicher sind wir einem vernünftigen Instinkt gefolgt, als wir beschlossen haben, das Ding komplett zu ignorieren. Aber bei all diesen welterschütternden Ereignissen zur Zeit dürfen wir dem Wichser diese Aktualitäten wirklich vorenthalten? Ich finde, wir sollten die wichtigsten Kriege und Seuchen und Revolutionen und so weiter doch wenigstens erwähnen. Ich weiß ja, unser Schwerpunkt liegt wesentlich im nationalen Bereich, aber angesichts der gegenwärtigen Weltlage kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß wir bei den Auslandsmeldungen ein wenig in Rückstand sind.«
»Da stimme ich zu, Chef«, sagte Strite. »Ich hätte gegen einen weiteren Monat in Bangkok nichts einzuwenden.«